Dienstag, Juni 18, 2024

Ausgerechnet: Warum wir auf einen starken Sozialstaat angewiesen sind

Ausgerechnet

Die Debatte um die steigenden Preise reißt auch im Sommer nicht ab. Ein aktueller Vorschlag zur Entlastung ist eine weitere Senkung der Lohnnebenkosten. Eine gute Idee?

Marie Hasdenteufel

Wien, 13. August 2022 | Mit den Lohnnebenkosten, also den Abgaben, die Arbeitgeber:innen direkt abführen, finanzieren wir zum Beispiel Pensionen, unser Gesundheitssystem, Kranken- und Arbeitslosenversicherungen, die Familienbeihilfe, kurzum: unseren Sozialstaat. Und der hat es in sich, wie die jüngsten Zahlen belegen: Sozialleistungen heben über eine Million Menschen in Österreich aus der Armut. Ohne Sozialleistungen wären 2,3 Millionen Menschen armutsgefährdet – das ist jede vierte (!) Person.

Besonders gefährdet, in die Armut zu rutschen ist, wer seinen Job verliert. Jede:r zweite, die oder der über ein Jahr lang keinen Job findet, ist armutsgefährdet. Ähnlich häufig von Armut betroffen sind Alleinerziehende oder wer nur maximal einen Pflichtschulabschluss hat. Die Geldsorgen schlagen sich auf die Gesundheit, Armut macht krank. Wer arm ist, ist häufiger chronisch krank oder schwer gesundheitlich beeinträchtigt.

Wichtige Sozialleistungen verlieren an Wert

Viele sind also auf Sozialleistungen angewiesen, diese verlieren aber monatlich an Wert. Einige Sozialleistungen werden bereits an die Inflation angepasst, weitere werden ab 2023 an die steigenden Preise angepasst. Das ist lang hin für alle, die auf jeden Cent angewiesen sind. In den kommenden Monaten werden die steigende Preise viele Sozialleistungen weiter schleichend entwerten. Ein Beispiel: Eine Familie mit zwei Kindern hat bei der Familienbeihilfe im letzten Jahr über 100 Euro an Wert verloren. Sozialleistungen insgesamt verzeichnen ein Minus von mindestens 8 Prozent.

Was es für den Sozialstaat der Zukunft braucht

Auf die Frage “Können Sie es sich leisten, ihre Wohnung angemessen warm zu halten?”, haben letztes Jahr knapp 150.000 Menschen mit „Nein“ geantwortet. Eine kaputte Waschmaschine zu reparieren kann jede fünfte Person in Österreich derzeit nicht bezahlen. Der Sozialstaat ist nicht armutsfest und sichert immer noch zu viele nicht ausreichend ab.

Dabei ist Österreich ein reiches Land. Leistbares Wohnen, ein höheres Arbeitslosengeld, eine bessere Absicherung für Selbstständige und der Ausbau von Kinderbetreuung müssen nächste Schritte sein, um möglichst viele Menschen aus der Armut zu holen. Die Lohnnebenkosten zu senken, um steigenden Preisen entgegenzuwirken, wäre hingegen der falsche Schritt.

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Marie Hasdenteufel, aus Karlsruhe stammend, hat es nach ihrem Studium der Wirtschaftswissenschaften in Frankfurt nach Wien verschlagen. Am Momentum Institut forscht sie zur Einkommens- und Vermögensverteilung sowie zum Arbeitsmarkt. In Wien hat sie den Master in Economics an der Wirtschaftsuniversität absolviert.

Titelbild: APA Picturedesk

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