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Wirtschaftskrise: Prognose düster, Pulverfass Corona-Arbeitslosigkeit

Prognose düster, Pulverfass Corona-Arbeitslosigkeit

Die EU hat die Zahlen für Österreichs BIP-Entwicklung nach unten korrigiert, es droht eine schlimme Wirtschaftskrise. Ökonomen sagen: Der Großteil der corona-bedingten Arbeitslosigkeit könnte bestehen bleiben – trotz Öffnung und Lockerungen.

Wien, 08. Juli 2020 | Für die österreichische Wirtschaft sieht die Zukunft düster aus. Vor allem die Arbeitslosigkeit wird ohne radikale Schritte hoch bleiben. Öffnung alleine – das wird uns nicht auf die Beine helfen, sagen Ökonomen. In ihrer Wirtschaftsprognose für den Sommer zeichnet die EU-Kommission ein düsteres Bild: der europäischen Wirtschaft droht eine massive Rezession. Auch für Österreich wurden die Zahlen nach unten korrigiert.

Corona-bedingte Arbeitslosigkeit könnte zum Großteil bleiben

Ein Faktor, der die Schwere der Krise besonders erfasst, ist die Arbeitslosigkeit. In den vergangenen Tagen war zu lesen, dass die Arbeitslosigkeit nun wieder rückläufig sei, so Arbeitsministerin Christine Aschbacher (ÖVP). Ökonom Oliver Picek vom Momentum-Institut dämpft allerdings die Erwartungen:

„Die Arbeitslosigkeit ist aktuell mit noch immer knapp 117.000 Personen über dem Vorjahresniveau. Zum Höhepunkt der Corona-Krise waren es rund 228.000 Personen extra. Das heißt: Etwas weniger als die Hälfte der Arbeitslosen sind im Zuge der Wiederöffnung der Wirtschaft schon wieder abgebaut. Aber über die Hälfte ist noch immer arbeitslos.“

Die Hoffnung, dass das sogenannte „Hochfahren“ der Wirtschaft schnell zur Erholung führen werde, erscheint zunehmend unrealistisch. Picek betont:

„Dafür, dass das Ende des Lockdowns doch schon wochenlang her ist, geht der Abbau äußerst schleppend voran.“

Wer nicht in den nächsten Wochen noch einen Job bekomme, bleibt wohl länger arbeitslos, so der Ökonom. Dies liege vor allem an der Saisonarbeitslosigkeit, die ab August/September wieder steigen werde.

„Nicht vergessen sollten wir auch, dass bereits vor Corona schon knapp 400.000 Menschen arbeitslos waren (Jahresdurchschnitt 2019).“

Deutungskampf bei Arbeitslosenquoten

Die Bundesregierung versucht seit Beginn der Krise die Arbeitslosenentwicklung möglichst positiv darzustellen. Gerade ÖVP-Vertreter hatten in der Vergangenheit stets die deutlich niedriger angesetzten Arbeitslosenzahlen internationaler Behörden wie der EU-Behörde EUROSTAT angeführt. Die EUROSTAT-Quote liegt bei lediglich 4,7 Prozent für Mai, also noch während des Lockdowns, aktuellere Zahlen gibt es nicht. Dagegen liegt diejenige der Statistik Austria bei noch immer knapp 10 Prozent. Die Zahlen sind aktuell, gelten also für Juli.

Ökonomen sehen die Methoden der ILO, auf die sich EUROSTAT bei den Berechnungen bezieht, oft kritisch. Die ILO bezieht sich vor allem auf telefonische Befragungen, die zu Missverständnissen führen können. So könne laut Picek etwa bei der Frage „Suchen Sie aktiv nach Arbeit?“ die Antwort „nein“ auch dadurch begründet sein, dass viele eigentlich arbeitssuchende Menschen während des Lockdowns die Situation zunächst abwarten wollten. Hinzu komme aber auch, dass die ILO Leute, die angaben, in der jeweils vorausgegangenen Woche mindestens eine Stunde gearbeitet zu haben, nicht als arbeitslos werte. Die faktische Arbeitslosigkeit könnte also deutlich höher sein als die durch die einfache Befragung erfasste.

