Sonntag, März 3, 2024

Geschichten aus der Armut: »Keiner wacht eines Morgens auf und beschließt, arm zu sein«

Geschichten aus der Armut

Das Projekt ar-MUT soll Menschen mit Armutserfahrungen einen sicheren Raum im Internet bieten, um von ihrem Alltag zu erzählen und Bewusstsein zu schaffen. Heute, am 1. Februar, geht die Seite online.

Wien, 01. Februar 2022 | Im deutschsprachigen Raum sind rund 15 Millionen Menschen von Armut betroffen. Dass man an Armut nicht selbst schuld ist, sondern, dass sie ein gesellschaftliches Problem ist, versucht Daniela Brodesser (46) der Öffentlichkeit seit Jahren bewusst zu machen. Die oberösterreichische Autorin, Kolumnistin und Aktivistin war jahrelang selbst von Armut betroffen. Am 1. Februar geht ihre neue Plattform ar-MUT online. Die Website ermöglicht Betroffenen, ihre Geschichten zu erzählen, ohne, dass sie beschämenden und erniedrigenden Kommentaren in Foren ausgesetzt sind.

ZackZack: Frau Brodesser, was bedeutet Armut?

Daniela Brodesser: Das Thema Armut wird oft nur auf das Finanzielle reduziert, Armut hat aber auch viel mit dem sozialen Umfeld zu tun. Wenn Armut ein Tabu ist, werden die Betroffenen unsichtbar. Das ist doppelt belastend. Medien müssen anfangen, andere Bilder von Armut zu zeigen und die unsichtbare Seite von Armut ins Blickfeld holen. Wir kennen die Bilder von Menschen, die mit dem Dosenbier am Vormittag herumstehen. Das gibt es auch, aber Armut ist so viel mehr als das.

Daniela Brodesser startet eine Onlineplattform gegen das Armutstabu (Bild: Brodesser)

ZZ: Warum braucht es eine Plattform wie ar-MUT?

Brodesser: Nur wenn Armut tabulos und offen diskutiert wird, können wir nachhaltige Lösungen zur Armutsbekämpfung finden. Keiner wacht eines Morgens auf und beschließt, arm zu sein. Bisher konnten Betroffene nur in sozialen Netzwerken oder in Interviews über ihre Situation sprechen. Aber sehr oft werden die Kommentarforen der Medien nicht moderiert. Da gibt es dann nicht nur Armutsbashing, sondern auch ganz massives Bodyshaming nach dem Motto: „Du bist eh fett genug, du kannst gar nicht arm sein.“ Die Menschen sollen sich auf meiner Plattform sicher fühlen, wenn sie berichten, wie es ihnen geht. Das Kommentarforum werde ich moderieren.

Nur wenn Armut tabulos und offen diskutiert wird, können wir nachhaltige Lösungen zur Armutsbekämpfung finden. Keiner wacht eines Morgens auf und beschließt, arm zu sein.

ZZ: Wie funktioniert die neue Plattform?

Brodesser: Es wird zwei Bereiche geben, in einem erzählen von Armut betroffene Personen ihre Geschichten, unter Klarnamen, oder anonym, im anderen Bereich spreche ich unter dem Titel „Frau Sonnenschein fragt nach“ mit Menschen ohne Armutserfahrung über das Thema. Es geht darum, nicht mehr über Betroffene zu schreiben, sondern ihnen einen eigenen Raum und eine Stimme zu geben. Sie sollen auch nicht umsonst ihre Geschichten preisgeben, sie bekommen eine Aufwandsentschädigung zwischen 50 und 100 Euro für ihre Texte. Momentan gibt es Geld für vier Texte pro Monat, ich hoffe aber, dass es bald für mehr reicht. Texte habe ich schon so viele bekommen.

Es geht darum, nicht mehr über Betroffene zu schreiben, sondern ihnen einen eigenen Raum und eine Stimme zu geben.

ZZ: Auf Twitter bezeichnen Sie die Armutsbekämpfung der österreichischen Politik als reine Floskeln. Was sollte die Regierung tun, wenn sie Armut effektiv bekämpfen will?

Brodesser: Im Regierungsprogramm steht, dass die Regierung Armut bis zum Ende der Regierungsperiode halbieren will. Ich sehe nicht, wo sie das macht. Sie müsste sofort die Sozialhilfe reformieren. Ganz wichtig wäre auch eine Sprache ohne Beschämung zu verwenden, wenn über Armut gesprochen wird. Begriffe wie „Soziale Hängematte“, „Anreize für Arbeit zu schaffen“ oder die Menschen als „sozial schwach“ oder „faul“ zu bezeichnen darf nicht mehr sein.

