AMS-Kurse auch während Voll-Lockdown

Arbeitslose müssen antanzen

Auch im harten Lockdown findet ein Viertel aller AMS-Kurse in Präsenz statt. Die Sicherheitsvorkehrungen sind nach wie vor unzureichend, kritisieren Deutschtrainer. Lehrende und Teilnehmer, oft mit Vorerkrankungen, müssten vielerorts „auf Biegen und Brechen“ erscheinen.

 

Wien, 24. November 2020 | Vor zwei Wochen berichteten zahlreiche Medien über unhaltbare, weil gesundheitsgefährdende Zustände in vielen AMS-Kursen. Auch uns erzählten verängstigte Kursteilnehmer und Trainer von überfüllten Kursräumen, fehlenden Sicherheitsvorkehrungen und Corona-Fällen unter Kollegen. Das alles zu einer Zeit, als Österreich die meisten Covid-19-Neuinfektionen weltweit hatte.

Kritik blieb unerwidert

Weil auch im „Lockdown light“ sämtliche AMS-Kurse weiter in Präsenz stattfinden mussten, äußerten betroffene Deutschtrainer ihren Unmut in einem offenen Brief an den Gesundheitsminister – eine Antwort, abgesehen von einer Handvoll Links, blieb bis heute aus.

Bei einer Protestaktion vor der AMS-Bundesgeschäftsstelle wurde ein Aussetzen der Kurse gefordert, bis die zweite Welle überstanden und die Sicherheit aller wieder gewährleistet sei. „Sie wollen also zu Hause bleiben, nicht arbeiten und dafür weiter volles Gehalt beziehen“, entgegnete AMS-Vorstand Herbert Buchinger den demonstrierenden Trainern, anstatt auf die vielfach angesprochenen Missstände einzugehen und Lösungen zu suchen. Buchinger, der den eigenen Mitarbeitern Bereicherungsabsichten vorwarf, verdient 190.000 Euro im Jahr.

Proteste vor einem AMS-Gebäude von Deutschlehrenden in der Erwachsenenbildung.

Auch der ebenfalls anwesende AMS-Vorstand Johannes Kopf ging nicht auf Kritik ein, sondern twitterte lapidar: „Eine Frage, die morgen möglicherweise schon obsolet ist.“ Wenige Tage später, am 17. November, folgte tatsächlich ein „harter“ Lockdown. Schulen und Handel mussten schließen, alle Menschen möglichst zu Hause bleiben. Doch „Zusammenkünfte zu unbedingt erforderlichen beruflichen Aus- und Fortbildungszwecken und (…) erforderlichen Integrationsmaßnahmen“ blieben auch in der jüngsten Corona-Verordnung vom Veranstaltungsverbot ausgenommen.

Beharren auf Präsenz-Unterricht

Wer entscheidet, welche Kurse „unbedingt erforderlich“ und unverzüglich abzuhalten sind? Das AMS gibt an, jene Kurse in Präsenz fortzuführen, die einen hohen Praxisanteil haben. Sowie „alle Alphabetisierungskurse, wo Distance Learning nicht möglich ist.“ Bei Alphabetisierungs- und Anfänger-Deutschkursen sei es tatsächlich schwierig, ins Internet zu gehen, räumt ein Trainer ein. Die Grundlagen der deutschen Sprache seien online schwer vermittelbar. Das erklärt aber nicht, dass derzeit auch viele fortgeschritten Deutschkurse ebenfalls in Präsenz abgehalten werden, die sich leicht auch per Distance Learning machen ließen.

Einige Institute machen strikte Vorgaben, andere überlassen dem jeweiligen Trainer, ob sie auf Distance Learning umsteigen sollen oder nicht. Ein Dilemma, berichtet uns der Wiener Trainer: „Viele Menschen warten monate- oder jahrelang auf einen Deutschkurs. Entweder wir gefährden ihre Jobchancen oder ihre Gesundheit.“ Eine Zwickmühle, die sich durch ein Aufschieben der Kurse leicht vermeiden ließe. Anders als bei Kindern gebe es bei Erwachsenen keine Entwicklungsdefizite, wenn sich ein Kurs ein paar Monate verzögert.

