De Masi: Ex-Merkel-Berater wollte Marsalek auf Amazon Prime jagen

In zwei Jahren Wirecard-Skandal gab es so manch wilde Posse. Eine davon erzählt Wirecard-Aufdecker Fabio De Masi. Der habe von Ex-Merkel-Berater Erich Vad ein bizarres Angebot erhalten: Die Jagd nach Jan Marsalek vor Millionenpublikum. Was es damit auf sich hat:

 

Wien, 27. Juni 2022 | Wirecard-Aufdecker Fabio De Masi und Ex-Merkel-Berater Erich Vad werden wohl keine Freunde mehr. Während der eine weiterhin fieberhaft auf der Suche nach dem flüchtigen Betrüger Jan Marsalek ist, spekuliert der andere gerne über eher unwahrscheinliche Aufenthaltsorte des Österreichers.

Nach Angaben von De Masi habe Vad in Gesprächen vor allem wissen wollen, über welche Erkenntnisse der frühere Linken-Politiker verfüge. Dabei habe Vad, unter Angela Merkel als militärpolitische Berater im Berliner Kanzleramt tätig, dubiose Angebote unterbreitet. Angeblich auch eines im Rahmen der Reality-Serie „Celebrity Hunted“ auf Amazon Prime.

Promis jagen – und Marsalek?

In „Celebrity Hunted“ werden Promis wie Box-Ikone Wladimir Klitschko, Schlager-Sternchen Vanessa Mai oder Model Stefanie Giesinger von erfahrenen Ermittlern und Sicherheitsexperten gejagt. Die Promis versuchen einzeln oder in Teams unterzutauchen, während die Ermittler alle Register ziehen, um die Stars aufzuspüren. Einer der Ermittler: Erich Vad.

Erich Vad

Wer ist der 65-Jährige? Der Brigadegeneral a.D. der deutschen Bundeswehr ist aktuell als Unternehmensberater tätig. Zuvor war er militärpolitischer Berater von Angela Merkel. Dabei waren sich die zwei im Bundeskanzleramt nicht immer einig: Vad kritisierte Merkel vor allem wegen ihrer Flüchtlingspolitik. Im deutschen Fernsehen hat sich Vad jüngst betont Russland-affin gegeben. Auch bei Marsalek, der sich in einer noblen Nachbarschaft in Moskau aufhalten soll, lenkt Vad gerne die Aufmerksamkeit von Russland weg – so auch gegenüber ZackZack.

ZackZack: Herr De Masi, Sie erwähnten im ersten Teil unseres Gesprächs Treffen mit Erich Vad. Thema natürlich: Wirecard bzw. Marsalek. Was war aus Ihrer Sicht Zweck dieser Treffen?

Fabio De Masi: Ich glaube mittlerweile, dass Herr Vad wohl in Erfahrung bringen wollte, woran ich arbeite. Denn da gab es noch so eine verrückte Episode mit ihm. Ich habe ja bereits erwähnt, dass Herr Vad manchmal Nebensächlichkeiten in Gespräche einstreut.

So erwähnte er bei unserem ersten Treffen, dass er sich seit einem Vortrag an einer Universität für das Thema „Untertauchen im digitalen Zeitalter“ interessiere. Im August 2021 schickte er mir dann eine SMS mit einer Vorankündigung zu einer ziemlich trashigen Serie auf “Amazon Prime”. Diese Serie heißt “Celebrity Hunted”. Vad meinte, er habe dort als Leiter des Ermittlungsteams mitgewirkt. Mit den Fähigkeiten, über die sie dort verfügen würden, könne man jede Person finden. Er habe daher die zugegebenermaßen verrückte Idee, ob wir nicht einfach Marsalek im Rahmen dieser Serie aufspüren sollen, da unsere Sicherheitsbehörden dafür offenbar zu bürokratisch seien.

Merkels Ex-Berater wollte also mit Ihnen zusammen Jan Marsalek in einer Trash-Serie aufspüren? Das klingt ziemlich schräg.

Das gab er vor, ja. Aus seiner SMS wurde nicht ganz klar, wen er mit „wir“ meinte. Erst bei unserem Treffen in München bestätigte mir Vad, seine Idee sei gewesen, dass ich meine Wirecard-Erkenntnisse mit einbringen könne und wir dann gemeinsam Marsalek im Rahmen dieser Serie hätten aufspüren können.

