Sonntag, Juni 16, 2024

Als Geheimdienste & Politik versagten – Drama in Kabul

Drama in Kabul

Exodus in der afghanischen Hauptstadt, dramatische Szenen am Flughafen: Der Westen hat sich grob verschätzt, innerhalb von nur wenigen Stunden konnten die Taliban das ganze Land erobern. ZackZack im Gespräch mit einem Geheimdienstexperten.

 

Wien, 16. August 2021 | Der Westen unterlag offenbar einer groben Fehleinschätzung, was die Machtergreifung der Taliban betrifft. Das liegt auch am den NATO-Geheimdiensten, die in den vergangenen Wochen und Tagen neue Stützpunkte in Nachbarländern suchen mussten. CIA, BND & Co. waren zunächst von mehreren Monaten ausgegangen waren, bis die Extremisten die Hauptstadt einnehmen würden. Am Ende sollten es nur wenige Tage nach Eroberung der ersten großen Städte sein.

CIA-Orientierung an Polit-Wunschdenken

Geheimdienst-Experte Thomas Riegler sieht einen Ausfall sowohl auf Ebene der Dienste als auch der Politik: „Weil sich die Einschätzungen von Geheimdiensten oft am Wunschdenken der politischen Exekutive orientieren. Zuletzt hat die CIA ihre Prognose noch einmal korrigiert und vor einem Zusammenbruch in 30 bis 90 Tagen gewarnt. Ebenso daneben, wie sich gezeigt hat“. Riegler forscht am Austrian Center for Intelligence, Propaganda and Security Studies (ACIPSS) der Uni Graz. Als Historiker weiß er, dass so etwas nicht zum ersten Mal vorgekommen ist.

„Das ist bei so großen Umwälzungen schon öfters vorgekommen, wenn man an die Islamische Revolution im Iran, den Zusammenbruch Südvietnams oder den Fall der Mauer denkt. Letztendlich ist es aber ein Desaster der übergeordneten politischen Strategie, die Donald Trumps Deal mit den Taliban eingeleitet hat“, so Riegler gegenüber ZackZack. Österreich spielt beim Dienste-Versagen diesmal eher keine Rolle. Was auch daran liegen dürfte, dass es keine österreichische Botschaft in Afghanistan gibt: „Österreich hat keine Botschaft in Afghanistan, das wird von Pakistan/Islamabad mitbetreut. Ich nehme an, dort gibt es auch Leute vom Heeresnachrichtenamt, die die Lage genau beobachten“, sagt Riegler.

Deutsche Kritik an BND

Der deutsche Geheimdienst-Forscher Erich Schmidt-Eenboom sieht das ähnlich. Er betonte im Gespräch mit dem ARD-Studio Brüssel, dass die Geheimdienste der NATO-Staaten aut seiner Einschätzung deutlich früher hätten erkennen müssen, dass die nun gefallene afghanische Regierung um Präsident Ghani nicht fähig war, sich zu halten. Schmidt-Eenboom kritisierte vor allem auch den deutschen Bundesnachrichtendienst (BND). Der BND sei in Afghanistan seit Jahren sehr präsent gewesen, berichtet Schmidt-Eenboom der ARD.

Die deutsche Regierung rund um Kanzlerin Angela Merkel, Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (beide CDU) sowie Außenminister Heiko Maas (SPD) hätte früher wissen müssen, wie gefährlich die Situation für die afghanischen Ortskräfte sei. Es sei klar gewesen, dass die vielen Dolmetscher, Hilfskräfte und Informanten der Bundeswehr der Gefahr von Racheakten der radikalislamischen Taliban ausgesetzt seien, kritisierte Schmidt-Eenboom. In den Straßen von Kabul und anderen Städten ist es bereits zu öffentlichen Demütigungen gekommen, etwa dem Übergießen mit Teer bei angeblichen Plünderen. Insbesondere Informanten und Spione müssen um ihr Leben fürchten.

US-Fokus auf Terrorismus rächt sich

Für Riegler ist klar, dass die Problemanalyse noch einmal früher angesetzt werden muss: „Hauptproblem war von Beginn an, dass sich die USA vor allem um den Kampf gegen den Terrorismus gekümmert und alle anderen Bereiche vernachlässigt haben. Das rächt sich nun. Die teure Aufrüstung und Ausbildung der afghanischen Armee konnte das Fehlen einer als legitim anerkannten politischen Führung mit Rückhalt in der Bevölkerung nicht kompensieren. Da ist ein Kartenhaus in sich zusammengestürzt.“

Die USA hätten laut Riegler gerade viel Glaubwürdigkeit verspielt, auch innerhalb der NATO. „Der Abzug aus Afghanistan passt in ein Muster, das wir schon aus dem Irak oder Libyen kennen. US-Engagement hinterlässt Chaos und keine nachhaltigen Strukturen“, so der Historiker.

(wb)

Thomas Riegler ist Historiker und Affiliated Researcher am Austrian Center for Intelligence, Propaganda and Security Studies (ACIPSS). 2019 ist sein Buch “Österreichs geheime Dienste. Vom Dritten Mann zur BVT-Affäre” erschienen.

Titelbild: APA Picturedesk

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