Freitag, Juli 12, 2024

Die Panik der Etablierten

Alle reden von den Ängsten der normalen Leute. Aber niemand nimmt sich der Beschwernisse der privilegierten Klassen an.

Wien | Stets ist von den Sorgen und Bedrängnissen der einfachen Leute die Reden. Doch viel zu selten von den Beschwernissen der privilegierten Klassen. Dabei haben auch deren „Ängste und Sorgen“ ein Recht auf öffentliche Wahrnehmung. Den reichen Geldleuten, Großinvestoren, den Erfolgsmenschen in ihren Limousinen, diesen Gutvernetzten, die immer auf die Butterseite des Lebens fallen, und mit jedem Boom genauso gewinnen wie mit jeder Krise, die im Frieden die Dividenden einstreichen wie im Krieg, ihnen wird ja gemeinhin ein sorgenfreies Leben unterstellt. Während alle anderen ächzen, um ihre Rechnungen bezahlen zu können, haben sie ein schönes Leben – so eine verbreitete Ansicht. Doch auch das Leben der Etablierten und Herrschenden ist voller Sorgen und Bedrängnisse.

Schon vor hundert Jahren war das so. Mit dem aufsteigenden Kapitalismus und dem Wachstum großer Reichtümer ging ja die Idee von Bürgerrechten und der Demokratie einher, zugleich aber auch ein immenser Anstieg von Arbeiterheeren, die faktisch rechtlos gehalten wurden. Aber schon damals waren die Herrschenden natürlich von der „dunklen Ahnung“ (Axel Honneth) gepeinigt, dass sich Machtteilung auf lange Sicht nur hinauszögern, aber nicht verhindern werde lassen. Und die ganz Ängstlichen zitterten von einer Revolution der „gefährlichen Klassen“.

Dass man nicht zugleich Freiheit und Bürgerrechte als Idee propagieren, die Unterprivilegierten aber auf Dauer in Rechtlosigkeit halten könne, das schimmerte natürlich auch den Etablierten und umwölkte ihr Bewusstsein.

Mit aller Brutalität wollten sie ihre Herrschaft absichern, weil deren geringe Legitimation ihnen eben bewusst war, diesen Stützen der Gesellschaft, die George Grosz zeichnete, deren Machenschaften Henryk Ibsen auf die Bühne brachte, diese Kamarilla, Wichtigtuer, Protzer, Partylöwen und Unschuldsvermutungslämmer.

Neuer Feudalismus

Auch heute wissen die ökonomisch Überprivilegierten insgeheim, dass es so nicht mehr weiter gehen kann. Wenn 335 Personen in Österreich 35 Prozent aller Finanzvermögen (!) besitzen, dann kommt das einem Neofeudalismus schon sehr nahe. Natürlich haben sie ein Unrechtsbewusstsein, natürlich wissen sie, dass das frivol und skandalös ist, natürlich wissen sie, dass sie die Profiteure einer Art von legalem Diebstahl sind (wenn nötig scheuen die Gerissensten ohnehin nicht vor dem illegalen Hintenherumdrehen zurück, wie man nicht erst dank Chatprotokollen und Korruptionsstaatsanwaltschaft weiß).

Die Bitterkeit darüber, dass sich in das Leben der einen immer mehr materielle Sorgen einschleichen, während in den Leben der Anderen der Luxus stets frivolere Formen annimmt, diese Bitterkeit macht politische Krisen unausweichlich. Die Etablierten haben die dunkle Ahnung von diesen Krisen, und dass es mit dem bequemen Leben ein Ende nehmen wird. Sie wissen nur nicht, welches. Und sie wissen auch nicht, wie man eine Explosion verhindern könnte, wie man allmählich mehr und mehr Gerechtigkeit und echte Demokratie einführen könnte, sodass ihre Welt zumindest im Grunde erhalten bleibt. Natürlich kennen sie alle die berühmte Maxime Lampedusas, dass sich alles ändern müsse, damit alles bleibe, wie es ist. Aber wie nur? Darauf haben sie keine Antwort.

Betrachtet man die Dinge mit etwas Einfühlsamkeit, sieht man schnell, dass die ökonomisch Etablierten unser Mitgefühl verdienen. Zur täglichen Sorge um den Bestand ihrer Vermögen, eine Sorge, von der Normalsterbliche ja frei sind, kommt noch so eine Art von unglücklichem Bewusstsein dazu, dass es irgendwann einen richtig großen Pallawatsch geben könnte.

