»Hilfe muss schnell kommen«

Interview mit »PCs für alle«-Gründer Peter Bernscherer

Was das Bildungsministerium nicht hinbekommt, schafft ein Verein in Wien. Mit “PCs für alle” wird Schülern ein kostenloser Computer gegeben, die sich keinen leisten können. Vereinsgründer Peter Bernscherer im ZackZack-Interview.

Wien, 10. August 2021 | Vielen Kindern und Jugendlichen bleibt die Teilhabe am digitalen Lernen verwehrt, weil sie sich den Kauf eines Computers einfach nicht leisten können. Und spätestens seit Beginn der Corona-Pandemie wurde noch einmal klar, wie wichtig es ist, dass alle Schüler einen Zugang zu einem PC haben. Die Regierung reagierte verdutzt, Versprechen von Bildungsminister Heinz Faßmann (ÖVP) wurden nicht eingehalten.

Der Verein „PCs für alle” konnte nicht wegsehen und hat einen Weg gefunden, etwas dagegen zu tun: Gebrauchte PCs, Laptops, Monitore und Zubehör werden in Form von Spenden entgegengenommen. Diese Geräte werden vom Verein aufbereitet und danach kostenlos an Menschen übergeben, die sie dringend brauchen. Kinder und Jugendliche bekommen ein voll funktionsfähiges Gerät und können somit leichter für die Schule lernen – auch von zu Hause aus.

„Die einzigen, die überrascht waren, war die Regierung“

Im Interview mit ZackZack hat „PCs für alle“-Gründer Peter Bernscherer über die Motivation seines Teams, als auch über seine Verärgerung über die aktuelle Bildungs- und Schulpolitik gesprochen.

ZackZack: Herr Bernscherer, wie ist der Verein entstanden? Wie seid ihr zu der Idee gekommen?

Bernscherer: Schon 2018 habe ich damit begonnen, nicht mehr benötigte Hardware und Rechner zu sammeln, selbst aufzubereiten und kostenlos weiterzugeben – allerdings noch ohne Verein. Im Mai 2020, mit Beginn der Corona-Krise, war eigentlich jedem klar, dass der Markt explodieren wird – die einzigen, die überrascht waren, war die Regierung. Daraufhin haben wir den Verein gegründet, im September 2020 wurde eine Werkstatt angemietet und wir konnten operativ tätig werden.

Zwischen PCs und Laptops – Peter Bernscherer in der Werkstatt. / Foto: (c) PCs für alle

ZackZack: Wie viele PCs konntet ihr bis zum jetzigen Zeitpunkt weitergeben?

Bernscherer: Den Verein gibt es nicht einmal ein Jahr – aber noch in diesem Monat werden wir die 5.000 Geräte-Grenze knacken.

ZackZack: Wie viele Mitarbeiter arbeiten in dem Verein?

Bernscherer: Wir sind schnell relativ groß geworden. Es arbeiten um die 30 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei uns. Mittlerweile haben wir schon eine zweite Werkstatt angemietet, die dritte wird in den nächsten Wochen eröffnet. Es ist jedoch wichtig zu sagen, dass niemand bei uns Geld mit dem Projekt verdient, alle arbeiten ehrenamtlich. Daher sind Geldspenden für die Miete der Werkstatt, Kosten für Ersatzteile und Transport sehr willkommen!

Ein Teil des Vereinsteams / Foto: (c) PCs für alle

„Keine Nachweise, keine Dokumente”

ZackZack: Unter welchen Ausschlusskriterien entscheidet ihr, wer einen PC bekommt?

Bernscherer: Das ist natürlich ein großes Thema, welches wir jedoch sehr klein halten wollen. Es muss absolut niederschwellig sein – keine Nachweise, keine Dokumente. Hilfe muss schnell und effizient kommen. Die Leute melden sich über das Kontaktformular.

Nicht jeder, der uns schreibt, bekommt auch einen PC, das schaffen wir auch nicht. Kinder, die zur Schule gehen, bevorzugen wir. Wir hinterfragen in einem Telefongespräch dann natürlich, welches Gerät gebraucht wird. Einem 8-jährigen Burschen geben wir keinen Laptop, 18-jährigen Maturabsolventen geben wir keinen Stand-PC, das Gerät muss schon zur Lebenssituation passen.

ZackZack: Könnt ihr mit dem Verein auch der Wegwerf-Kultur entgegenwirken?

Bernscherer: Viele Geräte wären sonst auf dem Müll gelandet. Wir konnten mit dem Verein bisher um die 80 Tonnen Wertstoffe einsparen. Durch die Reparatur und Aufbereitung solcher nicht mehr gebrauchten Geräte wollen wir mit “PCs für alle” einen aktiven Teil zum Klimaschutz beitragen, nach dem Motto “Recycling statt entsorgen”.

„Geräte werden so gebaut, dass sie schnell kaputt gehen“

ZackZack: Was können Menschen tun, deren Gerät kaputt geht, sich dann aber kein neues leisten können und ihr Gerät behalten wollen – repariert ihr auch diese?

Bernscherer: Meistens nicht. In der Regel tauschen wir die Geräte einfach aus. Es ist leider Fakt, dass viele Geräte so gebaut werden, dass sie zum Beispiel nach drei Jahren schon wieder kaputt gehen, damit ein neues Gerät gekauft werden muss. Das ist schrecklich. Aber das ist nicht unsere Kernkompetenz. Uns geht es primär darum, Kindern in der Schule dieselben Chancen zu geben.

ZackZack: Was halten Sie von der aktuellen Bildungs- und Schulpolitik?

Bernscherer (lacht): Nichts. Ein Beispiel: Es gibt keinen kostenlosen Zugang zur Bildung. Gerade vor kurzem habe ich mit einer Mutter gesprochen, die 250 Euro Schulgeld für ihr behindertes Kind braucht. Das sind Summen, die für manche Familien nicht tragbar sind. Bildung wird vererbt – das ist eine Katastrophe. Das Bildungssystem und der Verwaltungsapparat sind wahnsinnig aufgeblasen. In den Schulen selber gibt es viel zu wenig Ressourcen, das Lehrpersonal wird mit Bürokratie zugeschüttet, währenddessen spricht der wahnsinnige Faßmann in der Corona-Krise von neuen Erlassen, die sich am nächsten Tag wieder ändern. Und kein Mensch in Österreich kann sagen, was das Bildungssystem tatsächlich kostet.

ZackZack: Wir danken für das Gespräch!

Wer also einen Laptop oder einen PC bei sich zu Hause rumstehen hat, der nicht mehr gebraucht wird und nur noch in der Ecke verstaubt, kann ihn bei „PCs für alle“ abgeben und gleichzeitig etwas Gutes tun.

(jz)

Titelbild: APA Picturedesk

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2 Kommentare
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samhain
10. 08. 2021 14:30

Tolle Aktion. Aber solange auf den Kasterl Winsucks installiert ist, wird das nix mit der Nachhaltigkeit – geschweige denn mit der digitalen Selbstbestimmung.

hagerhard
10. 08. 2021 11:00

eine grossartige aktion.
absolut unterstützenswert.