Samstag, September 30, 2023

Leistung muss sich lohnen! 

Wer arm ist, soll einfach arbeiten gehen, so eine weitverbreitete Ansicht. Daniela Brodesser erklärt anhand von Beispielen, warum das falsch ist und wie die Debatte um Leistung und Faulheit schlecht bezahlte Jobs erst ermöglicht.  

“Sollen sich einen Job suchen! In Österreich muss niemand arm sein! Ist pure Faulheit! Ich seh doch nicht ein solche Menschen von meinem Geld durchzufüttern. Die liegen bequem zuhause vor dem Fernseher während wir arbeiten müssen. Wer arbeitet darf nicht der/die Dumme sein”…

Neiddebatten

Und so weiter. Mal ganz ehrlich, wer hatte nicht schon einmal solche Gedanken, wenn es in Debatten um Arbeitslosengeld oder Sozialhilfe geht? Wenn gefordert wird, das Arbeitslosengeld etwas zu erhöhen, weil man von einem Tag zum anderen mit etwas mehr als der Hälfte des Einkommens auskommen muss, die Fixkosten aber die gleichen bleiben? Wer hat sich noch nicht dabei ertappt, sich zu ärgern, weil man selbst “fleißig” ist, täglich in die Arbeit pendelt, und dann wird gefordert eine Sozialhilfe zu erhöhen? Was denn noch? Sollen doch bitte einfach arbeiten gehen, wie du auch! Macht dir immerhin auch nicht jeden Tag Spaß und was zur Seite legen wird immer schwieriger, aber ist halt so. Und dann wollen die noch mehr und noch mehr? Frechheit! Kürzen sollte man alles, kann doch nicht sein, dass die mit Sozialhilfe oder Arbeitslosengeld fast mehr bekommen als ich! Schließlich gerät auch niemand mit Arbeit in die Armut!

Genau hier liegt ein großer Denkfehler, nämlich dass Arbeit vor Armut schützt und davor, auf Unterstützungen angewiesen zu sein. 

Arbeit schützt vor Armut, oder?

Da gibt es zum Beispiel Christian. Geschieden, Vater von zwei Kindern, die jeweils zwei Wochen bei der Mutter und zwei Wochen bei ihm sind. Gelernter Elektriker, fast 20 Jahre in diesem Bereich gearbeitet. Dann kamen Depressionen. Aufgewachsen in einem Umfeld, in dem psychische Erkrankungen keine sind, hat er über Jahre versucht, die Depression zu ignorieren. Therapie? Doch nicht für mich, ich brauch das nicht. Zähne zusammenbeißen und durch. Natürlich ging das nicht auf Dauer gut und irgendwann war der Job weg. Schuld daran waren natürlich andere Umstände, niemals eine Depression, die er doch nicht hat…

Vom AMS abhängig sein? Niemals! Sowas gibt es nicht für ihn. Also freie Jobs gegoogelt und Bewerbungen geschrieben. Wer will findet immer was. War zumindest bisher seine Einstellung. Doch selbst nach zwei Monaten kamen entweder Absagen oder gar keine Antworten. Zu weit pendeln war für ihn aber auch nicht möglich wegen der Kinder. Arbeitslos bleiben? Niemals.

Tom bewirbt sich auf eine Stelle als Zusteller. Zwar nur für 20 Stunden, aber besser als zuhause sitzen. Er bekommt den Job. Ist nur vorübergehend, sagt er zu sich selbst. In der zweiten Arbeitswoche kommt sein Chef auf ihn zu. “Wir haben die nächsten Tage extrem viel Arbeit, könntest du ausnahmsweise mehr Stunden machen?”. Natürlich macht er das, nein sagen würde bedeuten Angst um den Job haben zu müssen. Also werden aus angemeldeten 20 Stunden 30. Aber auch drei Wochen später bleibt es bei 30, teilweise sogar 35 Stunden. Irgendwann sucht er das Gespräch mit dem Chef und fragt um eine Erhöhung von Teilzeit auf Vollzeit wenn die Stunden sowieso gearbeitet werden müssen. Die Antwort war ein lautes Lachen sowie der Hinweis dutzend andere würden sich um den Job reißen, er könne jederzeit gehen. 

