Mittwoch, April 24, 2024

Ausgerechnet: Höheres Antrittsalter kommt teuer 

Das Pensionsantrittsalter wird sukzessive erhöht. Die Diskussion darüber wird nur oberflächlich geführt. Denn ein höheres Pensionsantrittsalter macht nur Sinn, wenn ältere Beschäftigte auch bis zum Pensionsantritt arbeiten. Doch viele 65-Jährige sind zu diesem Zeitpunkt schon krank oder haben keinen Job.

Die Debatte um unser Pensionssystems nimmt wieder an Fahrt auf. Wir werden immer älter. Damit steigen auch die Kosten unseres Pensionssystems, für Gesundheit und Pflege. Als angebliche Lösung kommt immer wieder der Vorschlag, das Antrittsalter zur Pension nach oben zu schrauben. Der Gedanke: Wer länger arbeitet, zahlt länger in die Pensionskasse ein und bezieht kürzer Pension. Doch transparent wird diese Debatte nicht geführt – einige entscheidende Aspekte werden unter den Tisch gekehrt. Wer bei dieser “Lösung” draufzahlt, wird nicht erzählt. 

Länger arbeiten selten selbstbestimmt 

Ältere Menschen haben es schwerer am Arbeitsmarkt: Unternehmen stellen sie ungern ein und sie werden häufiger gekündigt. Die Folge: Eine hohe Arbeitslosigkeit bei älteren Menschen vor der Pension. In keiner Altersgruppe ist die Arbeitslosenquote so hoch, wie bei den 60 bis 64-jährigen Männern, also kurz vor dem Pensionsalter von 65 Jahren. Auch bei den Frauen ist die Arbeitslosigkeit hoch in der Altersgruppe der 55 bis 59-Jährigen – direkt vor dem aktuellen Frauen-Pensionsantrittsalter von 60 Jahren.  

Österreich geht krank in Pension 

Länger zu arbeiten ist für viele auch aus gesundheitlichen Gründen gar nicht machbar. Denn Österreich geht im Schnitt krank in Pension. Aktuell sind Männer bereits 3,5 Jahre krank, bevor sie ihre Pension mit 65 Jahren überhaupt antreten können. Frauen können momentan zwar noch gesund in Pension gehen und im Ruhestand etwa 1,3 gesunde Jahre verbringen. Doch mit 2024 wird das Antrittsalter von Frauen schrittweise auf das der Männer erhöht. Durch diese schrittweise Erhöhung des Antrittsalters schickt sie der Staat in Zukunft somit ebenfalls bereits krank in Pension. Im Schnitt sind sie dann 3,7 Jahre krank, bevor sie in den Ruhestand gehen können. Die Lebenserwartung in guter Gesundheit ist in Österreich übrigens deutlich niedriger als im EU-27-Durchschnitt. Vor allem bei Frauen ist der Unterschied drastisch. Frauen in Österreich können nur 61,3 Jahre in guter Gesundheit erwarten, im EU-27-Schnitt sind es um fast 3 Jahre mehr.  

Lebenserwartung seit über 10 Jahren gleich 

Ein Argument, der Befürworter:innen einer Anhebung des Pensionsalters: Die Lebenserwartung steigt kontinuierlich. Zwar wird die österreichische Gesellschaft insgesamt älter, doch die Lebenserwartung in Österreich stagniert für beide Geschlechter seit mehr als einem Jahrzehnt. Seit 2012 liegt die durchschnittliche Lebenserwartung in Österreich bei 81,1 Jahren. Während Frauen im Schnitt ein Alter von 83,5 Jahren erreichen, werden Männer nur 78,8 Jahre alt. Aus demografischer Sicht macht eine Anhebung des Pensionsantrittsalters derzeit also keinen Sinn. Und darüber hinaus, ist die Regierung ohnehin gerade dabei für die Hälfte der Bevölkerung das Antrittsalter um 5 Jahre anzuheben. Die Angleichung des Pensionsantrittsalters für Frauen an das der Männer ist 2033 abgeschlossen. Allein dadurch verlieren sie etwa 43.000 Euro an Pensionseinkommen. Würde das Antrittsalter für Frauen auf 67 Jahre angehoben, würden die Verluste bei Frauenpensionen noch deutlich größer ausfallen. Darf eine Frau, die zuerst Vollzeit arbeitet, mit dem ersten Kind in Karenz geht und danach für einige Jahre ihre Arbeitszeit reduziert, bevor sie wieder voll in den Arbeitsmarkt einsteigt, erst mit 67 Jahren in Pension gehen, wird ihre Pension insgesamt um etwa 74.000 Euro gekürzt.  

