Montag, Juli 15, 2024

Die Stimme der Vernunft ist leise…

…aber sie ruht nicht. Warum wir dem Geschrei die Macht des Wortes entgegensetzen sollten.

Vergangene Woche fand die Leipziger Buchmesse statt und zur Eröffnung sprachen neben dem wunderbaren deutsch-israelischen Intellektuellen Omri Boehm auch Eva Illouz und Bundeskanzler Olaf Scholz. Während Scholz sprach, wurde er von lautstarken Palästina-Solidaritäts-Aktivisten unterbrochen, die die von ihnen attestierte Komplizenschaft mit dem „Genozid“ in Gaza anprangerten. Sie haben sich angewöhnt, durch lautstarke Schreierei Debatten gar nicht erst stattfinden zu lassen.

Scholz sagte dann irgendwann: „Uns alle führt hier in Leipzig die Macht des Wortes zusammen – nicht die des Geschreis.“ Es gab dafür sehr viel Applaus.

Ein bisschen erinnert das an den berühmten Satz von Michelle Obama, die angesichts des allgegenwärtigen Sounds des populistischen Schlagwort-Gebrülls der rechten Republikaner und Trump-Leute einmal sagte: „When they go low, we go high“ (grob übersetzt: „wenn sie tief greifen, bleiben wir nobel“). Das hatte ein Pathos der Vernünftigkeit, aber manche Leute kritisierten Obama später auch dafür, weil sie gewissermaßen für elitäre Noblesse plädiere, und die eingängige Zeile auch als herablassendes Naserümpfen verstanden werden könnte, nicht nur gegenüber Trump, sondern auch gegenüber den Wütenden und Aufgeganselten, die er umgarnt.

Im Sinne von: Wir sind nicht so ordinär wie Die.

Wie auch immer, wir sehen schon an dieser kleinen Anekdote, dass die Dinge oft zwei Seiten haben – und meistens noch viel mehr, drei etwa, wenn nicht gar vier oder fünf. Die allermeisten von uns wissen das im Grunde. Und damit sind wir schon mitten im Thema.

Doppelte Wahrheiten

Kommen wir zurück zu dem Olaf-Scholz-Satz: „Uns alle führt hier in Leipzig die Macht des Wortes zusammen – nicht die des Geschreis.“

Die Macht des Wortes, damit ist in diesem Fall gemeint: die Macht des eher leisen Nachdenkens und Abwägens, aber auch die Macht der Gesprächsführung, wozu das Argumentieren, das Widersprechen, aber auch das Zuhören gehört. Sich der Wirklichkeit in all ihren Aspekten zu stellen, heißt zunächst einmal, sie in Worte zu fassen, und das gerade in ihrer Widersprüchlichkeit. Heißt auch: Die Tatsache achten, dass oft das eine wahr und richtig sein kann, aber zugleich auch das Gegenteil. Ein bisschen erinnert das an die berühmte Sigmund-Freud-Aussage: „…die Stimme des Intellekts ist leise, aber sie ruht nicht, ehe sie sich Gehör geschafft hat.“

Im lauten, dröhnenden Tosen dessen, was man heutzutage unsere „Diskurse“ nennt, also dem Geschrei, den einfachen Antworten, den simplen Schlagzeilen, den übertriebenen Einseitigkeiten kann man natürlich leicht zu der Ansicht gelangen, dass die leise Stimme der Vernunft auf verlorenem Posten steht.

Es gibt wahrscheinlich kein Problem auf der Welt, das mit einfachen Antworten zu lösen ist. Jeder Sachverhalt ist komplex, hat selten nur eine einzige, monokausale Ursache, und um an einem problematischen Sachverhalt etwas zu verändern, muss man an vielen Stellschrauben drehen. Meistens hat man sogar widerstrebende Tendenzen unter einen Hut zu bringen, sodass man schon zufrieden sein kann, wenn man labile Balancen herstellt. „…wahr ist allerdings, dass ich mich bemühe, bei allen Dingen beide Seiten zu sehen“, erwiderte der große österreichische Sozialistenführer Victor Adler einmal auf Vorhaltungen, er würde zu viel in Kategorien von Hinsichtlich und Rücksichtlich denken.

Recht hatte er. Und es war diese Charaktereigenschaft, die ihn zu einem Giganten der österreichischen Geschichte machte.

