Samstag, Juni 15, 2024

Österreichs Alte in Geiselhaft von AstraZeneca – Impf-Verordnung wertlos?

Impf-Verordnung wertlos?

Mikl-Leitner machte Parteifreund Kurz letzten Montag klar: die Alten haben Priorität, der ORF geht erst einmal leer aus. Die neue Anschober-Verordnung mit ebendieser Reihung könnte jedoch wertlos sein, da sie mit Impfstoff kalkuliert, den es nicht gibt. Und: Laut Impfgremium wird AstraZeneca vorerst nur den Jungen empfohlen. Wie lange hält der neue Plan? Gemeinsame Recherche von ZackZack und „Krone“.

 

Wien, 01. Februar 2021 | Am heutigen Montag steht die nächste Covid-Krisensitzung vor der Tür und es droht schon wieder Ungemach. Nach der Knallhart-Ansage von Niederösterreichs Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner an Kanzler Sebastian Kurz (beide ÖVP), die Alten bei der Impfung endlich prioritär zu behandeln (ZackZack berichtete zusammen mit der „Krone“), könnte die Impf-Verordnung eine große Seifenblase werden.

Kalkulation mit Impfstoff, den es nicht gibt

So will man sich zwar laut Verordnung auf die über 80-Jährigen und über 65-Jährigen konzentrieren. Doch ausgerechnet diese zwei vulnerablen Gruppen könnten jetzt noch mehr im Verdrängungswettbewerb um die Spritze stehen. In der Verordnung heißt es wörtlich, dass die niedergelassenen Ärzte „die Impfungen prioritär“ bei den Ü80ern und Ü65ern sowie wenigen weiteren Gruppen, etwa Angehörigen von Schwangeren, durchzuführen haben.

Die entscheidende Frage bleibt: Hat Österreich ausreichend Impfstoff, damit sich eine breite Ausrollung über Hausärzte lohnen würde? Klare Antwort: nein. Die Impfstoffe von Moderna und Pfizer sind aufgrund der komplizierten Kühlung, Lagerung und der Transportfragilität für die niedergelassenen Ärzte größtenteils ungeeignet. Es fehlt an Infrastruktur, beide Hersteller haben zudem Lieferkürzungen angekündigt. Bleibt nur AstraZeneca. Aber auch beim schwedisch-britischen Hersteller ist aufgrund der drastisch reduzierten Lieferzusagen unklar, mit wie vielen Dosen wirklich geplant werden kann.

Auszug aus dem geschwärzten EU-Vertrag mit AstraZeneca.

Nur für Junge empfohlen

Hinzu kommt: die Zulassung für AstraZeneca gilt zwar für alle Altersklassen ab 18. Doch das Nationale Impfgremium (so wie bspw. das deutsche Robert-Koch-Institut) rät, AstraZeneca nicht für Menschen über 65 zu nutzen, da die Wirksamkeit für diese Gruppe nicht ausreichend belegt sei.

Da die neue Verordnung mit dem Schwerpunkt Hausärztinnen fast komplett auf AstraZeneca baut, ist die Mikl-Leitner-Priorisierung der Alten („Da holt uns der Teufel“) Makulatur, bevor sie ab heute schlagend wird.

Priorisierung der Alten nicht durchführbar

Die Verantwortung liegt ohnehin bei den Ländern, die vielfach auf den Kurz-Vorstoß, alles sofort zu verimpfen, gesetzt haben. Einige mussten ihre Impf-Intervalle längst umwerfen. Wien jedenfalls plant potenzielle Lieferungen sicherheitshalber nicht ein, wie ein Sprecher von Gesundheitsstadtrat Peter Hacker (SPÖ) betont. Bei 80.000 Ü80ern in Wien bräuchte man allein 160.000 Impfdosen für Erst- und Zweitstich. So wird es unmöglich, die Pflegeheime, Spitäler und Risikogruppen fertig zu machen, ohne die Ü65 im Regen stehen zu lassen. Denn: die Stadt kann aufgrund der Lieferengpässe insgesamt nur mit ca. 213.900 Dosen bis in den Frühling hinein kalkulieren. Impft man die über 80-Jährigen also konsequent durch, bleiben nur mehr etwa 53.900 übrig – für die ganze Stadt und das ganze erste Quartal.

Die Verordnung von Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) scheint trotzdem von sehr rosigen Zeiten auszugehen. In Paragraph 1, Absatz 3 heißt es:

Dabei steht Wien nicht alleine mit zu wenig Impfstoff da. Auf ZackZack-Nachfrage betonte ein Sprecher des Notrufs Niederösterreich: „Wir haben alle zu wenig“.

Angst vor Korruption: Wer bekommt die Spritze?

Gerald Loacker, pinker Gesundheitssprecher, ortet ein weiteres Problem: „Wir wissen von über-80-jährigen Dialyse- oder Krebspatienten, die noch nicht einmal einen Termin für die Impfung in Aussicht haben, geschweige denn bereits geimpft wären, und gleichzeitig erlaubt Anschober nun, dass junge, völlige gesunde Menschen, die vielleicht die besseren Kontakte oder die teurere Privatversicherung haben, geimpft werden dürfen.“

Die Auswahl der Ärztinnen soll laut Verordnung zwar anhand des „individuellen Ansteckungsrisikos“ der Geimpften erfolgen. So gibt es theoretischen Rechtfertigungsdruck, wer warum geimpft wird. Doch findige Ärztinnen können weiterhin Wege finden, um den gesunden Freund und nicht den kranken Alten zu impfen.

Kritik an Datenchaos

Auf Druck der Ärztekammer haben die niedergelassenen Ärzte laut Insidern einen Persilschein bekommen. Schon jetzt versickert der Impfstoff in Ländern wie Salzburg. Der Gesundheitsminister scheint immer noch nicht zu wissen, wo wieviel Impfstoff verbraucht oder gehortet wird. In der Krisensitzung letzten Montag im Kanzleramt überraschte Anschober dann mit seiner Forderung nach einer „Impf-Transparenzdatenbank“.

Universitätsprofessor Hannes Werthner, langjähriger Informatik-Dekan der TU Wien, fasst es für ZackZack zusammen: „Länder wie Israel, Dänemark und Serbien, die von Anfang an digitale Tools eingesetzt haben, stehen nicht vor diesen Problemen. Jetzt erleben wir in Österreich, dass ohne Digitalisierung Pandemien nicht erfolgreich bekämpft werden können.“ Überspitzt formuliert: Ein dänischer Impfstoff landet bei den Risikogruppen, ein Impfstoff in Salzburg oder Vorarlberg bei Bürgermeistern.

Das überholte Impf-Dashboard scheint jedenfalls ausbaufähig. Dort ist zu lesen: „Die Infrastruktur zur flächendeckenden Eintragung in den e-Impfpass befindet sich noch im Aufbau“. Fazit: Die heutige Krisensitzung birgt wieder mal ordentlich Zündstoff.

(wb)

Titelbild: APA Picturedesk

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