Kursausstieg schwierig

Von der neu eingeräumten Möglichkeit eines Kursabbruchs – aus gesundheitlichen Gründen oder aus reiner Vorsicht – wissen die meisten Teilnehmer übrigens nichts, sagt der Trainer.

„Wir Lehrenden müssen uns schon sehr ins Zeug legen, wenn ein Teilnehmer freigestellt werden soll.“

Das jahrelange Regime von Angst und Zwang, das innerhalb des AMS-Systems aufgebaut werde, sitze sowohl bei Trainern als auch bei Kursteilnehmern tief.

Elisabeth ist 60 Jahre alt, unterrichtet an einem Wiener Kursinstitut – und heißt in Wirklichkeit nicht so. Aus Angst vor Konsequenzen will sie lieber anonym bleiben, denn sie ist auf ihren Job angewiesen. Mit uns spricht sie dennoch, sie ist zornig – weil die vielfach artikulierte Kritik nicht gehört wird.

Elisabeth berichtet von älteren Kolleginnen mit schweren Vorerkrankungen, die in Präsenz unterrichten müssen. Von Corona-Fällen an ihrem Institut, die sie erst hintenrum erfahren hat, weil keiner informiert wird. Von übervollen Kursräumen mit 12 Leuten auf 20 Quadratmetern, in denen sie steht. Zwar hat sie erstritten, dass sie jetzt zumindest an einzelnen Tagen online unterrichten darf, doch das funktioniere mehr schlecht als recht. „Das AMS hat den ganzen Sommer verschlafen, keiner ist vorbereitet“, sagt Elisabeth, die ebenfalls für ein Aufschieben der Kurse plädiert.

Probleme werden geleugnet

Am meisten stört sie, dass das AMS und ihr Institut so tun, als gebe es kein Problem. Von den angekündigten Corona-Schnelltests ist keine Spur, nach wie vor wurden sie und ihre Kollegen kein einziges Mal getestet. Wie viele Corona-Positive in AMS-Kursen saßen, darüber gibt das AMS Österreich keine Auskunft. Cluster habe es aber noch keine gegeben, glaubt man zu wissen. „Das ist die Logik von Donald Trump: Wo man nicht testet, findet man auch nichts“, sagt der oben zitierte Trainer. Bei österreichweit mehr als 65.000 AMS-Kursteilnehmern und stundenlangen, täglichen Kursen auf engem Raum kommen tatsächlich Zweifel auf, ob das stimmen kann.

Auch die Links-Partei weist auf die Zustände beim AMS hin. Quelle: Twitter

„Ich soll am Montag mit einer A2-Gruppe starten und alles in mir schreit dagegen an“,

schreibt ein dritter AMS-Deutschtrainer, der ebenfalls lieber anonym bleibt. Seine Frau arbeitet in einem Wiener Pflegeheim, wo im Falle einer Virus-Einschleppung etliche Tote drohen. Sein Kursinstitut verlangt eine physische Abhaltung des Kurses, gleichzeitig kann der Sicherheitsabstand nicht eingehalten werden. Ein Dilemma: „Ich werde bei diesem Wahnsinn nicht mitspielen.“ Notfalls wolle er sich auf eine juristische Auseinandersetzung einlassen.

Und dann wäre noch die Frage, wie es nach dem Ende des Lockdowns – planmäßig in zwei Wochen – weitergehen wird. Alle Befragten rechnen mit dem Schlimmsten. Elisabeth schreibt: „Dann beginnt der Wahnsinn von vorn. Dann tut man wieder so, als gäbe es keine Pandemie.“

Florian Bayer

Titelbild: APA Picturedesk

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