Empörungsgeschrei übertönt echte Debatte

Heute dominiert das Geschrei von Boulevard und Populismus, aber auch der Erregungsbewirtschaftung vieler Seiten. Der Lautstärkepegel muss hochgedreht werden, ebenso der Aggressionspegel. Bei nahezu jedem Thema. Meint jemand – was übrigens alle Experten tun, bis hin zu Institutionen wie der OECD oder der Internationale Währungsfonds –, dass moderate Vermögenssteuern oder ein paar Prozent Erbschaftssteuer empfehlenswert wären, dann schreit die versammelte neoliberale und populistische Rechte völlig durchgedreht sofort „Enteignung“ oder Ärgeres. Das ist richtiggehend komisch, haben doch die „Enteignungs“-Schreier ÖVP und FPÖ, als sie gemeinsam regierten, sogar die Abschaffung der Notstandshilfe paktiert gehabt und damit die Einführung von Hartz-IV in Österreich. Dazu muss man wissen, dass, hätten sie diesen Plan verwirklicht, alle Arbeitslosen, die länger als ein Jahr keinen Job finden, in die Mindestsicherung gefallen wären. Um diese beanspruchen zu können, müssen sie zuvor nahezu ihr gesamtes Eigentum verwerten. Das ist dann eine echte brutale Enteignung: Die kleine Lebensversicherung, das fünf Jahre alte Auto, das vielleicht noch ein paar tausend Euro wert ist – alles wäre enteignet worden, bevor die Betroffenen Unterstützung bekommen hätten. Vergessen wir nie: Dass dieser echte und üble Enteignungsplan nicht verwirklicht wurde, verdanken wir nur der Tatsache, dass die Regierung wegen des Ibiza-Videos rechtzeitig zerbrach.

Groteske Beschimpfungen verunmöglichen Gespräche

Wer gemäßigte Reformen des Steuersystems fordert, ist also für „Enteignung“. Gibt es ein Gewaltproblem bei jugendlichen Banden, wird sofort die Senkung des Strafmündigkeitsalters gefordert. Wer darauf beharrt, dass wir eine ethnisch längst vielfältige Einwanderergesellschaft sind und die Kinder der Zuwanderer soziale Anerkennung und Respekt verdienen, muss sich recht schnell als „Verteidiger afghanischer Messerstecher“ beschimpfen lassen, umgekehrt kann es jemandem passieren, übelst als „Rassist“ verleumdet zu werden, nur wenn er meint, dass das Gewaltproblem in Segmenten völlig zukunftsloser junger Männer keine vernachlässigbare Petitesse wäre. Wer die völlig überschießende Kriegsführung Israels im Gazastreifen für einen Fehler hält und es ein moralisches Debakel nennt, dass Gaza in Grozny verwandelt wird, darf sich „Antisemit“ nennen lassen; umgekehrt kann es leicht passieren, dass derjenige, der den Blutrausch und den islamistischen Terror der Hamas verurteilt, vorgeworfen bekommt, er schüre antiarabischen Rassismus, legitimiere Israels Besatzung und den „Genozid“ an den Palästinensern. Wer laut nachdenkt, und bekanntgibt, dass er nicht sicher ist, ob mehr Waffenlieferungen an die Ukraine gut sind, wird schnell „Putinknecht“ oder Schlimmeres geheißen, und wer umgekehrt meint, dass wir tragischerweise einer Bedrohung durch das imperiale Russland ausgesetzt sind und diese Herausforderung nicht ignorieren dürfen, wird sich womöglich schnell als „Kriegstreiber“ charakterisiert finden. Ach ja und zu Corona-Zeiten standen sich so gesehen jene gegenüber, die die Vulnerablen, Kranken, Alten einfach „ermorden“ wollten, und die, die alle in einem totalitären Akt einsperren oder gar mit „Todesimpfungen“ ausrotten wollten.

Ich fürchte, ich könnte diese Liste des grotesken Übertreibungsfurors endlos fortsetzen, diese Überzogenheiten, die gelegentlich in den blanken Irrsinn übergehen.

Sehnsucht nach Vernunft

Sollte ich Sie mittlerweile etwas deprimiert haben, dann darf ich ihnen mitteilen, dass das keineswegs meine Absicht war. Das Gegenteil ist der Fall. Ich denke sogar, dass das Geschrei, die Unvernunft, die Vertrotteltheit der Schlagwort-Versimpelungen den meisten unserer Mitbürgerinnen und Mitbürger auf die Nerven gehen. Sie wissen, dass die Dinge ihre Ambiguitäten haben. Sie sehnen sich nach Sachlichkeit im Meer von Krach und Radau. Dumme Polemiken widern sie an. Wie gesagt: „…die Stimme des Intellekts ist leise, aber sie ruht nicht, ehe sie sich Gehör geschafft hat.“

Natürlich gibt es Gefahren, beispielsweise folgende: Dass die Vernünftigen in Schweigen verfallen, weil sie sich dem Geschrei und Getöse nicht aussetzen wollen. So verständlich das ist, so sollten wir diesen Fehler nicht machen. Wir haben nichts zu fürchten außer die Mutlosigkeit und das Phlegma der Vernünftigen.