Nach Dienstschluss sucht Tom nach anderen Jobs, doch in seiner Umgebung ist nichts zu finden und alles andere wäre mit den Kindern nicht vereinbar. Es kommt der Punkt an dem er mit Sozialhilfe aufstocken muss. Weil die Arbeit nicht zum Leben reicht. Und er bemerkt, dass es nichts mit Faulheit zu tun hat, wenn man arm ist. 

Selbst schuld, wer so mies bezahlte Jobs macht

Einzelfall? Schön wäre es. Es gibt nach wie vor zu viele Jobs die von der Stigmatisierung von Armut leben! Die davon leben, dass sich Menschen ausbeuten lassen aus Angst davor, erwerbslos zu sein. Es gibt Vollzeitjobs, die unter der Armutsgefährdungsgrenze liegen und solche, die zwar offiziell Teilzeit sind, aber in denen du meist wesentlich mehr Stunden leisten musst. “Dann such dir was Besseres” ist zwar leicht dahergesagt, aber glaubt wirklich jemand, das würden diese Menschen nicht tun? Niemand möchte Jobs von denen man knapp die Fixkosten stemmen kann, aber sich nicht mal ein Eis mit den Kindern am Wochenende ausgeht. Wirklich niemand. Du machst sie um nicht zuhause zu sitzen und als faul abgestempelt zu werden. 

Wenn wie so oft von Leistung und Eigenverantwortung gesprochen wird, dann sollten wir endlich besser hinsehen, was damit gemeint ist. Denn jene, die arm sind trotz Arbeit, die arm sind aufgrund von Erkrankungen, die aus dem gewohnten Erwerbsleben rausfallen und dank all der Vorurteile Niedrigstlohnjobs annehmen, sind alles andere als faul oder bequem. Wir sollten viel mehr auf jene Unternehmen und Konzerne achten, die davon massiv profitieren. Die davon leben, dass Menschen prekäre Jobs annehmen (müssen). 

Wir sollten uns darauf einigen, dass Arbeit natürlich so viel einbringen muss, damit man gut davon leben kann! Wenn dein erwerbsloser Nachbar samt Zuverdienst mehr hat als du in deinem Vollzeitjob – dann sind weder das Arbeitslosengeld noch die Sozialhilfe zu hoch, sondern das Gehalt von deinem Job zu niedrig. Denn die Sozialhilfe liegt am untersten finanziellen Limit dessen, was ein Mensch in Österreich zum Überleben braucht. All die Debatten und Pressemeldungen rund um Sozialleistungen dienen nur einem Zweck: die Bevölkerung zu verunsichern und Stimmung gegen das untere Einkommensdrittel zu machen. Stimmung gegen Menschen, die weder faul noch bequem sind, die teils durch Erkrankungen oder Erschöpfung aus dem Erwerbsleben rausgefallen sind und dann, dank all der Vorurteile, jeden noch so mies bezahlten Job annehmen, nur um nicht selbst als erwerbslos zu gelten und genau in diese Schublade gesteckt zu werden. Es ist dieses Spalten und die Stigmatisierung von Erwerbslosigkeit die Niedrigstlohnjobs am laufen halten. Und die jegliche Debatte über Leistung und Eigenverantwortung als zynische Ablenkung entlarven!

Titelbild: Christopher Glanzl

Daniela Brodesser
Daniela Brodesser
Daniela Brodesser macht als Autorin den Teufelskreis der Armut sichtbar und engagiert sich persönlich gegen armutsbedingte Ausgrenzung und Verzweiflung.
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33 Kommentare

  1. Irgend wann wird jeden klar, alles was der Mensch tut ist nur Theater.

    Die amis nutzen ufo tech. (Fliegen bald andere galaxys) und wir( die Arbeit Masse) streiten ums Brot und Wasser…

    Gute Artikel!

  2. Ja, so lang man auch bei der Inflation einfach eine 0 weglässt und die Augen vor ganz augenscheinlichen Tatsachen verschließt…. Der Mensch hat schon eine sehr strange Beziehung zur Wirklichkeit.

    Vieles will man um die Burg nicht wahrhaben…koste was es wolle.

