Freitag, Mai 17, 2024

Glanzlichter: Neues Jahr auf altem Pfad

Immer wieder interessieren sich ZackZack-Leser:innen für das Making Of hinter den Fotostrecken von Christopher Glanzl. Heute gibt er Einblicke in seine Arbeit – aus einem kleinen Zeitfenster kurz vor und kurz nach Mitternacht.

Christopher Glanzl

Wien | Der Silvesterpfad in Wien ist der Ort, an dem ich an Silvester am allerwenigsten sein will. Ich habe früher mal in der Innenstadt Punsch verkauft und musste am Weg zur Arbeit durch das Gewusel. Ich war nur überfordert. Aber die Bilder haben mich nie losgelassen, der Schock saß zu tief. Bis zum Jahreswechsel 2023. Da war es dann soweit: Beim Gedanken an den Silvesterpfad habe ich wieder eine Chance gesehen.

Wenn du Straßenfotografie machst, bewegst du dich in einem Graubereich. Grundsätzlich darfst du natürlich fotografieren, das Recht am eigenen Bild ist nicht so streng, dass du gar keine Menschen fotografieren kannst, aber du bleibst vorsichtig, unauffällig. Keine Konflikte provozieren. Mit Blitz fotografieren ist dabei schon schwierig, und zu nahe an die Menschen gehst du auch nicht heran. Doch am Silvesterpfad ist alles anders, und zwar einmalig anders.

Natürlich gibt es regelmäßig Situationen, in denen große Menschenmassen eine Rolle spielen. Konzerte, Fußballspiele, Demonstrationen. Aber dort gibt es immer eine Blickrichtung, in die die Masse schaut. An vielen dieser Orte werden Kameras nicht gern gesehen. Und weil sich die Menge zusammengehörig fühlt, agiert sie auch oft kollektiv gegen dich.

Der Silvesterpfad ist anders: Es ist ein öffentlicher Raum, die Masse dort wahnsinnig durchmischt, die Menschen sind oft schon betrunken, haben sich schon stundenlang aneinander gerieben vor lauter Enge, sie sind reizunempfindlicher als sonst. Und sie schauen in alle Richtungen, da es keine Bühne oder Spielfeld oder Richtung gibt, die die Blickrichtung vorgeben. Es ist Chaos.

Fotograf ist man immer

Nur um null Uhr gehen viele Blicke nach oben, doch auch da ist vieles zufällig und beliebig. Eine ganz besondere Mischung, die es genau einmal im Jahr an einem Ort gibt: am Silvesterpfad. Party gibt es oft, Silvesterpfad nur einmal, und Fotograf ist man immer.

Da ich das Ganze dort wie beschrieben nur schwer aushalte, setzte ich mir eine FFP2 -Maske auf, Kapuze drüber, Kopfhörer mit Haftbefehl auf voller Lautstärke und rein in den Sumpf. Von zehn vor Zwölf bis zehn nach Zwölf. 20 Minuten pures Gedränge, angerempelt werden, sich durcharbeiten, Schnapsfahnen, Feuerwerk mitten in der Menge, und ich mittendrin mit dem 21-mm-Weitwinkelobjektiv auf der Leica und Aufsteckblitz drauf. Linse mit kleiner Blende, sodass zwischen 70 Zentimeter und 10 Zentimeter alles scharf ist, ISO trotzdem raufgedreht.

Teil des Rausche(n)s

Und dann einfach losschießen ohne Rücksicht auf irgendwas, die Kamera so eingestellt, dass ich nichts mehr justieren muss. Die Menschen sind dort anders als sonst, unter all diesen dauernden Reizen und Stimme und Ins-Gesicht-Atmen und sich Durchdrängeln und kleinen Grenzüberschreitungen bin ich quasi Teil dieses Hintergrundrauschens. Sonst muss man oft aufpassen, nicht lauter als das Rauschen selbst zu sein.

Diese 20 Minuten waren anstrengend, ich hab 400 mal abgedrückt, natürlich ist nur ein Bruchteil der Bilder auch etwas worden. Der Rest der Nacht? Bis vier Uhr in der Früh an den Fotos sitzen, während der Silvesterpfad langsam leer wird und verschwindet, und sich die Freunde auf der Party ihr wirklich letztes Bier aufmachen. Dann war mein Silvester vorbei. Es war ein schön.

Titelbild und alle Bilder: ZackZack/Christopher Glanzl

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