Anstatt das Antrittsalter zu erhöhen, wäre es viel wichtiger, älteren Menschen vor der Pension eine aktive Teilnahme am Arbeitsmarkt zu ermöglichen und sie in Beschäftigung zu halten, vor allem bei Frauen. Derzeit geht nur rund jede zweite Frau aus dem Berufsleben in Pension. Hier sind Unternehmen in der Pflicht, Altersdiskriminierung bei der Jobvergabe zu verhindern und für altersgerechte Arbeitsplätze zu sorgen. Um Altersarmut einzudämmen, sollte die Mindestpension über die Armutsgefährdungsschwelle angehoben werden. Das wäre vor allem mit Blick auf den Gender Pension Gap von über 40 % und dem erhöhten Armutsgefährdungsrisiko für Frauen im Alter wichtig. 

Auch aus Verteilungsperspektive hätte eine Erhöhung des Antrittsalters negative Effekte. Für ärmere Menschen liegt die Lebenserwartung deutlich niedriger als für Reiche. Während ein Mann aus dem obersten Fünftel der Einkommensverteilung durchschnittlich ein Alter von 83 Jahren erreicht, stirbt ein Mann aus dem untersten Fünftel im Schnitt mit 76 Jahren – um sieben Jahre früher. Würde das Pensionsantrittsalter von 65 auf 67 Jahre erhöht, sinkt das gesamte Pensionseinkommen von Menschen mit niedrigen Erwerbseinkommen daher um 13 Prozent. Menschen mit hohen Einkommen verlieren bei gleich langer Vollzeittätigkeit lediglich sechs Prozent der Pension. Schon jetzt haben arme Menschen deutlich weniger von ihrer Pension als Reiche. Wird das Pensionsantrittsalter angehoben, bedeutet das eine weitere drastische Kürzung der Pensionen für alle mit weniger Einkommen.


Sophie Achleitner hat Volkswirtschaft an der Wirtschaftsuniversität Wien und an der University of South Australia studiert. Sie brennt für die Themen Bildung und Geschlechterungleichheiten und verknüpft diese mit budget- und steuerpolitischen Fragestellungen.

Titelbild: Miriam Moné, Ingo Pertramer

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6 Kommentare

  1. Das Pensionsantrittsalter gehört nicht hinaufgesetzt, sondern im Gegenteil heruntergesetzt. Aus Gründen der Gerechtigkeit.
    Statistisch schon lange bekannt: Je geringer das Einkommen, desto geringer die Lebenserwartung.
    Die Reichen leben um etwa 10 Jahre länger und gesünder. Wer nicht dazu gehört, lebt kürzer und hat daher kürzer die Pension.
    Eingezahlt hat er aber genauso lange, wenn nicht länger.
    Also: Antrittsalter runter, das Geld dafür ist sowieso dar, die Nichtfinanzierbarkeit ist ein Märchen.

  2. Der Kommentar ist so einseitig und in vielfacher Hinsicht falsch, dass man mit dem Korrigieren kaum nachkommt.
    1. Falsch ist erst einmal der Grundgedanke, dass dass man der Arbeitslosigkeit mit rechtzeitiger Pension zuvorkommen sollte. Jobprobleme von Älteren sind sicher Überlegungen und Lösungen wert, aber das Pensionssystem ist nicht zur Lösung dieses Problems da.
    2. Darüber hinaus hängen die Schwierigkeiten, mit 60 einen neuen Job zu bekommen genau mit dem bevorstehenden Pensionsantritt zusammen. Ein höheres Antrittsalter erhöht die Chancen, mit 60 einen Arbeitsplatz zu bekommen.
    3. Falsch ist das Argument, weil “viele” mit 61,5 Jahrn krank seien, müssen “alle” entsprechend früh in Pension gehen. Für Kranke gibt es ein Sozialsystem und wenn das nicht ausreicht, ist auch hierfür nicht das Pensionssystem zu Lösung da.
    4. Die Lebenserwartung in Gesundheit ist in Österreich deshalb schlechter als im EU-Durchschnitt, weil unser Lebensstil ungesünder ist. Einmal mehr liegt die Lösung dieses Problems für die Autorin nicht im Gegensteuern, sondern im rechtzeitigen Pensionsantritt.
    5. Die Lebenserwartung ist seit über zehn Jahren gleich, soll sein. Und wie lange liegt die letzte Anpassung des Pensionsantrittsalters an die Lebensewartung zurück? Ach so, die gab es überhaupt noch nie, weil ja populistische Erwägungen dagegen stehen.
    6. Und dass das Pensionssystem aufgrund hoch defizitär ist und die Zuschüsse ständig ansteigen lässt die Autorin gleich unter den Tisch fallen. Der Hinweis auf die letzten zehn Jahre ist daher entweder ein Ausdruck von Manipulationsabsicht oder von Uninformiertheit.

