Hat Österreich aktuell wirklich 1086 Corona-Kranke?

Laut dem Gesundheitsministerium hat Österreich aktuell 1086 Corona-Erkrankte. Aber das ist irreführend, denn viele Menschen bleiben asymptomatisch. Gerade durch die Wiener Teststrategie zeigt sich, dass eine Zahl ohne weitere Informationen wenig aussagt.

Wien, 08. Juli 2020 | Laut dem Corona-Dashbord des Sozialministeriums gibt es aktuell 1086 Corona-Erkrankte. Auch Lou Lorenz-Dittelbacher vom ORF sagte das in der gestrigen „Zib2“.

Die Sache mit den asymptomatischen Fällen

Aber so einfach ist das nicht. Schon im März sagte Kanzler Kurz: „80 Prozent haben keine Symptome.“ Mittlerweile ist klarer, womit man es hinsichtlich Covid-19 zu tun hat. Laut dem Szenarienpapier der US-Gesundheitsbehörde CDC geht man von 20 bis maximal 50 Prozent asymptomatischen Fällen aus. Milde Verläufe gibt es weit mehr.

Der Pressesprecher des Wiener Gesundheitsstadtrates Peter Hacker (SPÖ), Mario Dujakovic, plädierte gestern auf Twitter für eine differenzierte Verwendung des Begriffs „aktuell Erkrankte“:

“‘Aktuell Erkrankte’ ist ein irreführender Begriff. Korrekt wäre: positiv getestete Personen in Heimquarantäne. Weil, wer symptomfrei ist, hat zwar Viren-RNA, ist aber nicht automatisch erkrankt.“

In Wien wurden in den letzten beiden Monaten 1300 positiv getestet. Rund zwei Drittel seien asymptomatische Fälle gewesen, heißt es auf ZackZack-Nachfrage aus dem Büro Hacker. Eigentlich habe es in Wien in den letzten zwei Monaten etwas mehr als 400 tatsächlich Erkrankte gegeben.

Das passt auch mit den aktuellen Zahlen zusammen: 360 Personen gelten in Wien aktuell als infiziert, davon sind 22 Personen in Normalbetten hospitalisiert, 7 Menschen liegen auf der Intensivstation. Österreichweit sind 11 Intensivbetten mit Covid-Patienten belegt, daneben sind 66 Personen in Österreich in Normalbetten untergebracht. Die Zahl der milden Verläufe scheint also beträchtlich zu sein.

Schwierige Erfassung

Das man positiv-getestete Personen grundsätzlich als „Erkrankte“ bezeichnet ist für Dujakovic

„nicht unproblematisch. Man müsste zumindest extra ausweisen, wie viele davon symptomatisch sind oder nicht. Das tagesaktuell zu monitoren ist eine Mammutaufgabe und systematisch schwierig. Aber für eine wissenschaftliche Nachbetrachtung sicher sehr interessant. Was man sagen kann: Der überwiegende Großteil jener, der zum Testzeitpunkt asymptomatisch war, bleibt es auch“,

schreibt er auf Twitter. Und weiter:

„Alle Kennzahlen, die wir haben, sind nicht optimal, aber es gibt leider derzeit keine besseren. Der PCR-Test kann aber leider keine Aussage darüber treffen, ob jemand infektiös ist oder nicht. Deshalb kommen alle – ungeachtet dessen – vorsichtshalber in Heimquarantäne.“

Auf zackzack-Nachfrage stellt Dujakovic aber auch klar: Das bedeute keinesfalls, das das Virus nicht gefährlich sei. Aber wichtig sei es, eine Zahl immer auch in einen Kontext zu setzen. „Eine Zahl isoliert für sich herzunehmen, ist einfach zu wenig. In Wien entwickelt sich die Lage aber weiter stabil.“

Zusatz: Nur Wien testet auch Kontaktpersonen, die keine Symptome aufweisen. Das erhöht zwar die Infektionszahlen, aber ermöglicht eine zügige Unterbrechung von Infektionsketten. In anderen Bundesländern werde weiterhin nur nach Symptomen getestet.

WHO: asymptomatische Personen nicht die großen Verbreiter

Wie infektiös asymptomatische Personen sind, ist nicht abschließend geklärt. Für die WHO ist zumindest klar, dass die Übertragung durch asymptomatische Menschen „sehr selten“ sei.

“Die Mehrheit der uns bekannten Übertragungen besteht darin, dass Menschen mit Symptomen das Virus durch infektiöse Tröpfchen auf andere Menschen übertragen. Es scheint immer noch selten zu sein, dass eine asymptomatische Person das Virus tatsächlich weiterleitet”,

sagte die für die WHO tätige Epidemiologin Maria Van Kerkhove im Juni.

(ot)

Titelbild: APA Picturedesk

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