Samstag, Juni 15, 2024

Skylla und Charybdis: Fix z’sam

Der Kanzler spricht jetzt also schöner. Das ist gut. Er ist allerdings immer noch derselbe Mann, der in Griechenland Werbefotos von sich nach dem Brand in Moria machen ließ. Ein Blick hinter die Fassade der Umfärbung:

Julya Rabinowich

Wien, 11. Dezember 2021 | Jetzt ist ja alles paletti. Alles neu. Der neue Stil ist noch neuer. Sogar der Adventskranz von Ministerin Schramböck und die Masken der neuen Regierungsriege. Das Türkis rinnt in Windeseile aus, schneller als ein Vampir eine Leiche ausbluten lässt, versickert im Grundwasser, der Parteikörper verfärbt sich schwarz. Der Parteikörper verfärbt sich und mit ihm färbt sich auch die Stimmlage des neuesten Kanzlers um, wird sanfter, bedachter. Das Gemeinsame soll jetzt in den Vordergrund rücken. Verantwortung will man übernehmen. Die Pandemie nochmal meistern, diesmal ohne Sündenbockmagie, sondern so richtig fix zusammen. Mit allen.

Es soll neu sein, noch neuer als Sebastian Kurz, der mit seinen Machtspielen gestolpert ist: über die Füße des eigenen übergroß geblähten Egos. Die Umfrage, die Umfrage, ein Königreich für eine gute Umfrage! Die Umfragen sehen auch noch Rot wieder vorne. Vielleicht könnte es daran liegen, dass in Zeiten der Not die Politur des Versagens weniger gut ankommt. Sündenböcke waren gut, aber nicht gut genug, um von steigenden Sterbefällen in Spitälern abzulenken, von der sozialen Verunsicherung. Auch wenn der Sündenbock mit dem Auto ins Land fährt. Im Parallel hat der Wiener Bürgermeister Ludwig ein stringentes Programm aus dem Boden gestampft, ohne auf Beifall zu achten, sondern auf das, was die Expertinnen und Experten ihm vorschlugen. Und das war ein strengerer Kurs und mehr Achtsamkeit im Bezug auf Corona. Das war eine niederschwellige Gratis-Versorgung mit Tests und Impfungen, etwas, das auch die Ärztin Rendi-Wagner schon lange eingefordert hatte. Es hat Wien die Pandemie gut durch die Stromschnellen der Pandemie gleiten lassen. Glücklicherweise. So war die Stadt in der Lage, Coronapatienten aus den Bundesländern aufnehmen zu können. So, wie es sich gehört.

Karl Nehammer steht jetzt also vor den Trümmern, die Sebastian Kurz nach seinem Abgang hinterließ, samt Vertrauensverlust und Verunsicherung, und probiert zartere, untürkise Töne aus. Derselbe Karl Nehammer, der noch vor kurzem den polternden Law-and-Order-Typen gegeben hat, aber bei der Verhinderung des Terroranschlages (wo man annehmen hätte können, hier sei Law and Order eher hilfreich) in Wien dennoch versagte. Und derselbe Karl Nehammer, der Kinder abschieben ließ, mitten in der Nacht, mit Hunden, vor ihren Schulkameraden, die sich vor Ort eingefunden hatten, bar jeden Augenmaßes für die Situation. Nun steht er also da und erklärt, dass man in der Not gemeinsam arbeiten müsse. Damit hat er in Pandemiezeiten natürlich recht. Es ist allerdings nichts Neues: Das war und ist das rote Konzept.

Die halbe Medienszene ist entzückt, weil der Kanzler endlich spricht, wie man es so von einem Kanzler erwarten könnte. Man hat es ja schon fast verlernt, dieses Angemessene. Auch der Vizekanzler scheint begeistert zu sein. Der Kanzler spricht jetzt also schöner. Das ist gut. Es stimmt auch, dass man das Gemeinsame finden muss, um sich der Pandemie entgegenstelle zu können. Er ist allerdings immer noch derselbe Mann, der in Griechenland Werbefotos von sich nach dem Brand in Moria machen ließ. Vor einer Antonov, deren Flug nicht gerade günstig gewesen war. Mit unbrauchbaren Zelten. Während Österreich sich weigerte, Menschen aus erbärmlichsten Zuständen zu retten.

Und jetzt? Der neue Innenminister dollfusslt ein wenig vor sich hin und hat schon mal antisemitisch konnotierte Codes bedient. Aus dem Heckenhintergrund schießt Elisabeth Köstinger gegen Wien und seine verantwortungsvollen Öffnungsschritte. Gemeinsam sieht ein bisschen anders aus. Genau genommen sieht anders auch anders aus.

Titelbild: APA Picturedesk

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