Tanz am Abgrund

Man genießt den Wohlstand, wissend, es ist ein Tanz auf der Titanic. Man ist da ein wenig an die Finanzkrise vor 15 Jahren erinnert, die der Chef der City Bank wie alle anderen Finanzinvestoren natürlich vorausgesehen hat. Er sagte vor dem großen Krach den legendären Satz: „Solange die Musik spielt, muss man aufstehen und tanzen.“ Er wusste natürlich, dass die Party mit einem großen Krach enden werde, aber bis dahin müsse man eben mittun. Weil man eh keine Alternative habe. Und weil es nichts brächte, wenn man als Einzelner einfach nicht tanzen würde. Die „Struktur“, die die Privilegierten begünstigt, ist natürlich mächtiger als jeder einzelne Privilegierte selbst. Also kann der ja eh nichts tun. Fad am Rande des Parketts stehen, würde nichts verändern, es wäre nur fad. Dann doch gleich lustig mittun, bis es kracht.

Bevor man über die Kopf-in-den-Sand-Politik der Superprivilegierten die Nase rümpft, sollten wir übrigens bedenken, dass wir uns alle in planetarischer Hinsicht nicht viel anders verhalten. Wir wissen, dass unsere Lebensweise die Zukunft kommender Generationen zerstört. Wir wissen auch, dass wir alle vergleichsweise in einem Luxus leben, von dem weite Teile der Weltbevölkerung nur träumen können. Wir wissen auch, wenn wir gerecht teilen würden, müssten wir arge Abstriche machen, die Heizung auf 19 Grad runter drehen und Pulli anziehen wie vergangenen Winter wird da nicht reichen. Wir wissen zudem: Wenn alle zu uns aufschließen würden, dann würde der Planet kollabieren. Noch einmal: Wir wissen da alles. Jeder weiß das. Der letzte Hinterwäldler, selbst wenn er sonst nichts weiß, das weiß er. Wie sagte mein Freund, der Festwochen-Intendant Milo Rau einmal in vollendeter Brutalität: „In der Welt, wie sie ist, sind wir Europäer die Arschlöcher, und zwar durch Geburt. Das ist höchst unerfreulich, aber leider ein Fakt.“

Aber zurück zu den Stützen der Gesellschaft in unserer hiesigen, kleinen Welt: Auch heute wissen die Etablierten, dass die Verbitterung wächst und man nicht ewig die breite Masse aussaugen kann, sie nicht endlos wachsender Unsicherheit wird aussetzen können. Sie haben große Sorgen. Man kann die verstehen.

Spiel auf Zeit

Sie reagieren mehr intuitiv als geplant, in den Tag hinein: Sie fördern rechte Extremisten, um den Hader etwa auf Themen des „Kulturkampfes“ zu lenken. Wenn man es schafft, den normalen Leuten einzureden, Großbuchstaben in Worten („Genderwahn“, „Binnen-I“) seien wichtige politische Themen, dann hat man schon wieder etwas Zeit gewonnen. Mit politischer Vertrottelung versucht man die Massen zu bespaßen, in der Hoffnung, damit könnten wieder ein paar Jährchen herausgeschunden werden.

Wenn man dann rechte Extremisten an die Macht gebracht hat, dann werde man sich mit denen schon arrangieren können, davon geht man aus. Oder man werde dann einfach weiter sehen. Alles nacheinander. Alles zu seiner Zeit. Wobei jedoch auch die ökonomisch Mächtigen eher den Lebensstil einer kosmopolitischen Elite lieben, und nicht so gerne in autoritären Orban- oder Putin-Regimes leben, in denen man nur mehr Theaterstücke und Kinofilme sehen kann, die dem Herrscher gefallen. Die Autokraten nehmen sie nur billigend in Kauf, wenn sie auf diese Weise Zeit kaufen können. Die liberale Demokratie ermöglicht ihre Privilegien, aber um letztere zu erhalten, muss man ein Ende der liberalen Demokratie in Kauf nehmen. Das ist der schmerzhafte Zielkonflikt, dem sich die herrschenden Eliten gegenüber sehen, eine nachgerade tragische Konstellation, in der es für sie nur unschöne Alternativen gibt. Die Superreichen, sie haben es auch nicht einfach. Sie verdienen unser Mitgefühl.

Titelbild: ZackZack/ Thomas König

Autor

  • Robert Misik

    Robert Misik ist einer der schärfsten Beobachter einer Politik, die nach links schimpft und nach rechts abrutscht.

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