Pilz am Sonntag

Kettenreaktion Türkis

Kurz hat seine Schuldigkeit getan. Kurz kann gehen. Die ÖVP muss jetzt ihre Schäfchen ins Trockene bringen – nach Niederösterreich.

Peter Pilz

Wien, 17.10.2021 | Von St. Pölten bis Innsbruck hat für die ÖVP der Ibiza-Endkampf begonnen. Kurz kommt zurück ins Kanzleramt; Kurz wird verurteilt und aus der Partei ausgeschlossen – alles ist möglich. Nur eines steht fest: Die Kettenreaktion in der ÖVP-Familie muss unterbrochen werden.

Vom Ibiza-Mai 2019 bis heute hat die ÖVP eine Verteidigungslinie nach der anderen aufgegeben. Es lohnt sich, den Rückzug nachzuzeichnen:

  1. Das war nur Strache.
  2. Das war nur Schmid.
  3. Fellner war es auch.

Mit seinem taktischen Rückzug in Parlamentsklub und Partei hat Sebastian Kurz die Kettenreaktion an diesem Punkt vorläufig unterbrochen. Aber alle wissen: Es kann jederzeit wieder losgehen. Dann gibt es nur noch zwei Stationen, bevor es um alles geht:

  1. Das war nur Kurz.
  2. Das war nur die türkise ÖVP.

Punkt 6 ist die alte, niederösterreichische ÖVP. Dort hat das Regime Kurz nicht nur seine geistigen Wurzeln. Spätestens hier muss die Kettenreaktion gestoppt sein – sonst geht es weiter, mitten ins schwarze Herz.

Endkampf um Kurz

Vorläufig kämpft nur die türkise Familie ums Überleben. Einige wie Blümel, Nehammer und Köstinger klammern sich noch an die Macht, andere wie Fleischmann und Frischmann sind untergetaucht. Komplizen und Mitläufer wie Presse-Nowak oder Wirtschaftskammer-Mahrer haben Kurz seit langem durchschaut und kennen ihn jetzt nicht mehr. Nur wenige halten wie Bernard Bonelli und Martina Salomon ihre Stellungen, Bonelli, weil ihn Kurz als Kabinettschef zur Steuerung seines Kanzlervertreters Schallenberg braucht, Salomon, weil sie nur Kurzschrift beherrscht.

Von Nehammer bis Fleischmann setzt die Familie weiter auf Kurz. Ihre Chancen stehen nicht gut. Für sie geht es in den nächsten Monaten um alles. Wenn Kurz über Schallenberg nach wie vor auf die Regierung und auf das Budget als Familienbeihilfen zugreifen kann; wenn vom türkisen Bundeskriminalamt bis zu großen Teilen der Staatsanwaltschaft alles hält; wenn es gelingt, die Grünen auf Kurs zu halten und erst im letzten Moment über Bord gehen zu lassen – dann kann der Endkampf noch gewonnen werden.

Kunz? Nie gehört!

Jetzt, in der Defensive, geht es darum, die Familie von ORF und Kronen Zeitung bis in ÖAAB und einzelne Landesparteien zusammenzuhalten. Die Propagandalinie lautet „Die Regierung Schallenberg ist unbelastet und handlungsfähig“. Beschuldigte wie Bonelli als Schallenberg-Chef und Blümel als Finanzminister sorgen dafür, dass aus der Handlungsfähigkeit keine Unabhängigkeit wird.

Vieles hängt jetzt an den Bundesländerzeitungen und am ORF. Von Vorarlberg bis Graz dürfen sich alle ihren Kurz-Frust von der Seele schreiben. Aber dann kommt die Geschichte vom guten Schallenberg und von der anständigen ÖVP. Von der wiedergefundenen Unschuld von Schützenhöfer, Mikl-Leitner und Stelzer. Und von dem unfassbaren Vorschlag der SPÖ, eine Übergangsregierung zur Vorbereitung fairer Neuwahlen nicht nur mit Grünen und Neos, sondern auch mit der FPÖ zu bilden.

Die Lage bleibt instabil. Beim nächsten Beben kann Kurz weg sein. Dann wird ihn von St. Pölten bis Innsbruck niemand mehr kennen. Sebastian Kunz – Kanzler? Kunz? Oder so ähnlich? Aber bitte!

Dann geht es nicht mehr um Kurz, sondern um die Wurst. Dann muss von Krone und Kurier bis ORF alles in Sicherheit gebracht werden. Und dann darf niemand merken, dass die Familie bereits ein neues Oberhaupt hat. Es wird aus Niederösterreich kommen.

Titelbild: APA Picturedesk

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