Dass Selbständige bei EUROSTAT hinzugerechnet werden, würde die Quote generell, also auch außerhalb von Coronazeiten, aufhübschen. Die nationale Statistikbehörde Statistik Austria liefere auch deshalb genauere Zahlen, da sie die aktuellen Daten Jobsuchender in Österreich miteinberechne – die Selbständigen jedoch nicht.

Von Schweden überholt: „Wettbewerb“ geht nach hinten los

Interessant an den neuesten EU-Zahlen zum wirtschaftlichen Rückgang ist auch der Vergleich zwischen den Nationalstaaten, den die Regierung immer wieder bedient hat. Im Mai hatte die Kommission noch mit einem Rückgang beim Bruttoinlandsprodukt Österreichs in Höhe von -5,5 Prozent gerechnet. Die Bundesregierung hatte betont, man würde im EU-Vergleich äußerst gut dastehen. Nun wird Österreich ausgerechnet von Schweden überholt: hier sieht die EU „nur“ noch einen Rückgang von -5,3 Prozent. In der Frühjahrsprognose war man noch von -6,1 Prozent ausgegangen.

Schweden steht im Zuge der Coronakrise für die als lascher wahrgenommenen Maßnahmen und im Vergleich zu Österreich höheren Infektionszahlen immer wieder in Kritik. Bundeskanzler Sebastian Kurz hat das immer wieder als Anlass genommen, um die eigenen Maßnahmen als wirksam zu inszenieren. Ökonomen haben etwaige Vergleiche immer wieder als unzureichend und gefährlich kritisiert.

Auch von wirtschaftsliberaler Seite gab es früh Kritik am „Wettbewerb“ von Kurz – der sich damals noch an den Zahlen der Frühjahrsprognose erfreut hatte.

Doch die Kommission stellt den Zusammenhang mit schnelleren und härteren Maßnahmen auf der einen sowie schnellerer wirtschaftlicher Erholung auf der anderen Seite infrage. So heißt es im Österreich-Kapitel des Papiers:

„Der Rückgang der Wirtschaftsleistung ist voraussichtlich schwerwiegender, da Social Distancing und Eindämmungsmaßnahmen (des Virus, Anm.) die Wirtschaft weiterhin belasten.“

Insbesondere der rückläufige Privatkonsum sei für einen Großteil der nun schlechteren Zahlen verantwortlich. Knapp zwei Drittel der prognostizierten -7,1 Prozent seien darauf zurückzuführen, dass die Menschen in Österreich weniger konsumieren würden.

Dies betreffe vor allem Gebrauchsgüter, etwa länger haltbare Güter zum nicht unmittelbaren Verzehr, aber auch der Dienstleistungssektor sieht sich mit einer anhaltenden Dämpfung konfrontiert. Für den Tourismus, in welchen die Bundesregierung mit nationalen Kampagnen viel Hoffnung steckt, ist das keine gute Nachricht.

(wb)

 

Titelbild: APA Picturedesk

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2 Kommentare

  1. […] Eine Facette ist zudem das Mantra der Sparpolitik. Die Gruppe der „Sparsamen Vier“ (in Deutschland oft als „Geizige Vier“ bezeichnet, Anm.), als deren Wortführer sich Kurz inszeniert, stellt sich gegen den 750 Milliarden Euro schweren Wiederaufbaufonds. Dieser soll besonders gebeutelten Krisenländern und damit auch der europäischen Wirtschaft unter die Arme greifen. Das ist nötig: Italien und Spanien litten schon vor der Corona-Pandemie an den schweren Folgen der globalen Finanzkrise, die Situation verschärft sich jetzt. Italiens Kollaps würde für Österreich massive Folgen zeitigen, die Volkswirtschaften hängen zu sehr voneinander ab. Auch Österreichs Wirtschaftsprognosen werden immer düsterer, wie wir zuletzt berichtet haben. […]

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