»Da ist mir die Spucke weggeblieben«

Strolz packt im TV über Kurz aus

Matthias Strolz rechnete am Sonntagabend im ORF mit Kurz, Köstinger und dem Rest der türkisen ÖVP ab. Bei “Im Zentrum” gab der Ex-NEOS-Chef auch neue pikante Einblicke in seine damaligen Verhandlungen mit Kurz.

Wien, 18. Oktober 2021 | “Elli, es ist vorbei” – mit diesen Worten versuchte Matthias Strolz am Sonntagabend Elisabeth Köstinger klarzumachen, dass das System Kurz gescheitert sei. Die Tourismusministerin und enge Kurz-Vertraute hatte bei der “Im Zentrum”-Diskussion große Mühe, ihren gescheiterten Ex-Kanzler zu verteidigen. Kritik kam nicht nur von Strolz, sondern auch aus den eigenen Reihen.

Denn auch der frühere ÖVP-Chef und EU-Kommissar Franz Fischler hatte für Kurz kein gutes Wort über. Für ihn ist nach der Veröffentlichung der Chats und Ermittlungsunterlagen der Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft klar, dass das “System Kurz” “so unakzeptabel ist”. Die ÖVP könne “nicht so bleiben, wie sie jetzt unter Kurz ist”, sie müsse einsehen, “dass dieses Modell nicht funktioniert” – und sie werde es auch “nicht aushalten”, mit Kurz als Spitzenkandidat in die nächste Wahl zu gehen, wenn parallel etwa ein Strafverfahren läuft. Aber auch zur “alten ÖVP” zurückzukehren wäre für Fischler keine Lösung, es wäre viel mehr “das Ende der ÖVP”. Ein Absturz auf unter 20 Prozent wäre vorprogrammiert.

“Elisabeth, du musst dich nicht immer verfolgt fühlen”

Während Fischler und auch der Politikwissenschafter Fritz Plasser mögliche Szenarien, wie es für Österreich und die Volkspartei weitergehen könnte, auszuloten versuchten, rückte Köstinger zur Verteidigung von Kurz aus. Die “Kraftausdrücke”, die in den Chats unter anderem auch von Kurz gebraucht wurden, seien “unangenehm”. Kurz habe sich aber dafür entschuldigt, alles andere würde miteinander vermischt werden und hätte “mit der Realität gar nichts mehr zu tun”, so Köstinger. So wurde die Kurz-Intima auch nicht müde zu betonen, dass durch die türkise ÖVP der “Stillstand” beendet wurde und Reformen weitergebracht wurden.

“Elisabeth, du musst dich nicht immer verfolgt fühlen”, unterbrach Fischler Köstinger am Ende der Diskussion. Man müsse nun die ÖVP als Ganzes betrachten und die Diskussion um die Person Kurz hinten anstellen. Nur so könne man nun das verloren gegangene Vertrauen in die ÖVP wiederherstellen.

“Wohin steuert die ÖVP?”, war die zentrale Frage am Sonntagabend bei Claudia Reiterer (Bild: Screenshot ORF)

Strolz: “Ich kann nicht lügen”, Kurz: “Ich kanns”

Ex-NEOS-Chef Strolz, der zuletzt nicht mit Kritik an Kurz und seinem Umfeld gespart hat, drängte Köstinger dazu, endlich einzusehen, dass es mit Sebastian Kurz an der Spitze keine Zukunft für die ÖVP gebe. Strolz, der anfangs noch ein Fan von Staatssekretär Kurz war, hätte im Laufe von Kurz’ Aufstieg dann aber gemerkt, dass Kurz sich nach und nach “eine Kunstfigur” zu erschaffen versuchte, bei der integres Handeln nicht mehr im Vordergrund stand.

Als Beispiel für die “Kaltschnäuzigkeit” von Kurz erzählte Strolz über ein Gespräch mit Kurz im Jahr 2016. Damals verhandelte er mit dem angehenden ÖVP-Chef und Irmgard Griss (damals NEOS) über eine gemeinsame Wahlplattform. Bei der Ansage des 30-jährigen Kurz, dass er “lügen kann” (konkret Medien anlügen über diese Verhandlungen), sei Strolz damals “die Spucke weggeblieben”. Bis heute ist der Ex-NEOS-Chef überzeugt, dass “Lüge bei ihm ein Standardinstrument ist”. Die ÖVP müsse sich nun bewusst werden, dass es sich mit Kurz nicht mehr ausgeht. Sonst würde die ganze Geschichte ähnlich entgleisen wie “die FPÖ mit Strache”.

Plasser sieht Übergang mit Schallenberg als sicher

Plassers Empfehlung an die ihm sehr gut bekannte Volkspartei ist, sich “in großer Sorgfalt” Fachkompetenz, konkret Wirtschaftskompetenz, zu erarbeiten und zu demonstrieren – also sich des “traditionellen Markenkerns, der in den letzten Jahren sehr schwach wurde”, wieder zu besinnen. Auch manche Bereiche, “die Kurz berührt hat”, sollten weitergeführt werden, etwa die liberal-konservativen Positionen in der Migrationsfrage. Den Übergang bis zur nächsten Wahl sieht er mit Schallenberg für gesichert.

Hier können Sie die ganze “Im Zentrum”-Diskussion sehen

(mst)

Titelbild: APA Picturedesk

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