  3. Ich hoffe, dass der demografische Wandel dieses Problem löst. Wenn die große Maße der Älteren in Rente geht, weniger Junge nachkommen und der Arbeitskräftemangel zum großen Problem wird. An kommende Regierungen glaube ich nicht mehr. Viele ÖsterreicherInnen sind der Meinung, dass sie von ihrer Arbeit nicht gut leben können. Mit einer Neiddebatte und dem Hintreten auf Schwächere glauben sie dem begegnen zu müssen. Scheint hier so eine Art Volkssport zu sein, der auch viele Jahrzehnte nach dem Niedergang des Nationalsozialismus immer noch fröhliche Urstände feiert und jene an die Macht befördert, die das Spiel mit den niederen Gefühlen der Menschen am besten beherrschen…..😐 Warum Österreich dabei schon wieder eine Vorreiterrolle einnimmt? Weil wir diese Steigbügelhalter von der ÖVP nicht los werden!

    • Wenn so eine Vorgangsweise bei ihnen !State of the art” ist, dann sollte das das ganze Forum auch ganz offen wissen.
      Wenn Sie nicht mehr wollen, dass ich hier poste, dann sagen sie es auch ganz offen. Die Welt wird sich weiterdrehen, aber diese ständige Vorgangsweise ist mindestens sehr unhöflich und meiner Meinung nach auch völlig unakzeptabel.
      Aber mit dieser sehr oft bereits BANDENHAFT organisiert erscheinenden Vorgangsweise gegen unerwünschte Einträge, ständig meist auch noch weit unter der Gürtelline mit diesem Stil vorzugehen, sollten sie meiner Meinung nach aufhören.
      Auch hat man schneller einen schlechten Ruf als einem selber lieb ist…

      Bitte erklären sie mir aber, warum sie meinen Eintrag nicht gut finden, nach dem ich hier ein aus meiner Sicht auch noch ein sehr positives Feedback getätigt habe? Aber bei ihnen sind die Interpreationen des eigentlich gemeinte, aus meiner Erfahrung sehr mit Vorsicht zu genießen und in der dann vielleicht sogar bekannt werdenden Situation oft kaum zu glauben…

      Aber bitte teilen sie mir auch einmal ganz schonungslos mit, was sie sich von den Postern wie mir wünschen würden, damit sie diese auf Augenhöhe akzeptieren können und in ihrer Vorgangsweise auch ein Mindesmass an Höflichkeit an den Tag legen könnten?

  4. “Leistung muss sich lohnen!”

    Mit großer Wahrscheinlichkeit ist dieser treffsichere Eintrag zu unserer aktuellen Realität und zu einem unserer fundamentalste Problemen noch immer nicht in seiner vollen Tragweite als solcher erkannt?

    Wer schon einmal mit dem “Herzberg Modell” zu tun hatte weiß, dass aktuell in unserere Volkswirtschaft ein unfassbar große Potential über die nicht maximal genutzten Arbeitskräfte täglich verbrannt wird, oder gar überhaupt in Untätigkeit verpufft und dabei so dringend benötigt werden würde.
    Wahrscheinlich ist dieses vorsätzlich so geplante und ganz gewollt vernichtete Wohlstandspotential, auch noch um ein Zigfaches größer, als die möglichen Einnahmen einer Vermögenssteuer, vor allem was dann auch unter dem Strich aus diese Quellle noch übrig bleibt und vor allem dann, wenn diese auch noch falsch gemacht und umgesetzt werden würde?

    Erst wenn die Menschen die schwelle dieser individell natürlich auch verschiedenen Einnahme überschritten wird, geht hier die Post ab. Wo diese Werte genau liegen, wissen die hier zuständigen Behörden aber ganz genau.

    Ich darf daher erneut wiederholen, dass diese Regierung für mich aus meiner Sicht, nachhaltig weiter und vorsätzlich die Grund- und Menschenrechte in diesem Land verletzt und es gerade deshalb auch endlich an der Zeit ist, uns von dieser Elitendiktatur, geschickt versteckt unter der Mithillfe der auch dafür gekauften Meiden und eigentlich für die gegenteilige Entwicklung tätig sein müssenden Institutionien und Behörden, in einer Scheindemokratie zu befreien und die hier Verantwortlichen zur Verantwortung zu ziehen…

    Ja, Leistung muss sich lohnen und das sofort, nach dem gerade noch zusätzich die ebenfalls künstlich erzeugteTurboinflation hier täglich weiter und immer noch tiefer zuschlägt…

