Freitag, Juli 19, 2024

Geschichten aus der Armut: »Keiner wacht eines Morgens auf und beschließt, arm zu sein«

Geschichten aus der Armut

Das Projekt ar-MUT soll Menschen mit Armutserfahrungen einen sicheren Raum im Internet bieten, um von ihrem Alltag zu erzählen und Bewusstsein zu schaffen. Heute, am 1. Februar, geht die Seite online.

Wien, 01. Februar 2022 | Im deutschsprachigen Raum sind rund 15 Millionen Menschen von Armut betroffen. Dass man an Armut nicht selbst schuld ist, sondern, dass sie ein gesellschaftliches Problem ist, versucht Daniela Brodesser (46) der Öffentlichkeit seit Jahren bewusst zu machen. Die oberösterreichische Autorin, Kolumnistin und Aktivistin war jahrelang selbst von Armut betroffen. Am 1. Februar geht ihre neue Plattform ar-MUT online. Die Website ermöglicht Betroffenen, ihre Geschichten zu erzählen, ohne, dass sie beschämenden und erniedrigenden Kommentaren in Foren ausgesetzt sind.

ZackZack: Frau Brodesser, was bedeutet Armut?

Daniela Brodesser: Das Thema Armut wird oft nur auf das Finanzielle reduziert, Armut hat aber auch viel mit dem sozialen Umfeld zu tun. Wenn Armut ein Tabu ist, werden die Betroffenen unsichtbar. Das ist doppelt belastend. Medien müssen anfangen, andere Bilder von Armut zu zeigen und die unsichtbare Seite von Armut ins Blickfeld holen. Wir kennen die Bilder von Menschen, die mit dem Dosenbier am Vormittag herumstehen. Das gibt es auch, aber Armut ist so viel mehr als das.

Daniela Brodesser startet eine Onlineplattform gegen das Armutstabu (Bild: Brodesser)

ZZ: Warum braucht es eine Plattform wie ar-MUT?

Brodesser: Nur wenn Armut tabulos und offen diskutiert wird, können wir nachhaltige Lösungen zur Armutsbekämpfung finden. Keiner wacht eines Morgens auf und beschließt, arm zu sein. Bisher konnten Betroffene nur in sozialen Netzwerken oder in Interviews über ihre Situation sprechen. Aber sehr oft werden die Kommentarforen der Medien nicht moderiert. Da gibt es dann nicht nur Armutsbashing, sondern auch ganz massives Bodyshaming nach dem Motto: „Du bist eh fett genug, du kannst gar nicht arm sein.“ Die Menschen sollen sich auf meiner Plattform sicher fühlen, wenn sie berichten, wie es ihnen geht. Das Kommentarforum werde ich moderieren.

Nur wenn Armut tabulos und offen diskutiert wird, können wir nachhaltige Lösungen zur Armutsbekämpfung finden. Keiner wacht eines Morgens auf und beschließt, arm zu sein.

ZZ: Wie funktioniert die neue Plattform?

Brodesser: Es wird zwei Bereiche geben, in einem erzählen von Armut betroffene Personen ihre Geschichten, unter Klarnamen, oder anonym, im anderen Bereich spreche ich unter dem Titel „Frau Sonnenschein fragt nach“ mit Menschen ohne Armutserfahrung über das Thema. Es geht darum, nicht mehr über Betroffene zu schreiben, sondern ihnen einen eigenen Raum und eine Stimme zu geben. Sie sollen auch nicht umsonst ihre Geschichten preisgeben, sie bekommen eine Aufwandsentschädigung zwischen 50 und 100 Euro für ihre Texte. Momentan gibt es Geld für vier Texte pro Monat, ich hoffe aber, dass es bald für mehr reicht. Texte habe ich schon so viele bekommen.

Es geht darum, nicht mehr über Betroffene zu schreiben, sondern ihnen einen eigenen Raum und eine Stimme zu geben.

ZZ: Auf Twitter bezeichnen Sie die Armutsbekämpfung der österreichischen Politik als reine Floskeln. Was sollte die Regierung tun, wenn sie Armut effektiv bekämpfen will?

Brodesser: Im Regierungsprogramm steht, dass die Regierung Armut bis zum Ende der Regierungsperiode halbieren will. Ich sehe nicht, wo sie das macht. Sie müsste sofort die Sozialhilfe reformieren. Ganz wichtig wäre auch eine Sprache ohne Beschämung zu verwenden, wenn über Armut gesprochen wird. Begriffe wie „Soziale Hängematte“, „Anreize für Arbeit zu schaffen“ oder die Menschen als „sozial schwach“ oder „faul“ zu bezeichnen darf nicht mehr sein.

ZZ: Momentan bekommen Arbeitslose 55 Prozent ihres letzten Nettoeinkommens. Arbeitsminister Martin Kocher will das ändern. Am Anfang der Arbeitslosigkeit soll es mehr Geld geben, das soll weniger werden, je länger man arbeitslos ist. Was sagen Sie dazu?

Brodesser: Diese Reform ist extrem kontraproduktiv. Je länger du keine Arbeit findest, umso größer wird die Beschämung und umso schwieriger ist es, wieder Arbeit zu finden. Die Reform, die „Anreize schaffen“ soll – da haben wir es wieder – , lässt es so wirken als würde man sich absichtlich weniger bemühen je länger man arbeitslos ist. Das stimmt aber nicht. Die Leute suchen Arbeit, jeder, der beim AMS gemeldet ist, muss das ja tun. Das Arbeitslosengeld generell auf 70 Prozent zu erhöhen wäre notwendig, um Existenzen zu sichern.

Am besten ist es – und das hat auch mir damals sehr geholfen – wenn man das Gespräch sucht und auf eine wertschätzende Art fragt: Was brauchst du, was kann ich tun, damit es dir besser geht?

ZZ: Was kann jeder und jede Einzelne im Umgang mit Armutsbetroffenen tun?

Brodesser: Man sollte keine Ratschläge oder Tipps zum Geldsparen geben. Armutsbetroffene wissen ganz genau, wie und wo sie einsparen können. Am besten ist es – und das hat auch mir damals sehr geholfen – wenn man das Gespräch sucht und auf eine wertschätzende Art fragt: Was brauchst du, was kann ich tun, damit es dir besser geht? Das ist wertschätzend und gibt dem Gegenüber die Chance, die eigenen Bedürfnisse zu äußern.

Das Interview führte Stefanie Marek.

Laut Brodesser werden auf der Website sämtliche Einnahmen und Ausgaben offengelegt werden. Wer das Projekt unterstützen will, kann das hier tun.

Titelbild: APA picturedesk

Autor

  • Stefanie Marek

    Redakteurin für Chronik und Leben. Kulturaffin und geschichtenverliebt. Spricht für ZackZack mit spannenden Menschen und berichtet am liebsten aus Gerichtssälen.

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