    Alles in allem das gleiche wie beim Klimawandel: Wir ignorieren ein strukturelles Problem zu Lasten der kommenden Generationen und verschanzen uns hinter Scheinargumenten, um uns das Nichtstun schönzureden.

    • du plapperst nach, was die agenda austria so von sich gibt

      und was übrigens schon vor 30 jahren in der furche gestanden ist.
      lässt sich leicht nachlesen.

      und es war damals schon so falsch wie heute.
      du darfst meine argumentation gern im in – bei meinem kommentar – verlinkten blog nachlesen.

  3. Ich glaube gelesen zu haben, dass das Durschnittsalter wo die “Wehwehchen” in diesem Land beginnen bei 57 liegt und diese “Wehwehchen” sich dann bis zum Tod hinziehen. Die zwischenzeitlich weit nach unten gegangenen Durchschnittserlebensalter aber vor allem, welche auch schon einmal in die andere Richtung prophezeit gewesen waren, wurden in diesem Bericht ja schon angeführt und sind meiner Meinung nach ein schlagender Beweis für die Auswirkungen dieser Politik.

    Richtig interessant wird es dann, wenn man unsere Statistiken mit denen von Japan vergleicht:
    In Japan fangen nämlich diese “Wehwehchen” erst zwei Jahre vor dem Tod an und sind dann die durchschnittlichen Lebensalter mehr als 10 Jahre höher und soll es dort schon über 100.000 Hundertjährige geben… – ich bin schon sehr gespannt wie das erklärt und interpretiert werden wird, wenn es überhaupt Jemanden in diesem Land (so wie bisher schon) interessieren sollte? (Danke hier auch an die Institutionen, wie auch der der AK, welche ja bisher schon so gut funktionierte und wo laut dem vorherigem Eintrag und den Postings dort nur der Herr Haider so starke, aber völlig unberechtigte Kritik äusserte… – auch die SPÖ hat seit dieser Zeit ja auch vermutlich deshalb einen enormen Höhenflug erleben dürfen…)

    “Land der (Weiter-)Träumer…”

  4. long story, short read:
    Wir alle sollen länger arbeiten, brav in eine „private Vorsorge“ einzahlen und am Ende dafür insgesamt weniger Pension bekommen.

    Mit schöner Regelmässigkeit wird der Staatsbankrott durch steigende, nicht mehr zu finanzierende Kosten wegen notweniger Zuschüsse zu den Pensionen vorhergesagt.
    Viel relevanter als das gesetzliche Pensionsalter ist, wann Menschen tatsächlich in Pension gehen. Die Behauptung, dass das Pensionsantrittsalter nicht steigt ist schlichtweg falsch.
    Es ist einfach unredlich mit der steigenden Lebenserwartung für eine Erhöhung des Pensionsantrittalters zu argumentieren, wenn der wesentliche Faktor, die mögliche Arbeitsfähigkeit von potentiell länger Erwerbstätigen, durch den schlechter werdenden Gesundheitszustand ad absurdum geführt wird.

    https://www.hagerhard.at/blog/2023/10/das-ungeheuer-pensionen/

    • Genau so ist es. Und bald erklärt ist auch die Anschlussfrage: Wenn die meisten länger und mehr einzahlen, dann aber nur kürzer was retour erhalten, an wen geht dann der damit erzielte Überschuss ?

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