Meine ORF-Lügen-Geschichte

Alles, was jetzt kommt, ist erstunken und erlogen. Und: Wären die Regeln der Gesetze und des Anstands eingehalten worden, wäre alles genau so gekommen. Das ist die Geschichte, wie ein hochqualifizierter und politisch unabhängiger Medienmanager – oder eine Managerin – an die Spitze des ORF gewählt worden ist.

 

Wien, 08. August 2021 | Begonnen hat es mit der Bestellung des Stiftungsrates. Bundesregierung und Bundesländer bestimmen je neun Räte. Der Bundeskanzler machte allen unmissverständlich klar: Der § 20 des ORF-Gesetzes wird erstmals eingehalten. Damit war es gar nicht so leicht, die geeigneten Personen zu finden. Die „entsprechende Vorbildung oder einschlägige Berufserfahrung“ und die „Kenntnisse des österreichischen und internationalen Medienmarktes“ schlossen von Vornherein unqualifizierte Parteigänger aus. Entscheidend war aber die dritte Bestimmung: Die Stiftungsräte mussten „sich aufgrund ihrer bisherigen Tätigkeit im Bereich der Wirtschaft, Wissenschaft, Kunst oder Bildung hohes Ansehen erworben haben“.

Der Testfall kam schnell. Alte ÖVP-Funktionäre schlugen vor, einen PR-Unternehmer, der für ÖVP-Ministerien arbeitete und die Frau des Innenministers beschäftigte, als Stiftungsrat zu bestellen. Mit Verweis auf das mangelnde hohe Ansehen wurde er abgelehnt.

Natürlich hatte der Kanzler nicht leichtfertig auf diese Schlüsselposition für seine Partei verzichtet. Aber er wusste zweierlei: Stefan Wallner, der Kogler-Kabinettschef und geheime Parteichef der Grünen, hatte seinem Medienbeauftragten Fleischmann klargemacht, dass die Grünen zu einem Parteikandidaten öffentlich Nein sagen würden. Und im Unternehmen selbst standen Redakteure und Redakteurinnen mit dem ORF-Gesetz in der Hand bereit. Noch einmal würden sie nicht kampflos die Übernahme durch die Kanzlerpartei hinnehmen.

„Solche Leute haben wir nicht“

So begann die Suche nach den Geeigneten. Im Bundeskanzleramt erzählt man heute noch belustigt, wie sich von Graz bis Innsbruck ratlose Parteisekretäre meldeten, weil sie „solche Leute derzeit nicht hätten“. So begann eine internationale Suche. Der steirische Landeshauptmann war später stolz, dass er selbst einen pensionierten ZDF-Manager entdeckt hatte. Am Ende war sogar Niederösterreich bereit, einen „anderen“ zu nominieren. Nur die FPÖ blieb hart und entsandte Norbert Steger ein weiteres Mal in den Rat.

Im Vorfeld der Wahl war nur eines klar: Der amtierende Generaldirektor hatte keine Chance. Es ging nicht darum, dass er der falschen Partei zugerechnet wurde, weil man ihn inzwischen fast allen Parteien zurechnen konnte. Der alte Generaldirektor kannte den internationalen Medienmarkt. Er wusste, was das Unternehmen brauchte und was unter ihm versäumt worden war. Aber er war eines nicht: unabhängig.

Das war aber kein Problem, weil sich inzwischen Personen beworben hatten, gegen die der Amtsinhaber im drohenden sauberen Verfahren keine Chance gehabt hätte. Also ließ er es einfach bleiben. Dass bei der geheimen Wahl im August 2021 eine Schweizer Medienmanagerin gewählt wurde, war nur etwas überraschend. Man hatte mit einem Deutschen gerechnet.

Nur mit Qualität

Die neue Generaldirektorin hatte einen einfachen Plan. Sie wollte zeigen, wie man mit Qualität und Unabhängigkeit überzeugt. Damit würde sie den ORF positionieren. Dann würde sie gleichzeitig digitalisieren, regionalisieren und verjüngen. Aber vor allem würde sie eines: das wertvollste Kapital des Unternehmens frei arbeiten lassen – seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Drei Jahre später würde es auf die Frage, ob man mit Qualität als ORF Geld verdienen könne, eine eindeutige Antwort geben: „Nur“.

So, das war meine kleine Lügengeschichte. Die Wahrheit sieht nach der kommenden Wahl des Generaldirektors wahrscheinlich anders aus. Ein schwacher Parteigänger des Kanzlers wird installiert, um unter dem Kommando des Fleischmanns seinen Dienst zu versehen. Der ORF wird das, was MTV in Ungarn schon im Jahr 2015 wurde. Seine Zukunft heißt „Familie“. Für ORF 1 wird sich ein Käufer, für ORF 2 ein Kanzler finden. Das neue ORF-Zentrum wird in Niederösterreich gebaut. Die Idee, mit „Geilomobil“ eine neue Jugendserie zu starten, wird verworfen. Der Kanzler will es nicht.

Titelbild: APA Picturedesk

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