Natürlich macht das keinen Sinn. Denn diese Serie begleitet ja irgendwelche B-und C-Promis mit der Kamera und nicht echte Wirtschaftsstraftäter wie Marsalek. Vad meinte dann noch, Amazon Prime habe sein Angebot abgelehnt, weil ihnen die Produktion zu teuer erschien.

Das kam mir alles sehr dubios vor. Amazon ist ein finanzstarker Konzern, und würde man Marsalek aufspüren, wäre das natürlich ein großes Medienspektakel. Vad hat nach dem Treffen in München übrigens den Kontakt abgebrochen.

Haben Sie diese irre Geschichte weiterverfolgt?

Ich habe mir die erste Folge der Serie bei zwei Bier reingezogen. Ich wollte mich betäuben. Ironischerweise jagt der Russland-Versteher Vad dort übrigens den Bruder des Kiewer Bürgermeisters Vitali Klitschko, Wladimir Klitschko.

Man muss sich das einmal vorstellen: Ein Ex-General aus dem Kanzleramt, der mich angeblich für eine Celebrity-Serie anheuern möchte, um Marsalek zu suchen. Dieser ganze Wirecard-Skandal ist irrer als jedes Drehbuch.

Bereuen Sie es, Vad damals nicht im Wirecard-U-Ausschuss vernommen zu haben?

Ach was. So war das doch viel unterhaltsamer. Auch Marsaleks Fluchthelfer vom BVT, Martin Weiss, der inzwischen übrigens unbehelligt in Dubai residiert, hätte ich gerne vernommen. Aber auch dazu kam es nicht. Weiss soll mittlerweile auch vor der deutschen Staatsanwaltschaft ausgesagt haben.

Apropos Weiss: Der hat kürzlich den deutschen “Tagesthemen”, den zentralen Spätnachrichten im deutschen Fernsehen (vergleichbar mit der “ZIB2”), ein Interview gegeben. Was ist davon zu halten?

Dass man Weiss und Schmidbauer (Ex-Geheimdienstkoordinator von Helmut Kohl, siehe 2. Teil Wirecard-Interview, Anm.) interviewt, ist völlig legitim. Aber das alles war doch recht unkritisch und daher für mich eher eine „Weiss-Waschung“. Weiss stand noch mit Marsalek nach dessen Flucht in Kontakt. Laut Interview, nur weil sich Marsalek nach ihm erkundigt haben soll. Da will man fast zu den Taschentüchern greifen.

In der Berichterstattung zu Weiss taucht auch das Märchen des BND (deutscher Auslandsgeheimdienst, Anm.) auf, wonach Gesprächsangebote mit Marsalek aus Moskau als unseriös eingestuft worden sein sollen. Dabei hat der BND diese Offerte sogar ans Kanzleramt gekabelt, aber den Bundestag darüber getäuscht.

Besonders ärgerlich fand ich aber, wie der “Bayerische Rundfunk” Herrn Schmidbauer vorstellte. Schmidbauer habe bei Marsalek früh den richtigen Riecher gehabt, heißt es da. Bei Schmidbauers Treffen mit Marsalek habe Letzterer ja noch als unbescholtener Unternehmer gegolten.

Fabio De Masi, Ex-Abgeordneter der Linksfraktion im Deutschen Bundestag und Finanzdetektiv im Wirecard-U-Ausschuss. Foto: Linksfraktion/Fabio de Masi, zVg.

Bernd Schmidbauer

Der heute 83-jährige CDU-Mann war Kohls rechte Hand. Als Koordinator der deutschen Geheimdienste BND, Verfassungsschutz und MAD wurde er berühmt-berüchtigt. Der “Spiegel” stellte 2011 die Frage, ob Schmidbauer im Rahmen von Verhandlungen mit dem Gaddafi-Regime in privater Mission unterwegs war. Auch nach seiner aktiven Zeit tauchte er in Sicherheitskontexten auf, so auch im Umfeld des Wirecard-Skandals.

Zumindest vor der Insolvenz noch nicht als offensichtlicher Milliardenbetrüger…

Aber Schmidbauer war doch dauernd mit Marsaleks Fluchthelfern unterwegs und hat diese in der Presse dann aus der Schusslinie genommen. Mit Marsaleks Fluchthelfer Weiss unterhielt er freundschaftliche Beziehungen. Das war aus meiner Sicht kein „richtiger Riecher“, das war einfach Schmidbauers Netzwerk.

