Kurz opfert ÖVP

Im Sumpf der Ibiza-Affäre hat der Endkampf für Sebastian Kurz begonnen. Er hat nichts mehr zu verlieren. Sein letztes Opfer könnte seine eigene Partei sein: die ÖVP.

 

Huam, 27.6.2021 | Es ist Sonntag morgen, die Frühnebel steigen aus dem Wald. Das ist eine gute Zeit, um über die ÖVP nachzudenken, weil langsam eine fröhliche Gewissheit entsteht: Nach Kurz wird es eine Zeitlang nicht mehr viel ÖVP geben, und diese Zeit ist nah.

Sebastian Kurz hat versucht, Gewaltentrennung, Pressefreiheit, die Unabhängigkeit der Justiz und die Kontrolle durch das Parlament zu demolieren. Bei der Pressefreiheit war das angesichts der willigen Opfer nicht schwierig, das Parlament wurde von ÖVP und Grünen gemeinsam niedergehalten. Nur die Justiz machte nicht mit. Wenn Kurz scheitert, dann wird er das dem Rechtsstaat verdanken.

Sein Hauptopfer wird allerdings die ÖVP sein. Um die Protestwähler der FPÖ abspenstig machen und mit dieser Mehrheit autoritär regieren zu können, musste er aus einer christdemokratischen Europapartei eine antieuropäische Nationalpartei machen. Aus den traditionellen Machtzentren der ÖVP kam auch diesmal kaum Widerstand, weil sich jeder der schwarzen Provinzfürsten am türkisen Erfolg mitmästen wollte. Jetzt sitzen sie ratlos in St. Pölten, Graz und Innsbruck und spüren, wie es sie mit in den Sumpf der Kurz-Familie zieht.

Das große Nichts nach der Politik

Wenn das Experiment mit der Orbánisierung Österreichs doch noch klappt, ist das für sie keine bessere Botschaft. Gewinnt Kurz seinen Endkampf, wird er zum Schluss auch die Partei umbauen und die Schlüsselpositionen in Provinz und Bünden mit türkisen Familienmitgliedern besetzen.

Mikl-Leitner, Schützenhöfer und Stelzer können sich darauf verlassen, dass Kurz in seinem Endkampf keine Rücksicht auf die Partei nehmen wird. Er hat keine andere Wahl. Nach einer verlorenen Kanzlerschaft kommt für ihn kein fetter Posten bei Raiffeisen. In internationalen Organisation wartet kein Platz auf ihn. Nach dem Sturz kommt für Kurz nichts. Dann ist es vorbei.

Vorbei ist es auch für Blümel, Schmid, Köstinger, Nehammer und all die anderen, die dann keiner mehr braucht und will. Sie verlieren alles. Also werden sie alles einsetzen, um in ihrer Nachspielzeit doch noch zu gewinnen. Ihr letzter Einsatz ist die ÖVP.

Wenn die ÖVP einmal verspielt ist, verliert sie den Platz in der Macht. Dann wird ohne sie regiert. Deshalb ist es höchste Zeit, dass sich SPÖ, Neos und Grüne ernsthaft auf ihre neue Verantwortung vorbereiten.

Jetzt kommt die Sonne. Manchmal richtet sich das Wetter nach der Politik.

Titelbild: APA Picturedesk

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