Mutationen, zu frühe Lockerungen

Epidemiologen rechnen mit dritter Welle Anfang März

Kommen die Lockerungen zu früh? Viele Epidemiologen rechnen angesichts der aktuellen Situation in Österreich bereits mit einer dritten Welle innerhalb weniger Wochen. Aber dem nicht genug: Auch die südafrikanische Corona-Variante breitet sich immer mehr aus, knapp ein Jahr nach Ischgl blickt ganz Europa wieder besorgt nach Tirol.

Wien 10. Februar 2021 | Dass Föderalismus in der Bekämpfung einer Pandemie nicht besonders hilfreich ist, weiß man allerspätestens seit diesem Jahr. Während die Fälle der südafrikanische Variante B.1.351 vor allem im Tiroler Bezirk Schwaz in den letzten Wochen immer häufiger wurden, diskutierten Bund und Land lieber über „Tirol-Bashing“ und Zweitwohnsitze in Skigebieten – anstatt Seilbahnen komplett zu schließen und einzelne Bezirke zu isolieren.

“Vergeuden unsere Zeit”

Bis heute ist das, entgegen der Meinungen vieler Virologen und Epidemiologen, nicht passiert. Bereits letzte Woche forderte die Virologin Dorothee von Laer von der Medizischen Universität in Innsbruck, Teile Tirols unter Quarantäne zu stellen. Erst am Freitag wird Tirol für zehn Tage abgeschottet, für eine Ausreise aus dem Bundesland benötigt man dann einen negativen Corona-Test. Viel zu spät, wie der Epidemiologe Gerald Gartlehner Dienstagabend im ORF-Report meint:

„Österreich hat schon einiges an Zeit vergeudet, weil wir ja schon länger wissen, dass Tirol zu einem Hotspot der südafrikanischen Variante geworden ist.“

Man würde nach wie vor die Zeit vergeuden, da die am Freitag in Kraft tretenden Maßnahmen, die lediglich ein Raustesten aus Tirol vorsehen, für eine wirksame Bekämpfung der Ausbreitung nicht ausreichen würden:

„Man müsste eine regionale Quarantäne über jene Bezirke verhängen, die ein erhöhtes Auftreten der südafrikanischen Variante haben. Mit regelmäßigen, vielleicht auch verpflichtenden Massentests.“

Der Impfstoff von AstraZeneca würde zudem gegen die neue Mutation aus Südafrika nicht ausreichend Wirkung zeigen; ein Grund mehr, eine breitflächige Ausbreitung zu verhindern.

“Es gibt null Argumente für Lockerungen”

Das wäre jedoch nicht die einzige Baustelle, mit der Österreich derzeit zu kämpfen hätte. Denn während die eine Variante bis jetzt nur in Teilen Tirols und kürzlich auch in der Steiermark aufgetreten ist, ist die britische Mutation B 117 bereits richtig auf dem Vormarsch. Im Osten Österreichs gehen bereits 30 bis 40 Prozent aller Neuinfektionen auf die britische Variante zurück, hinzu kommen die seit Montag wirksamen Lockerungen.

Für Gartlehner, aber auch für den Virologen Andreas Bergthaler, der am Dienstag in der ZIB2 zu Gast war, stellt sich bei einer dritten Welle daher nich die Frage, ob sie kommt, sondern wann:

„Alle epidemiologischen Modelle zeigen das Gleiche, nämlich einen starken Anstieg des Infektionsgeschehens… pessimistische Experten sagen, dass es bereits Ende Februar soweit sein wird, die Optimistischeren sagen die erste oder zweite Märzwoche voraus.“

so Gartlehner.

Auch Bergthaler sieht die Lockerungen der Regierung kritisch:

„Aus rein virologisch-epidemiologischer Sicht gibt es null Argumente dafür. Die Zahlen bewegen sich seitwärts. Gleichzeitig steigt die Anzahl der Varianten in der Gesamtmenge.“

Beide Experten sind sich einig: Der von Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) angesetzte Grenzwert von einer Tagesinzidenz von 200 wird schon in den nächsten Wochen erreicht werden, die Folge wäre ein weiterer harter Lockdown.

RKI-Präsident gibt Skifahrern die Schuld

Kritik an der aktuellen Situation kommt derweil auch aus dem Ausland. Der Präsident des deutschen Robert-Koch-Institus, Lothar Wieler, führte am Freitag in der Bundespressekonferenz die Ausbreitung der neuen Variante auf das Skifahren zurück:

„Das hätte vermieden werden können, wenn nicht Tausende Skifahren gegangen wären.“

Auch deutsche Medien erinnern sich angesichts der Zustände in Tirol an die Ereignisse vom letzten Jahr zurück.

Von einem „Ischgl 2.0“ im Bezirk Schwaz spricht mittlerweile auch US-Epidemiologe Eric Feigl-Ding, führender Repräsentant des US-Wissenschafterverbandes. Er bezeichnet Tirol als das „neue Florida“ und warnt ebenso vor der geringen Wirkung des AstraZeneca-Impfstoffs bei der südafrikanischen Variante.

Den Grund für sein Interesse und seine Kenntnisse über Österreich erklärt Feigl-Ding auf Twitter:

“Keine neun Stunden nach dem Tweet werde ich von rechten Politikern schon ‘Tirol-Basher’ genannt. Aber mein Interesse ist nicht unbegründet – meine Frau ist in Österreich geboren und ich war schon dutzende Male in Tirol und kenne die wunderschöne Gegend. Aber die Covid19-Pandemie-Krise?!”

(mst)

Titelbild: APA Picturedesk

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