Schwarze Liste statt Argumente

Es gibt aber noch einen anderen Aspekt, der mit dem grotesken Überbietungsfuror und den Schlagwort-Keulen einhergeht. Ist jemand einmal als „Antisemit“, „Rassist“, „Totalitärer“, „Kriegstreiber“, „Putinknecht“, „Vergewaltigungsverniedlicher“, „Sexist“ oder sonstwie gebrandmarkt, dann ist diese Person nicht mehr jemand mit anderen (oder einfach auch dummen) Ansichten, sie wird vielmehr zu einer moralisch verwerflichen Person erklärt. Die Meinung, die nicht die eigene ist, wird dann nicht als eine Ansicht betrachtet, der man mit Argumenten begegnet oder der man versucht, auf plausible Weise zu widersprechen. Sondern sie wird niedergeschrien, oder, noch schlimmer, als „problematische“ Meinung charakterisiert, die im Diskurs gar nicht vorkommen darf. Das geht so weit, dass Leute, die eine angeblich „gefährliche“ Meinung zu einem Thema haben, auch zu einem gänzlich anderen Thema gar nicht mehr gehört werden dürfen. Schließlich ist die gefährliche Meinung ja so gefährlich, dass sie irgendjemanden anstecken könnte, so wie Cholera oder Pest oder Tuberkulose. Damit verengt sich natürlich der Meinungskorridor.

Gewiss gibt es „Meinungen“, die in den öffentlichen Diskursen liberaler Demokratien nicht repräsentiert sein sollen, etwa waschechte Vollnazis, oder Islamisten, die meinen, es sei okay, Ungläubigen die Kehle durchzuschneiden oder jüdische Jugendliche zu massakrieren, oder Politiker, die autoritäre, illiberale Regimes errichten wollen.

Demokratie heißt: Meinungsfreiheit aushalten

Aber jenseits davon sollten wir sehr vorsichtig mit Ausschlüssen aus Diskursen und sogar mit der Stigmatisierung von Meinungen als „problematisch“ oder „gefährlich“ sein. Um es ganz klar zu sagen: Es ist der Preis der Freiheit, dass ich mir Meinungen anhören muss, die nicht die meinen sind, ja, die ich sogar ablehne.

Meinungsfreiheit impliziert die Freiheit, Meinungen zu äußern, die mir ganz und gar nicht gefallen. Mehr noch: Meinungsfreiheit beinhaltet sogar die Freiheit, dumme Meinungen zu äußern. Es gibt noch nicht mal eine Pflicht zur Schlauheit, ganz zu schweigen von einer zur Brillanz.

Wir sollten nicht dem Reflex folgen, Meinungen, die wir ablehnen, zu verbieten. Wir sollten ihnen widersprechen. Womöglich ist in ihnen ja sogar ein Aspekt, der zu berücksichtigen ist, entsprechend der weisen Maxime, dass niemand die ganze Wahrheit hat, aber jeder vielleicht einen Teil davon. Weshalb zum Widersprechen und Argumentieren leider auch das Zuhören gehört.

Vielleicht werden manche von Ihnen jetzt entgegnen, dass es romantisch oder sogar naiv ist, auf diese Weise auf die Macht des Wortes, nämlich auf die Macht des grübelnden, leisen Hin und Her des vernünftigen Dialogs zu setzen, auf das, was Jürgen Habermas in einer längst legendären Formulierung den „zwanglosen Zwang des besseren Arguments“ nannte. Dann sollten wir allesamt romantischer werden. Denn ich denke, im Gegenteil, dass es keine andere gute Möglichkeit zur Verbesserung unserer Gesellschaften gibt, als sich – um Kant zu paraphrasieren –, des eigenen Verstandes zu bedienen, und das öffentlich zu tun und die Macht des Wortes zur Geltung zu bringen. Gegen das Geschrei.

Titelbild: Miriam Moné

Autor

  • Robert Misik

    Robert Misik ist einer der schärfsten Beobachter einer Politik, die nach links schimpft und nach rechts abrutscht.

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