Freitag, Juni 14, 2024

Ukraine: Russland startet neue Angriffswelle

Knapp vor Jahresende schickt Russland noch einmal Raketen und Kamikaze-Drohnen in die Ukraine, die erneut auch zivile Ziele in Angriff nehmen. 

Kiew/Moskau, 29. Dezember 2022 | Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat in einer ungewöhnlich unpolitischen Videobotschaft an die Menschlichkeit seiner Mitbürger appelliert. “Egal, was passiert und was euch beschäftigt, unterstützt euch gegenseitig, unbedingt”, bat Selenskyj Mittwochabend in seiner täglichen Videoansprache. Sie kam, bevor Donnerstagfrüh neue Raketenangriffe gemeldet wurden. Der Berater im Präsidentenbüro, Mychajlo Podoljak, sprach von mehr als 120 Raketen.

Luftalarm in ganzen Land

Sie seien von der “bösen russischen Welt” abgeschossen worden, um die wichtige Infrastruktur zu zerstören und massenhaft Zivilisten zu töten, schrieb Podoljak im Kurznachrichtendienst Twitter. Zuvor hatte Präsidialamtsberater Olexij Arestowytsch mitgeteilt, dass die russischen Streitkräfte mehr als 100 Raketen abgefeuert hätten. Arestowytsch berichtete auf Facebook von mehreren Angriffswellen. Im ganzen Land gebe es Luftalarm.

In mehreren Städten waren Explosionen zu hören, auch in Kiew gab es laut Augenzeugen schwere Explosionen im Zentrum der Hauptstadt. Der Kiewer Bürgermeister Witali Klitschko sprach von mehreren Explosionen, ohne Details zu nennen. Er warnte vor möglichen Stromausfällen und forderte die Menschen auf, ihre Mobiltelefone aufzuladen und sich mit Wasservorräten einzudecken.

Angriffe auf zivile Ziele

Auch aus Charkiw in der Ostukraine wurden Explosionen gemeldet. Der Bürgermeister von Charkiw, Ihor Terechow, erklärte, man untersuche was genau getroffen worden sei und ob es Opfer gebe. Gemeldet wurden Explosionen etwa auch aus den Gebieten Poltawa, Odessa, Charkiw, Mykolajiw und Lwiw. In den Regionen Odessa und Dnipropetrowsk wurden Stromausfälle angekündigt, um mögliche Schäden an der Energieinfrastruktur zu minimieren.

Russland hat in den vergangenen Wochen gezielt die Energie- und Wasserversorgung in der Ukraine angegriffen, ein Kriegsverbrechen, wie Amnesty International sagt. Russland verwendete dafür iranische Kamikaze-Drohnen. Die neue Welle war noch vor Jahresende erwartet worden. Nach Berichten der ukrainischen Agentur UNIAN wurden zahlreiche unbemannte Fluggeräte abgeschossen.

London: Russland hat Schwierigkeiten

Der mutmaßliche ukrainische Drohnenangriff auf einen russischen Militärflugplatz zeigt nach britischer Einschätzung die Verwundbarkeit der russischen Luftverteidigung. Es werde immer deutlicher, dass Russland Schwierigkeiten habe, Angriffe tief im Landesinneren abzuwehren, teilte das Verteidigungsministerium in London am Donnerstag mit. Das liege vermutlich daran, dass moderne Flugabwehrsysteme wie SA-22 Panzir derzeit rar seien.

“Neben der Verteidigung strategischer Standorte wie Engels werden diese Systeme derzeit in großer Zahl benötigt, um die Hauptquartiere nahe der Frontlinie in der Ukraine zu schützen”, hieß es unter Berufung auf Geheimdiensterkenntnisse. Bei der Drohnenattacke auf den Militärflugplatz Engels in Südrussland Hunderte Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt waren am 26. Dezember nach russischen Angaben drei Soldaten getötet worden.

Selenskyj appelliert an Nächstenliebe

Selenskyj rief die Ukrainer auf, sich in Notlagen gegenseitig zu helfen. “Wenn Sie wissen, dass jemand einen Sohn oder eine Tochter aus dem Krieg erwartet, passen Sie bitte auf: Sagen Sie Hallo, hören Sie zu, helfen Sie”, sagte der ukrainische Staatschef. “Umarmen Sie Ihre Familie öfter.” Auch nette Worte zu Kollegen oder Freunden seien angebracht. “Bedanke dich öfter bei deinen Eltern, freue dich öfter mit Kindern.” Wichtig sei auch, den Kontakt zu Freunden und Angehörigen nicht zu verlieren. Ein wenig politisch wurde Selenskyj am Ende seiner Ansprache dann doch: “Beschützen Sie die Ukraine, schätzen Sie einander und tun Sie alles, um unseren Soldaten zu helfen.”

(apa/pma)

Titelbild: SAMEER AL-DOUMY / AFP / picturedesk.com

Autor

  • Pia Miller-Aichholz

    Hat sich daran gewöhnt, unangenehme Fragen zu stellen, und bemüht sich, es zumindest höflich zu tun. Diskutiert gerne – off- und online. Optimistische Realistin, Feministin und Fan der Redaktions-Naschlade. @PiaMillerAich

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