ZZ: Momentan bekommen Arbeitslose 55 Prozent ihres letzten Nettoeinkommens. Arbeitsminister Martin Kocher will das ändern. Am Anfang der Arbeitslosigkeit soll es mehr Geld geben, das soll weniger werden, je länger man arbeitslos ist. Was sagen Sie dazu?

Brodesser: Diese Reform ist extrem kontraproduktiv. Je länger du keine Arbeit findest, umso größer wird die Beschämung und umso schwieriger ist es, wieder Arbeit zu finden. Die Reform, die „Anreize schaffen“ soll – da haben wir es wieder – , lässt es so wirken als würde man sich absichtlich weniger bemühen je länger man arbeitslos ist. Das stimmt aber nicht. Die Leute suchen Arbeit, jeder, der beim AMS gemeldet ist, muss das ja tun. Das Arbeitslosengeld generell auf 70 Prozent zu erhöhen wäre notwendig, um Existenzen zu sichern.

Am besten ist es – und das hat auch mir damals sehr geholfen – wenn man das Gespräch sucht und auf eine wertschätzende Art fragt: Was brauchst du, was kann ich tun, damit es dir besser geht?

ZZ: Was kann jeder und jede Einzelne im Umgang mit Armutsbetroffenen tun?

Brodesser: Man sollte keine Ratschläge oder Tipps zum Geldsparen geben. Armutsbetroffene wissen ganz genau, wie und wo sie einsparen können. Am besten ist es – und das hat auch mir damals sehr geholfen – wenn man das Gespräch sucht und auf eine wertschätzende Art fragt: Was brauchst du, was kann ich tun, damit es dir besser geht? Das ist wertschätzend und gibt dem Gegenüber die Chance, die eigenen Bedürfnisse zu äußern.

Das Interview führte Stefanie Marek.

Laut Brodesser werden auf der Website sämtliche Einnahmen und Ausgaben offengelegt werden. Wer das Projekt unterstützen will, kann das hier tun.

Titelbild: APA picturedesk

Stefanie Marek
Stefanie Marek
Redakteurin für Chronik und Leben. Kulturaffin und geschichtenverliebt. Spricht für ZackZack mit spannenden Menschen und berichtet am liebsten aus Gerichtssälen.
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36 Kommentare

  1. Nun zur Reform selbst. Der Arbeitsminister Kocher, hat sich an die Fahne geschrieben, die Leute mit aller Gewalt in die Arbeit zu führen. Einen Freund von mir hat man vom AMS als Akademiker angeboten, Kloputzen zu gehen. Beschämender geht es nicht mehr. Die Unzumutbarkeit ist gefallen.

    Übrigens die Inititative von Frau Sonnenschein (Brodesser) finde ich gut. Das werde ich auch noch unterstützen.

    • Der Kocher ist ein extremer Neoliberaler. Der steht nur fürs Kapital. Menschen sind dem so was von wurscht.

  2. Ja, durch Corona hatte ich über Nacht einen Umsatzrückgang von sage und schreibe 85 Prozent (Tourismus- und Unterhaltungsbranche). Es zog mir regelrecht den Boden unter den Füßen weg. 2018 hatte ich leider einen Herzinfarkt und 2019 schrieb ich erstmals in 35 Jahren Unternehmer sein ein kleines Minus. 2020 bin ich dadurch um alle Corona-Förderungen umgefallen. Wer ein Minus hatte, hätte höchstens vom Härtefallfond ein paar Tausender bekommen.

    Dann habe ich mir was ganz Neues bei Null mit 62 Jahren aufgebaut und bis zu meiner Pensionierung die Ende 2023 sein wird, habe ich es jetzt schon finanziell geschafft, ohne dass ich auf fremde Hilfe angewiesen bin.

    Bin nicht zum Maskendealer oder PCR Test-Händer (hatte sogar Angebote) geworden, sondern bin in der Weiterbildungsbranche gut gelandet.

    • Respekt.

      Sie haben mir vier Jahre voraus 😊

      Ich habe das Glück, seit über 30 Jahren in der krisensicheren IT tätig zu sein, immer neue Herausforderungen halten mich da fit.
      Das ich mich sehr für die MFG einsetzte, haben sie sicher auch schon mitbekommen.
      Es braucht ein Gegengewicht gegen die geldhörigen Demokratiedarsteller.

