Die Kurz-Rechnung

Jetzt zahlt Österreich drauf

Ein halbes Jahr belehrte Sebastian Kurz Europa: Der Virusherd war in München, nicht in Ischgl; Zuschüsse für „kaputte Länder“ wie Italien dürfe es nicht geben; Reisewarnungen brauchte es im Sommer. Mit dem Skiurlaub-Verbot bekommt Österreich jetzt die Rechnung für den EU-Oberlehrer. Bezahlt wird sie von Österreichs Bevölkerung.

 

Thomas Oysmüller

Wien, 01. Dezember 2020 | Ende April, als bereits bekannt war, dass sich alleine in Tirol über 9000 Deutsche angesteckt hatten, beschuldigte Sebastian Kurz plötzlich München. Dort wäre der Virusherd gewesen, nicht in Ischgl. Die Faktenlage für diese Anschuldigung ist dünn. Mittlerweile weiß man sogar, dass der Kanzler für das Abreisechaos mit dem das Virus weiter in Europa verstreut wurde, selbst verantwortlich war.

Belehrung für Europa

Im August war Günther Platter der erste, der eine Reisewarnung für Kroatien diskutieren wollte. Nur wenige Stunden später stellt sich Sebastian Kurz vor die Presse und verhängt eine Reisewarnung für das Urlaubsland an der Adria. Österreicher wurden „dringend“ aufgerufen, ihren Urlaub abzubrechen und heimzukehren, verärgerte Kroaten bleiben zurück. Dazu liefert Kurz noch einen populistischen Sager, der die Titelseiten füllte: „Das Virus kommt mit dem Auto.“ Übersetzung: Das Ausland bringt die Seuche.

Schon im Juli durchkreuzte Kurz die Europäische Solidarität. „Staaten, die in ihren Systemen kaputt sind“, solle man kein EU-Geld zuschießen. Es war der Auftakt für die „geizigen Vier“, angeführt von Kurz, die mit allen Mitteln die EU-Budgetverhandlungen blockierten. Kredite statt Zuschüsse für „kaputte Staaten“, mit denen Kurz etwa Italien meinte.

Jetzt wütet das Virus in Österreich: 132 Corona-Tote verzeichnete Österreich am 28. November, das sind mehr als Schweden jemals an einem Tag hatte. Weil man es nicht schaffte, Pflegeheime zu schützen, musste in der Steiermark schon das Bundesheer ausrücken. Aber die Regierung schimpft, anstatt Fehler beim Schutz der Risikogruppen einzugestehen, auf die europäischen Nachbarn. Man lasse sich nichts vorschreiben, schickt Elisabeth Köstinger (ÖVP) heute in Richtung Deutschland, “wir würden ja auch nie den Vorschlag liefern, dass man in Deutschland beispielsweise die Schulen schließen soll oder Friseurbetriebe“, so der seltsame Vergleich der Tourismusministerin.

In ganz Österreich blasen die Schneekanonen auf Hochtouren. Hier etwa in Bad Kleinkirchheim.

Grenzen zu?

Italien, dem der Kanzler EU-Zuschüsse verweigerte, geht angesichts der ÖVP-Sturheit schon einen Schritt weiter: Sollte es keine gesamteuropäische Lösung für den Skiurlaub über Weihnachten geben, dann könnten die Grenzen geschlossen werden.

Auch Markus Söder machte am Sonntag im deutschen Fernsehen bereits klar: eine Reise nach Österreich, und wenn es nur Tagesausflug ist, bedeute Quarantäne. Merkel habe die „Fantasie gefehlt“, sich vorzustellen, dass Länder mit explodierenden Covid-Todeszahlen den Skitourismus eröffnen wollen, sie zeigt sich „überrascht“ von Österreich. Denn genau das plant man in Tirol offenbar noch immer.

Die EU erachtet Skiurlaub angesichts der Corona-Zahlen als fahrlässig. „Die EU sollen zahlen“, verlangte der de facto Kurz-Stellvertreter Gernot Blümel letzte Woche. Das erinnert an Viktor Orban. Anstatt europäische Solidarität folgt die Politik von Sebastian Kurz einem Leitsatz: Wir gegen die EU. Aufgrund der anti-europäischen Politik der türkisen ÖVP kassiert Österreich nun mit einem europäischen Skiurlaub-Verbot die Kurz-Rechnung.

Am 17.12 geht die Ski-Gaudi wieder los. Das „Kitzloch“ will Aprés-Ski von 16-19 Uhr anbieten. Offenbar wusste Ischgl auch bereits vom verlängerten Lockdown für Gastro und Hotels. Denn dieser soll um 10 Tage verlängert werden.

ZackZack wurde letzte Woche per Leserbrief rund um die Tiroler Panik vor dem Skiverbot aufmerksam. Im März, als Tourismus und Handel gesperrt worden waren, explodierten die Arbeitslosenzahlen im Vergleich zu 2019 um 600 %.

Die türkise Regierung wird ratlos. Nicht nur die empörten Tiroler Liftkaiser und ÖVP-Großspender sind nervös, und zittern vor der europäischen Anti-Skiurlaub-Achse von Rom über Paris bis Berlin. Auch die Menschen in Österreich spüren, dass jetzt die Kurz-Rechnung auf uns zukommt. Die „geizigen Vier“ aus dem Sommer sind Geschichte, zurück bleibt ein planloses Corona-Regierungs-Quartett.

Titelbild: APA Picturedesk

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