  5. Land der Armen, Land der Spender
    Almosen verteilenden Blender
    Klimareformen sind uns zu teuer
    in der Kriegswirtschaft Inflation ungeheuer
    Kinderbetreuung bleibt ein Tabu
    Gesundheitsversorgung doppelt dazu
    Bildung wird unser Heer übernehmen
    damit sich die Kids dann später benehmen
    Bürgerbeteiligung nur bei den Steuern
    intransparent hinter dicken Gemäuern.
    Umverteilung kommt nicht in Frage
    wenn, dann nach oben im wüsten Gelage.
    Willst du ein Auskommen im verdienten Salär
    dann musst du brav knechten immer öfter prekär
    ausser du lässt dich vom System korrumpieren
    dann wird dir sinister nichts mehr passieren.
    Wem es nicht passt, wird arbeitslos werden
    sich selbst verschuldet in Armut bekehren.
    Sei doch zufrieden – es ginge noch schlimmer
    auf diesem Weg im Faschismus immer…
    Ein Jammern ist’s doch auf hohem Niveau!
    Wozu etwas ändern – für wen und wieso??

  6. Lediglich in Green- Jobs liegt die Zukunft, dass sollte zumindest dem Mensch gemachten Klimahysteriker bekannt sein.
    Green-Jobs bedeuten Zukunft und Absicherung.
    Nicht umsonst kann man sich nur durch Green- Jobs über Wasser halten.

      • Ja und ebenso endlos sind auch seine aussichtslosen Versuche sich selber und anderen einzureden, dass der Klimawandel nicht stattfinden würde.

        • @baerbie
          Das Klima ist stets im Wandel oder sind Sie da anderer Meinung? Da kann man halt nichts dagegen machen ausser sich anzupassen.
          Sie sollten sich halt auch einmal etwas anderes ansehen als die bloße, grüne Propaganda. Ich verlaß mich da voll und ganz auf die Wissenschaft und die ist was das Klima betrifft selber eher unberaten.

        • @baerbie
          “Ja”?
          Kann mich nicht erinnern Sie damit beauftragt haben für mich zu sprechen.
          Nicht umsonst muss mahne ich Sie immer wieder ab dass Sie sich nicht sooo weit zum Fenster rauslehnen sollten.

  7. Halloohoo Gewerkschaft!
    Halloohoo AK
    Halloohoo SPÖ!

    Wo ward ihr denn die letzten 20 Jahre und wo seid ihr jetzt?
    Halloohoo – auf dem Kloohoo?

  8. Der Felix in Austria!

    Der Österreicher ist “normal”, angepasst brav
    das Wichtigste ist ihm sein gerechter Schlaf.
    Er putzt sich sein Land gern verlogen heraus
    putzt sich am Fremden ab bis zum Kehraus
    und baut’ sich ein Urlaubsland pickelig fein
    fährt “im Urlaub da draussen” gern wieder heim
    dort Alles sollt’ anders und besser werden
    nur ändern sich nix – ‘skönnt die Ordnung gefährden.
    Im Sudern und Jammern ist er ungeschlagen
    kakanische Obrigkeit vererbt zu ertragen
    und plagt ihn manchmal doch das Gewissen
    dann will er es gar nicht mehr sooo genau wissen…
    Wenn es sich ihm angündigt böse und schlimmer
    wird er’s schon dawurschtln, “a bisserl geht immer!”
    “Nur net wo anecken” ist das Gebot
    es könnte ja schaden, “dann stehst in der Not!”
    Aus der Geschichte darum er niemals muss lernen
    er schreibt sich’s halt um, “diskret sich entfernen”
    politisch korrekt auf der Bühne gespielt
    spielt’s dekadent hinterm Vorhang, wüst und wild.
    Opportunismus und Hetze gekauft zu erdulden
    verkauft man das Land, no, zahlt er halt die Schulden!?
    Wir sind doch so klein und unbedeutend
    im Komplex rutscht sich’s fein – dann umgedeutet…

    (und dann gibt’s da auch noch die “Zerstörten”
    die zerstören müssen – schon im Dreck liegend Ungehörten…)

  9. Ein wesentliches Problem ist, diesen Leuten, die selbst zu wenig zum Leben verdienen, etwas klarzumachen:
    Daß ihnen persönlich eine Lohnerhöhung wesentlich mehr bringt – als anderen etwas wegzunehmen.
    Leider scheint diese Debatte von oben gesteuert..

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