Umfrage gegen das Schweigen:

ÖH macht sexuelle Gewalt an Unis sichtbar

Zuletzt wurden einzelne Fälle von sexuellen Übergriffen an Unis öffentlich. Betroffen sind weit mehr Menschen. Die Studierenden-Vertretung sieht Handlungsbedarf.

Wien, 04. Oktober 2022 | Wurdest du in den letzten 12 Monaten im Kontext einer österreichischen Hochschule zu einer sexuellen Handlung gezwungen? – Das ist eine der Fragen, die Studierende seit Montag in einer Online-Umfrage von der Österreichischen Hochschülerinnen- und Hochschülerschaft (ÖH) gestellt bekommen. Denn die Anfragen für Beratungen von Personen, die sexuell belästigt worden sind, haben sich vor allem in diesem Jahr gehäuft. Wöchentlich oder öfter meldet sich jemand, erzählt Keya Baier, Vorsitzende der ÖH.

Keine Zahlen

Bisher habe man Beratungsanfragen von Studierenden von acht verschiedenen Hochschulen bekommen. Doch offizielle Zahlen zu sexuellen Übergriffen im Hochschulkontext, gibt es nicht. Die ÖH will das ändern. Sie hat dazu eine Umfrage an alle österreichischen Studierenden verschickt. Seit gestern hätten diese bereits tausende Menschen ausgefüllt, man habe gutes Feedback bekommen, so Baier.

In der Umfrage geht es um unterschiedliche Formen von sexualisierter Gewalt, die auf dem Gelände von Hochschulen passiert oder von Universitätspersonal verübt wird. Die ÖH weist darin darauf hin, dass nur von den betroffenen Personen definiert werden kann, wo Gewalt anfängt, wo Grenzen überschritten werden oder was ein Übergriff ist.

Übergriffe durch Hochschulpersonal

Bei den sehr unterschiedlichen Fällen, von denen die ÖH durch ihre Beratungen erfährt, geht es meist um Übergriffe von Universitätspersonal auf Studierende. “Betroffenen werden ihre Erfahrungen abgesprochen, sie werden aktiv zum Schweigen gebracht oder sie werden für die erlebte Gewalt selbst verantwortlich gemacht”, heißt es im beiliegenden Text zur Umfrage. Ein Fall an der Universität Salzburg, in dem ein Lehrender einer Studentin anzügliche Nachrichten schickte, führte wegen des öffentlichen Drucks schließlich zu einer Entschuldigung und zum Rücktritt des Lehrenden von dessen Senatsfunktion.

„Das ist ein Idealfall“, meint Baier. Doch: „So läuft es nicht immer.“ Es hänge auch stark davon ab, von wem die Übergriffe ausgehen. Dass Professuren unkündbar sind und die dienstrechtlichen Konsequenzen marginal seien, müsse sich ändern, so Baier. Zusammen mit einigen anderen Dingen. Denn hierzulande gibt es laut ÖH viel zu wenig Bewusstsein und kaum Engagement der Hochschulen, um sexualisierte Gewalt zu verhindern.

Unabhängige Beratungsstellen gefordert

Gerade an Kunstuniversitäten, die wegen solcher Vorfälle erst kürzlich in der Öffentlichkeit standen, und an denen es durch den vielen Einzelunterricht zu häufigen Übergriffen durch Lehrende kommt, müssen sichere Strukturen geschaffen werden, so Baier. Es müsse etwa einfacher sein, die Lehrenden zu wechseln. Generell brauche es mehr Sensibilisierung für das Thema: „Lehrende müssten zum Beispiel zu regelmäßigen Schulungen zu dem Thema verpflichtet werden. Kolleg:innen, die von Übergriffen anderer Lehrender wissen, dürfen so etwas nicht länger verschweigen.“

Außerdem brauche es auch rechtliche Änderungen. Es soll etwa leichter möglich sein, dienstrechtliche Konsequenzen für Lehrende zu ziehen. Ein weiterer wichtiger Schritt wären unabhängige Beratungsstellen an den Universitäten. Es gibt zwar Arbeitskreise für Gleichbehandlungsfragen, die ÖH kritisiert jedoch, dass daran meistens Personal der Universitäten beteiligt ist, das wiederum wirtschaftlich von den Universitäten abhängig ist und somit weniger Möglichkeiten hat, einzuschreiten.

Die Umfrage ist noch bis 17. Oktober offen. Mit den Zahlen an die Öffentlichkeit gehen will die ÖH Ende November. Sie sollen die Grundlage für Gespräche mit verschiedenen Ministerien und mit den Hochschulen sein.

Hilfe bei Gewalt

Wer selbst von Gewalt betroffen ist, oder Betroffene kennt, kann sich an folgende Stellen wenden:

  • Psychiatrische Soforthilfe für Wien – 24h Hotline: +43 1 31330
  • Notfallpsychologischer Dienst Österreich – 24h Hotline: +43 699 188 554 00
  • Frauenhelpline: 0800 222 555
  • 24-Stunden-Frauennotruf der Stadt Wien: 01 71 71 9
  • Frauen* beraten Frauen*: +43 1 587 67 50
  • Frauenhausnotruf Wien: 05 7722
  • Wiener Interventionsstelle gegen Gewalt in der Familie: 01 585 32 88
  • Männerberatungsstelle Wien: 01 603 28 28
  • Rat auf Draht – 24h-Notrufnummer für Kinder und Jugendliche: 147
  • 24-Stunden-Kindernotruf: 0800 567 567
  • SMS Polizei (auch Notruf für Gehörlose): 0800 133 133

(sm)

Titelbild: ZackZack/Christopher Glanzl

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3 Kommentare
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dieWahrheitistvielmehr..
4. 10. 2022 23:56

Als ich den Fragebogen gesehen habe war die erste spontane Reaktion, das betrifft mich nicht, das hat mich noch nie betroffen und ich habe auch nicht das Gefühl, dass es auf der Uni andere betroffen hat.
Die zweite Reaktion war dann der Gedanke, die suchen etwas, krampfhaft, weil es gerade in Mode ist. Also war ich drauf und dran, irgendeine erfundene Räubergeschichte anzugeben. Ein paar andere von hunderttausend Angeschriebenen würden sicher den gleichen Gedanken haben. Ich habe in Gedanken bereits über den dann folgenden medialen Aufschrei gelacht und dass man sich dann auf der Uni nur noch unter Aufsicht bewegen könnte. Es war mir dann aber doch zu kindisch, ein paar andere werden es aber doch gemacht haben. So viel zur Aussagekraft des zu erwartenden Ergebnisses. Die Feministen werden sich trotzdem bestätigt fühlen.

Liu
5. 10. 2022 14:17

Ihre Aussage, dass es andere Menschen nicht betreffen kann, da es Sie nicht betrifft, zeigt, wie viel Empathie in Ihnen steckt.
“Es war mir dann aber doch zu kindisch, ein paar andere werden es aber doch gemacht haben.” Auch hier gehen Sie wieder von sich aus.
Glauben Sie nicht, dass es andere Perspektiven oder Ansichten als Ihre gibt?

baer
5. 10. 2022 7:59

Wenn sie ein Mann sind wird sie das Problem auch eher nicht betreffen, es sei denn sie sind Täter.