Und es gab damals schon das Rechtshilfeersuchen der USA, in dem Marsalek benannt wurde, es gab kritische Berichterstattung über Wirecard und eben auch diese Nowitschok-Aktion, die ja Schmidbauer auf den Plan rief. Marsalek war gerade kein unbescholtener Unternehmer, sondern auch Jahre vor dem Wirecard-Zusammenbruch ein offensichtliches Sicherheitsrisiko.

Weiss wehrt sich und behauptet, er sei kein Fluchthelfer, da zum damaligen Zeitpunkt kein Haftbefehl gegen Marselak vorgelegen sei.

Nennen Sie es meinetwegen Escort-Service. Der damalige FPÖ-Abgeordnete Thomas Schellenbacher soll für Marsalek den Flughafen Bad Vöslau (Niederösterreich, Anm.) ausgekundschaftet haben. Er hat am Tag der Flucht vor Ort Fotos gemacht. Tatsächlich wurde Marsalek bei der Ausreise nicht kontrolliert.

Die Polizei rückte wieder ab, nachdem Marsalek sich verspätete. Dass kein Haftbefehl gegen Marsalek vorlag, obwohl die deutsche Finanzaufsicht und die Staatsanwaltschaft München wussten, dass 1,9 Milliarden Euro aus der Wirecard-Bilanz nicht existieren und bereits eine Razzia bei Marsalek stattgefunden hatte, ist ein Skandal.

Man hat Marsalek also – entgegen all der Erkenntnisse – einfach aus Deutschland und Österreich raus spazieren lassen?

Er bekam sogar ein paar Tage Zeit – angeblich, um das Geld auf den Philippinen zu suchen. Erst, als er nicht zu einem Termin in München erschienen war, wurde die internationale Fahndung ausgelöst.

Es sähe natürlich sehr schlecht aus, wenn Netzwerke aus dem Umfeld der Sicherheitsbehörden einen Milliardenbetrug möglicherweise gedeckt und einen kriminellen Manager geschützt hätten. Und noch dazu einen, der sich jetzt augenscheinlich in den russischen Einflussbereich abgesetzt hat.

Jan Marsalek in Russland – Erich Vad würde widersprechen. Es bleibt also spannend. Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Benjamin Weiser

Teil 1: Fake-Konzern auf dem Schachbrett der Weltpolitik – Zwei Jahre Wirecard-Skandal

Teil 2: Wirecard und die „Old Boys“ aus dem deutschen Kanzleramt

Titelgrafik: ZackZack, Fotos: APA Picturedesk, ZDF (Screenshot)

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9 Kommentare
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Dealer
28. 06. 2022 9:11

Ich habe über einem Oberstaatsanwalt erfahren, dass beim Commerzialbank Burgenland das gleiche Behördenversagen wie beim Wirecard Skandal vorliegen soll und es auch noch weitere solcher Skandale in Österreich geben soll.
Warum kann man aber nur so wenig über den CB Bank Skandal lesen, wo ja nun auch noch solch prominente Opfer wie der Didi Kühbauer involviert sind, aber auch noch kein Sterbenswörtchen darüber berichtet wurde, dass die Wüstenroth bei der CB Bank Gesellschafter ist, aber auch gleichzeitig Opfer bzw. deren Kunden.
Hierbei stellt sich für mich vor allem die Frage, wie es diesen Opfern innerhalb von Wüstenroth im Vergleich zu den CB Opfern ergangen ist, auch da es hier ja beste Beziehungen bis hinein zum EU Kommissar gibt. Aber auch wie die FMA hier diese Zusammenhänge überprüft und vor allem zu welchem Ergebnis kam, steht noch immer offen.

der Beobachter
27. 06. 2022 21:57

Vad hat offensichtlich versucht De Masi abzuschöpfen, wie es im Nachrichtendienstsprech so schön heißt. Als selbiger die Erfolglosigkeit seines Unterfangens bemerkte, brach er den Kontakt ab. Einem entscheidenden Faktor-der Verbleib des gestohlenen Geldes-wird nicht nachgegangen. Warum wohl? Schon der ermordete italienische Richter Falcone, brachte mit diesem Ermittlungsansatz die Cosa Nostra in beträchtliche Schwierigkeiten, mit all ihren nachfolgenden Entwicklungen. In diesem Betrugsfall mit nachrichtendienstlichen und (geo)politischen Dimensionen solchen Ausmaßes ist davon auszugehen, dass viele beteiligte Stellen, mit nicht unwesentlichen monetären Zuwendungen “motiviert” wurden, in diesem schmutzigen Spiel, ihre eigene Rolle zum Besten (für die Sache) zu geben. Aufklärung wird, (wie üblich im Nachrichtendienstgewerbe) trotz aller hehren Versuche von investigativen Journalisten, nicht geschehen. Zu viele höchste politische Würdenträger sind in diesen Fall verwickelt. Im Be

der Beobachter
27. 06. 2022 22:00
Antworte auf  der Beobachter

darfsfalle wird man einen (oder mehrere) Sündenbock präsentieren. Den Rest erledigt die Zeit mit all ihren Neuentwicklungen und Problemstellungen, bis das Vergessen im öffentlichen Raum (siehe Ibiza) die Causa zu Grabe getragen hat…
Da wird es nicht mehr viel heller werden!

