“Präsentieren Sie sich selbstbewusst”

»Themenverfehlung«: Polizei gibt Frauen Verhaltenstipps gegen Gewalt

Ein Informationsblatt des Bundeskriminalamts präsentiert selbstbewusstes Verhalten von Frauen als Lösung für deren Sicherheit. Die Verantwortung für Gewalt wird dadurch den Frauen zugeschoben, sagen kritische Organisationen.

Wien, 19. Jänner 2022 | Gestern machte ein Schreiben aus dem Bundeskriminalamt in den Sozialen Netzwerken die Runde. Die dreiseitige Aussendung wurde als Teil der Kampagne „Gemeinsam.sicher“ an teilnehmende Gemeinden geschickt, die diese verteilen sollen.

Es handelt sich dabei um eine Vorbereitung auf den Weltfrauentag am 8. März, konkret ist es ein „Informationsschreiben mit Verhaltenstipps im öffentlichen Raum“ – Verhaltenstipps nicht etwa für Menschen, die gewaltvolles Verhalten unterlassen sollen, sondern für Frauen, die Gefahrensituationen ganz einfach vermeiden und Täter abschrecken sollen. Darunter nützliche Hinweise wie zum Beispiel “Präsentieren Sie sich selbstbewusst! Gewöhnen Sie sich generell an, mit selbstbewusstem Schritt, offenem Blick und aufrechter Haltung zu gehen!”, „Machen Sie sich bewusst, dass Vorsicht und Achtsamkeit stets geboten sind“ oder „Hören Sie auf das eigene Gefühl.“

Frauen in der Verantwortung

Kritik ließ nicht lange auf sich warten. Die Kampagnenorganisation #aufstehn bezeichnet das Informationsblatt in einem Instagram-Posting als Themenverfehlung. Gegenüber ZackZack sagt #aufstehn: „Mit der Aussendung zeigt die Polizei, dass sie Gewaltschutz nicht verstanden hat: Statt den Frauen Tipps und Ratschläge zu geben, ‘weniger Opfer zu sein’, müsste sie an Täter appellieren, ihr Verhalten zu reflektieren.“

Das Problem sei, dass Mädchen und Frauen von klein auf beigebracht werde, vorsichtig zu sein, „als wäre ihre körperliche Unversehrtheit nicht ein Menschenrecht, sondern ein Privileg, dass nur mit Vorsicht, züchtiger Kleidung und Abstinenz erreicht werden kann.“

Forderung: Gewalt nicht als persönliches Problem hinstellen

Auch die Wiener Interventionsstelle gegen Gewalt in Familien kritisierte die Aussendung auf Facebook und Twitter scharf. Das Informationsschreiben stelle Gewalt gegen Frauen als individuelles Problem dar, für das Frauen selbst verantwortlich sind. Der Fachbegriff dafür ist Victim Blaming, bei dem das (potenzielle) Opfer von Gewalt die Schuld an der Gewalt gegeben wird. Dass Gewalt gegen Frauen ein strukturelles Problem ist, werde mit dieser Aussendung ignoriert.

Ein weiterer Kritikpunkt beider Organisationen: Die Aussendung fokussiert auf Gewalttaten im öffentlichen Raum und lasse außer Acht, dass die meisten Gewaltvorfälle in den eigenen vier Wänden stattfinden. Das Bundeskriminalamt weist zwar in einem Absatz des Informationsblattes auf diesen Umstand hin. Sämtliche Tipps im Informationsblatt drehen sich aber um Verhalten im öffentlichen Raum.

Mit der Kritik konfrontiert antwortete das Bundeskriminalamt: “Im Informationsblatt wurde ausdrücklich darauf hingewiesen, dass Gewalt meistens in den eigenen vier Wänden stattfindet und sowohl Täter als auch Opfer (Frauen, Kinder und ältere Menschen) aus dem jeweiligen Nahbereich kommen. Es darf darauf hingewiesen werden, dass durch das gegenständliche Informationsblatt in keinster Weise die Schuld für mögliche Übergriffe beim Opfer zu suchen ist und der Vorwurf des ‘Victim Blaming’ nicht nachvollzogen werden kann.”

Vorschläge: Männer und Allgemeinheit ansprechen als bessere Lösung

„Neutrale Informationsblätter mit Kontaktinformationen von Hilfehotlines wären wahrscheinlich wichtiger und sinnvoller als solche Selbstverteidigungstipps“, heißt es von der Wiener Interventionsstelle. #aufstehn, das zu diesem Thema seit Jahren Schulungen für die Polizei und Bewusstseinskampagnen für die Öffentlichkeit fordert, hat dazu auch auf Instagram ein Statement veröffentlicht mit Verbesserungsvorschlägen:

Anstelle des Tipps an Frauen „Bleiben sie aufmerksam (zB.: verringern Kopfhörer im Ohr die Aufmerksamkeit)“ schlägt #aufstehn Männern etwa vor „Bleiben sie aufmerksam und beweisen sie Zivilcourage, wenn sie einen Vorfall von Belästigung bemerken.“

(sm)

Hier geht’s zum Informationsblatt des Bundeskriminalamts:

Titelbild: APA Picturedesk

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3 Kommentare
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19. 01. 2022 17:05

Ist eine traurige Tatsache, dass man als Frau schon von Kindesbeinen an lernt in welche Situationen man sich besser nicht begibt. Und trotzdem hat man keine Garantie, dass es einen nicht noch irgendwann im Laufe des Lebens erwischt, denn der Feind lauert potentiell überall. Ich würde das als “Strukturproblem” sehen. Die Männer sind die die gefordert sind endlich von ihrer verqueren Weltsicht ab zu lassen, sonst wird sich daran nie etwas ändern.

Zuletzt bearbeitet 4 Monate zuvor von KarinLindorfer
Samui
19. 01. 2022 15:33

Widerlich. Punkt.

plot_in
19. 01. 2022 19:13
Antworte auf  Samui

Sie haben nichts kapiert. Darum ist es doppelt widerlich.