Montag, September 9, 2024

Schlechte Versorgung: Hohes Risiko für Tschernobyl-Geiseln

Für die Geiseln im stillgelegten Atomkraftwerk, die seit der Besetzung durch russische Streitkräfte unter enormer Belastung arbeiten, wird die Lage schlechter. Unter den aktuellen Arbeitsbedingungen sind folgenschwere Fehler vorprogrammiert.

Wien, 12. März 2022 | Seitdem das Atomkraftwerk in Tschernobyl vor drei Tagen von der Stromversorgung getrennt wurde, hat sowohl die ukrainische Nuklearregulierungsbehörde Energoatom als auch die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) jegliche Kommunikation zum Atomkraftwerk und dem dortigen Personal verloren. Die Geräte zur Überwachung von Nuklearmaterial in Tschernobyl senden keine Signale mehr an die IAEA. Das Personal ist seit 17 Tagen in Geiselhaft.

Stromzufuhr wiederhergestellt

Laut belarussischen Agenturen, die sich auf das Energieministerium beziehen soll das Atomkraftwerk jedoch wieder mit Strom aus Belarus ausgestattet worden sein. Das ukrainische Staatsunternehmen „Ukronergo“ kritisierte diesen Plan. Man brauche keine Hilfe aus Belarus, es soll ein sicherer Zugang für die ukrainischen Fachkräfte gewährleistet werden zur Reparatur der Leitungen.

Der ukrainische Nachrichtendienst sieht ein terroristisches Vorhaben dahinter. Auf ihrer Facebook-Seite berichten sie von vorliegenden Dokumenten in denen Wladimir Putin einen Terroranschlag auf das Atomkraftwerk in Tschernobyl angeordnet haben soll. Der Plan sei es den Anschlag der Ukraine anzuhängen.

Kein Schichtwechsel seit Besetzung

Besorgniserregend ist zudem der Zustand der Mitarbeiter des Atomkraftwerks – ZackZack berichtete ausführlich. Unter den Geiseln befindet sich ein Angehöriger von Tanja (Name von der Redaktion geändert). Seit der Übernahme durch russische Streitkräfte vor 17 Tagen gab es keinen Schichtwechsel, was in Anbetracht der jüngsten Ereignisse besonders bedrohlich ist.

Denn die speziellen Kühlbecken in denen große Mengen an Brennelementen gelagert werden, brauchen Strom. Es handelt sich um ungeheure Mengen an Abfällen, die immer noch radioaktiv sind. Für das biochemische Milieu, die Temperatur und die chemische Zusammensetzung in diesen Becken gibt es strenge Normen und Vorschriften. Üblicherweise werden diese Parameter vom Laborpersonal geprüft. Doch die haben seit der Besetzung keinen Fuß in das Atomkraftwerk gesetzt. Denn der Zugang zum Atomkraftwerk ist aufgrund der Gefahr in den umliegenden Ortschaften, die unter Beschuss stehen, nicht möglich.

Prekäre Verhältnisse

Die Mitarbeiter vor Ort stehen unter großem Druck die nukleare Sicherheit der Anlage aufrechtzuerhalten. Tanja ist um den mentalen und körperlichen Zustand ihres Angehörigen besorgt und fordert in einem Brief an die IAEA ein sofortiges Einschreiten. Die Haftbedingungen der Geiseln sind laut Valerii Korshunov, Gründer der NGO „European Institute of Chernobyl“ mit Sklaverei vergleichbar.

Dem Personal fehlt es nicht nur an ausreichend Nahrung, sondern auch an medizinischer Versorgung, Heizung und frischer Kleidung, was insbesondere für Arbeiter an radioaktiven Standorten von großer Bedeutung ist. Die meisten von ihnen zweifeln daran, ob sie lebend zurückkehren können. „Ich fordere die Vertreter der IAEO und der EU auf, die Anlage zu besuchen und sich mit eigenen Augen ein Bild von der Lage zu machen.”, so Korshunov.

Bis dato kein wirksames Handeln

Die IAEA reagierte bisher nämlich beschwichtigend auf Gefahren, die von Tschernobyl ausgehen. Nachdem die Stromversorgung gekappt wurde, sprachen sie eine Entwarnung aus. Die Trennung vom Netz habe keine „kritischen Auswirkungen auf die wesentlichen Sicherheitsfunktionen des Standorts“, hieß es in einer Presseaussendung.

Das Personal vor Ort ist jedoch trotzdem Risiken ausgesetzt, ergänzt Tanja. „Wenn das Funktionieren aller Kontroll- und Sicherheitssysteme in Tschernobyl nicht gewährleistet ist, muss das dortige Personal die kerntechnischen Anlagen physisch untersuchen und wird dabei unbekannten Mengen an Strahlung ausgesetzt. Als Überlebende der Explosion von Tschernobyl wissen wir es aus erster Hand: Je nach Grad der Strahlenbelastung ist es entweder ein schneller, hässlicher Tod oder ein sehr langsamer, hässlicher Tod. Bitte keine Nuklearkatastrophen mehr”, so der Appell der verzweifelten Angehörigen und Familienmitglieder des im Atomkraftwerk in Geiselhaft genommenen Personals.

(nb)

Titelbild: APA Picturedesk

Autor

  • Nura Wagner

    Greift der Redaktion unter die Arme so gut sie kann, sei es mit ihren E-Mail-Beantwortungsskills oder mit ihren Russisch-Kenntnissen.

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