Freitag, Juni 14, 2024

Skylla und Charybdis – Am Spalt

Am Spalt

Warum es keine richtige Demo in der falschen gibt, erklärt Julya Rabinowich in ihrer Kolumne.

Wien, 27. November 2021 | Ich erlaube mir, diesmal eine etwas persönlichere Kolumne abzuliefern. Der Lockdown führt dazu, dass man auf sich selbst zurückgeworfen wird, man hört in dieses immer bauchiger werdende Gefäß hinein, das gleichzeitig hohl und übervoll zu sein scheint und hofft auf andere kommunizierende Gefäße. Meist vergeblich. Im Gegenteil. Im Lockdownnebel driftet alles weiter und immer weiter auseinander.

Keine richtige Demo in der falschen

Die einen arbeiten sich um Kopf und Kragen, brennen aus, verzweifeln: auf den Intensivstationen, im Kontakt mit Angehörigen, beim Beruhigen der Patienten, die letzte Botschaften an ihre Lieben ausrichten lassen, bevor sie in den Tiefschlaf versetzt werden, bevor die Maschinen übernehmen.

Die anderen wähnen sich im Recht, mit Kerzerln vor den überfüllten Krankenhäusern demonstrieren zu gehen, ja sogar die Zufahrt zu blockieren. Die einen machen sich über die paranoiden Verirrungen sträflich aufgehetzter Verängstigter lustig (ja, ich gebe zu, auch ich, weil die Begründungen und die Behauptungen nun mal so unendlich lächerlich klingen- in der Welt des Paranoiden aber sogar die Pfizerbestäubung per Hubschrauber und die Zombieapokalypse stringent logisch und damit extrem bedrohlich scheinen).

Die anderen marschieren in der Überzeugung, das richtige zu tun, auf Demonstrationen mit, wo der gelbe Stern mit Impfjude darauf häufig zu sehen ist- und die erste Reihe auch schon mal von lautstark tönenden Rechtsextremen angeführt werden darf. Sie meinen, sie seien links, und/oder alternativ, ihre Teilnahme sei etwas völlig anderes. Ich habe enttäuschende Neuigkeiten für sie: Nein, ist es nicht. Es gibt keine richtige Demo in der falschen. Wer da mitmarschiert, legitimiert durch die Anwesenheit das alles mit. Aber auch für die Lustigmachenden (ja, auch für mich selbst) gibt es Neuigkeiten: so holen wir dort niemanden raus.

Holt sie hier raus

Und ich will und werde nicht davon ausgehen, dass alle, die dort waren, für logischen Zugang verloren sind. Auch wenn es mir oft genug sehr schwerfällt. Vor allem bei den Bildern der Kerzerltruppe vor dem Spital- denn diese holten wirklich die ganz dunkle Seite in mir hervor. Der harte Kern mag unerreichbar sein, aber es gibt auch weit mehr als den harten Kern. Da stehen wir also nun, zwischen Todesangst und scheiß drauf, zwischen good old Antisemitismus und neuesoterischen Weisheiten, zwischen Wut und belustigtem Frust.

Der Spalt geht tief, und einige sind schon hineingefallen. Genauso falsch wie Florian Klenk damit lag, Teile der Demonstrierenden als „ganz normale Leute“ zu bezeichnen (zur Erinnerung, es gibt keine richtige Demo in der falschen), so lag er gleichzeitig auch richtig mit der Frage: wie kann man diese aus ihrer Parallelwelt zurückholen?

Zurück aus dem Pandemonium bestehend aus Paranoia, Fake News, Aggression und gegenseitiger Aufschaukelung? Wie holt man diese Menschen denn zurück- mit Deradikalisierungsprogrammen? Mit Psychotherapie? Mit ruhiger, sachlicher Information? Oder aber mit harter Grenzziehung? Die Pandemie mit all ihren Opfern wird irgendwann vorbei sein. Der Spalt innerhalb der Gesellschaft wird aber weiterhin klaffen.

Titelbild: APA Picturedesk

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