Großes Kino: Zeitreise ins Deutschland der Gastarbeiterinnen

Wer es noch schafft, eine Vorstellung des Films „Liebe, D-Mark und Tod“ zu ergattern, sollte dies unbedingt tun. ZackZack Türkiye erklärt, warum.

Gabriel Hartmann

Wien, 22. November 2022 | Der deutsche Regisseur Cem Kaya hat mit seinem neuen Film „Liebe, D-Mark und Tod“ ein brillantes, fesselndes und umfassendes Meisterwerk der Dokumentation deutscher Zeitgeschichte geschaffen. Als „bunt, bewegend, dicht, liebevoll, mitreißend, schrill und unterhaltend“ wird der Film von der Kritik gelobt.

Der Dokumentarfilm handelt von der eigenständigen, entstehenden türkischen Musikszene in Deutschland, angefangen in den 1960er bis zu den 2000er Jahren. Der Filmtitel beruht auf einem Liedtext des Autors Aras Ören für einen Song von der Band „Ideal“.

(C) filmfaust Film Five

Kölner Nachtigall

Es werden erfolgreiche Musikerinnen vorgestellt, die außerhalb der Communities in Deutschland kaum jemand kennt. Musiker wie Pop-Ikone Yüksel Özkasap, die sogenannte Kölner Nachtigall, das elektrisierende Duo „Derdiyoklar” oder der auch in der Türkei beliebte Rockmusiker Cem Karaca werden porträtiert.

In den 1960ern entstand „Gurbet Türküleri“: ein eigenes Genre, in dem wehmütig die ferne Heimat, die getrennten Familien und die harschen Lebensumstände besungen wurden. Musik war für die Gastarbeiterinnen ein entscheidendes Ausdrucksmittel, um das Exil zu verarbeiten.

Ein Superstar des Genres war Yüksel Özkasap. Ihr Album „Beyaz Atlı“ von 1975 verkaufte sich über 800.000 Mal. Trotz enormer kommerzieller Erfolge blieb Özkasap in Deutschland weitgehend unbekannt. Ihre Erfolge wurden in den Charts nicht aufgenommen, sie wurde in deutschen Medien nicht thematisiert und ihre Musik wurde nur in türkischen Geschäften verkauft.

Unwürdige Szenen

Der Film thematisiert auch schwere Diskriminierungen, etwa die systematischen Leibesuntersuchungen von Gastarbeitern in Unterwäsche, bei denen Ärzte die Arbeitstauglichkeit feststellen sollten, die unmenschlichen Unterkünfte der Gastarbeiterinnen oder den „wilden Streik“ von 1973 im Kölner Ford-Werk.

(C) filmfaust Film Five

Mit der Zeit änderte sich die Musik hin zu einem dynamischeren, impulsiveren Sound, der vor allem live auf Hochzeitsfeiern gespielt wurde. Das psychodelische Duo Derdiyoklar, bestehend aus Schlagzeug und elektrisch verzerrter Saz, ein türkisches Saiteninstrument, spielte avantgardistische Songs auch in alevitischer Gedichtform.

Ein Mann mit Musik

Cem Karaca kam nach dem Putsch 1980 nach Deutschland. Er nahm 1984 mit „Die Kanaken“ das erste deutschsprachiges Album türkeistämmiger Musiker auf. Der Film behandelt zum Ende auch die 1990er Rapmusik und den 2000er „R’nBesk“. Dem Regisseur gelang mit beeindruckenden Archivaufnahmen und erkenntnisreichen Interviews mit damaligen Protagonisten eine sehr sehenswerte Dokumentation türkisch-deutscher Zeitgeschichte.

Titelbild: ZackZack/Christopher Glanzl

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1 Kommentar
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dieWahrheitistvielmehr..
22. 11. 2022 12:27

Die Deutschen wollten sich einen Inlandsmarkt für die 3-er BMW schaffen – und sie haben es geschafft.
Und die die das angezettelt haben, haben heute ihren Zweitwohnsitz im noch halbwegs schönen Kitzbühel, weil es ihnen zu Hause nicht mehr so gut gefällt.