der Beobachter
28. 06. 2022 2:07
Antworte auf  der Beobachter

Mein heutiges Lied für Vangelis Reise ins Licht, von einem unserer Größten,
Falco – “Nachtflug”;
Da wird es heller!

Dealer
28. 06. 2022 14:56
Antworte auf  der Beobachter

Wenn das wirklich so ist wie sie hier beschrieben haben, woran ich auch keinen Zweifel habe, dann müssen wir dazu aber unbedingt festhalten, dass alles was hier hochoffiziell politische verlautet wird im Grunde nur geheuchelt ist!
Es ist sehr hart das zu akzepieren und in einer solchen Welt so weiterzuleben als ob es das alles gar nicht geben würden.
Gott sei Dank aber, gibt es keine investigativen Journalisten mehr, sonst würde deren Todeszahl wohl schon lange rapid angestiegen sein und so wie in Malta bei der Frau Daphne Galizia es auch keinerlei Konsequenzen daraus geben?

der Beobachter
28. 06. 2022 15:49
Antworte auf  Dealer

Lieber Dealer, es gibt staatliches Handeln durch seine Vertreter, welches sich nicht im Verfassungsbogen, sondern sogar im kriminellen Bereich abspielt. Wenn sich Vorteile für selbigen ergeben, oder sonst in seinem Sinne sind, werden solche illegalen Handlungen stillschweigend akzeptiert und nicht darüber berichtet. Wie bereits mehrfach erwähnt spricht man hier von Staatsräson. Diese wird von offizieller Seite immer bemüht, wenn es gilt rechtstaatlich unvereinbare Handlungen zu verschleiern. Alle Chefredakteure der etablierten Medien sitzen hier mit im Boot und haben sich dieser “Tradition” unterworfen, es wird nicht darüber berichtet. In Österreich ist die Spezies der Investigativjournalisten leider seit langer Zeit ausgestorben. Ich hoffe Herr Weiser kann hier eine notwendige Kehrtwende schaffen, selbiger scheint mir sehr bemüht zu sein. Er muss sich jedoch bewusst sein, dass eine Erhellung nachrichtendienstlicher Dunkelfelder sehr schwierig und mitunter auch gefährlich sein kann…
Es muss trotzdem heller werden!

Dealer
28. 06. 2022 18:13
Antworte auf  der Beobachter

Eine unfassbare Erkenntnis!
Ist da nicht auch weitere Heuchelei unsere Vergangenheit entsprechend aufarbeiten zu wollen und ständig daran zu erinnern, dass diese sich nie wieder wiederholen darf, wenn sich praktisch nichts geändert, sondern eigentlich noch verschlimmert hat, denn offiziell gibt es das alles ja gar nicht einmal, was sich da heute oft sogar auch direkt vor den Augen von Bürgern abspielt?

der Beobachter
29. 06. 2022 3:12
Antworte auf  Dealer

Lieber Dealer, etwas zu sehen bedeutet noch lange nicht, dass man selbiges auch erkannt hat…
Es muss heller werden!

Error 404
27. 06. 2022 19:54

Hat Marsalek die richtigen Kontakte, die ihn jetzt aus der Schusslinie nehmen oder weiß er soviel, dass ihn sein Wissen schützt? Auf jeden Fall hat er eine gute Rückversicherung, die ihn schützt. Es fehlen noch einige wichtige Details, um den Skandal vollständig zu verstehen.

Es stellt sich auf jeden Fall die spannende Frage, wem würde seine Aussage schaden? Würde er überhaupt aussagen oder nicht einfach alles aussitzen. Er wird sicher für den Notfall gesorgt haben und Geld deponiert haben, dass er sicher ein gutes Auskommen für den Rest seines Lebens hätte.

Er wird sicher Fehler machen, denn er ist gewohnt, im Mittelpunkt zu stehen. Auf die Dauer wird ihn das Moskauer Vorstadtleben nicht befriedigen.