Angst und Corona in AMS-Kursen

Kein E-Learning für Arbeitslose

Mitten in der zweiten Infektionswelle müssen rund 65.000 Menschen nach wie vor physisch in AMS-Kursen sitzen. Trainer und Kursteilnehmer sehen sich als „Menschen zweiter Klasse“, die vom AMS „verheizt werden“.

Wien, 10. November 2020 | Anwesende mit Covid-19-Symptomen, Gruppen von 17 Personen, keine Masken, kein Sicherheitsabstand: Was TrainerInnen und TeilnehmerInnen aus Kursen des AMS berichten, ist skandalös. Viele sind verzweifelt, haben Angst vor einer Ansteckung und vor einer Kündigung, wenn sie ihre Kritik offen artikulieren.

Corona-Ausnahme AMS-Kurs

Während Schulen für alle Oberstufenschüler sowie Unis seit einer Woche geschlossen sind, gehen Fort- und Weiterbildungskurse nach wie vor mit Anwesenheitspflicht weiter (ZackZack berichtete). Auch neue Kurse starten noch. Das ist möglich, da „Zusammenkünfte zu erforderlichen Aus- und Fortbildungszwecken“ vom Veranstaltungsverbot der aktuellen Corona-Verordnung ausgenommen sind.

Ausnahme in der aktuellen Covid-19-Verordnung. Screenshot: RIS.

In AMS-Kursen sitzen viele Ältere, chronisch Kranke und sozial Schwache. Ausgerechnet sie müssen inmitten der zweiten Coronawelle in vollen Kursräumen sitzen. Bei Nichterscheinen drohen schnellstens Konsequenzen bis hin zum Streichen des Arbeitslosegeldes, für viele die aktuell einzige Existenzgrundlage.

Aushang in einem AMS-Institut in Wien-Liesing. Foto: Anonym.

Verängstigte Menschen

Kaum jemand übt offene Kritik, doch anonym berichten uns viele von ihrem Leid. „Bin Asthmatikerin, muss drei Stunden mit Maske sitzen. Maskenattest wäre Kursausschluss. Ich hab ganz ehrlich Angst“, berichtet eine Kursteilnehmerin in Wien. „Wir müssen uns in Gefahr begeben, weil das AMS uns nicht auf Home-Office organisieren will“, schreibt Trainerin A. Auf die vielen kritischen Stimmen der eigenen Trainer angesprochen wollten weder das AMS Wien noch AMS Österreich Stellung nehmen. Anonyme Kritik kommentiere man nicht, sagte man uns.

Auf E-Learning wird gemäß AMS-Richtlinien erst dann umgestellt, wenn es einen bestätigten Coronafall in der Gruppe gibt, also unter Umständen zu spät. Stand 9. November gebe es 76 positiv getestete Kursteilnehmer, sagt AMS Wien-Geschäftsführerin Petra Draxl. Seit Juni habe das AMS Wien insgesamt 370 Coronafälle registriert, Ansteckungen innerhalb von Kursen, also Cluster, seien darunter keine gewesen. Die Dunkelziffer dürfte aber höher sein, da viele zwar in Krankenstand gehen, aber nicht Bescheid geben, warum. Auch intern wissen die wenigsten Trainer Bescheid, wenn es Fälle im eigenen Institut gibt.

Trainerin B, Wien. Screenshot: Facebook-Chat.

65.000 Menschen in Präsenzkursen

Zwar soll es in Wiener Instituten künftig Screenings mit Antigen-Tests geben, derzeit ist das aber nicht der Fall. Die AGES erhebt keine Infektionszahlen für Kursinstitute. Unsere Nachfragen beim AMS Österreich blieben unbeantwortet, die Pressestelle verwies einzig auf ein Ö1-Interview mit AMS-Vorstand Johannes Kopf, das diesbezüglich aber keine Antworten liefert. Kopf betont darin, dass viele Kursteilnehmer nicht für E-Learning ausgerüstet seien und man manche sozial Schwächere verlieren würde. Das mag stimmen, doch rechtfertigt es wirklich, österreichweit rund 65.000 Kursteilnehmer weiterhin in Präsenzkurse zu zwingen?

Nochmal Trainerin B, Wien. Screenshot: Facebook-Chat.

Das AMS Österreich beruft sich auf eine angeblich ausgeschickte Empfehlung für E-Learning, „wenn es der Unterricht zulässt und es den Bildungserfolg nicht gefährdet.“ In einem Schreiben des AMS Wien an seine Partnerinstitute wird lediglich die Möglichkeit von E-Learning eingeräumt. Auch das BFI Wien, einer der größten Kursträger, weiß nichts von einer Empfehlung. Das ist problematisch, weil sich viele Institute auf das AMS berufen – und umgekehrt. Dann passiert nichts. Eine ausdrückliche Empfehlung, „den Kursbetrieb auf online umzustellen, wo möglich“ erteilte jedenfalls das Gesundheitsministerium auf unsere Anfrage. Leidtragende sind die Kursteilenehmer, von denen viele Bauchweh haben, wenn sie jeden Tag im vollen Kurs sitzen.

 Als erster berichtete Sebastian Reinfeldt, früher selbst Deutschtrainer, über die aktuellen Missstände. „Ich habe früh Hinweise bekommen von Betroffenen, die sich nicht zu wehren wussten und Angst um ihre Gesundheit haben. Ich verstehe nicht, warum ausgerechnet in dieser Branche die Fürsorgepflicht der Arbeitgeber so lax gesehen wird“, sagt Reinfeldt.

Forderung nach sofortiger Einstellung

Nach mehreren Medienberichten schrieb der Verein „DiE – Deutschlehrende in der Erwachsenenbildung“ einen offenen Brief an die Regierung und AMS-Vorstand Kopf. Die Unterzeichner fordern die sofortige Einstellung aller AMS-Maßnahmen und Deutschkurse bis Weihnachten, um den jetzigen Corona-Peak zu durchtauchen.

„Die Lösung ist nicht ideal, aber es braucht eine konsequente Entscheidung“, sagt Mitinitiatorin Irene Schmölz. Im Frühjahr habe es mit der Kurzarbeit „sehr gut“ geklappt, daran führe auch jetzt kein Weg vorbei. Diesen Freitag planen die Briefverfasser eine Protestaktion vor der AMS-Bundesgeschäftsstelle in Wien. Bis dahin wird weiter unterrichtet, in vollen Klassen, bei täglich steigendem Risiko und Anwesenheitszwang.

Florian Bayer

Titelbild: APA Picturedesk

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