      Für immer Gewaltfrei
      MFG

      • @Mambo0815 ja, für die IT war ich anno dazumal zu dumm. Habe den Aufnahmetest damals bei der IBM versemmelt, that´s life. Sehe mich auch heute noch als digitaler Immigrant. Mein Respekt vor IT-ler wird immer da sein. Weil da braucht man viel Hirnschmalz und logisches Denken. Auch ich bin bei der MFG. Erstmals Mitglied in einer politischen Bewegung. Am Samstag war ich extra in Wien. Dort konnte ich Waidhofnern voraussagen, dass die MFG bei 15 – 20 Prozent liegt. Siehe da am Sonntag kam die Bestätigung. Ich glaube, dass die MFG ihren Weg macht.

        Mit mir kooperiert ein MFGler (der ist schon etwas bekannter ) geschäftlich und der weiß, was Handschlag ist. So stell ich mir Menschen vor, die aus wirklich persönlicher Überzeugung was verbessern wollen.

        MFG

    • Wir zwei sind selten einer Meinung,aber das darf auch sein.

      Aber jetzt wo ich ein wenig Ihrer Lebensgeschichte kenne,kann ich nur sagen,Hut ab,das schafft nich jeder und wünsche Ihnen wirklich alles,alles Gute und gesund bleiben,damit Sie die wohlverdiente Rente dann auch noch lange genießen können.

      • Danke für die Wünsche!

        Es ist mehr als o.k. wenn wer eine andere Meinung hat, wie ich. Jeder von uns soll das Recht drauf haben. Das man nicht jeden alles Recht machen kann, ist mir auch klar.

        Weil sonst glaubt einer von uns für ihn ist ständig im Himmel Jahrmarkt.
        Ihnen auch alles Gute. Das was ich jetzt mache, mache ich weiter, weil ich
        darauf, was wir da tun, stolz sein können. Vorher ging es nur um die Verpackung und jetzt geht es um Persönlichkeitsentwicklung.

        Auch ich lerne ständig dazu.

  3. Wenn man die Armut im eigenen Land etwas minimieren will, sollte die Regierung anfangen, für Kinder, die NICHT in Österreich leben Auslandszahlungen zu leisten, die in die Millionen gehn, die Gehälter der unfähigen Politiker zu halbieren, Nicht-Österreicher, die im Knast sitzen durchzufüttern, sondern die Haftstrafe im eigenen Land absitzen lassen, oder endlich Steuern auf unerhört Reiche zu erheben. Das wäre zwar nur ein Anfang, aber es würde endlich mal was gemacht werden. Die andauernden Schmiergeldzahlungen an diverse Leute, oder Konzerne haben genau den gegenteiligen Sinn erzielt.
    Ob man es glauben will, oder nicht…..Für fast alle Gesetze, die von der ÖVP Regierung kommen, werden mehr Menschen in Österreich in die soziale Armutsschiene geschickt. Das ist Fakt, denn ich rutsche schon seit über 20 Jahren darin hin und her.

  4. die türkisen schnösel sollten einmal 1 jahr lang wirklich arm sein, dann würden die sozialen unterstützungen explodieren.

    • Sie meinen so “arm” wie der Strache? In der Welt der von ihnen angesprochenen Schnösel, gilt dieser ja für ein Zielklient für die caritative Suppenküche 😉

  5. Ungleiche Einkommen und aufgehende Einkommenscheren zerstören Gesellschaften. Wenn sich die Ungleichkeit einmal festgesetzt hat, lässt sie sich historisch betrachtet nur mehr durch gewaltsame Umstürze nivellieren… … und dann startet das traurige Spiel von vorne. Auch noch was vor dem man sich fürchten kann, nicht nur vor dem Klima. Und wieder kann die Wissenschaft nur sagen: wir haben RECHTZEITIG davor gewarnt, aber weder die Politik noch die Wirtschaft haben uns ernst genommen.

    https://www.hagerhard.at/blog/2020/05/its-a-sin-to-be-rich/

    • Wenn türkise Politiker ankündigen dass sie die Armut “halbieren” wollen, klingt dass eher bedrohlich als hoffnungserweckend für die betroffenen Menschen. Die Vorstellung, der von ihrer Realsituation völlig ahnungslosen Entscheidungsträger, geht wohl in Richtung Zwangsbeschäftigung innerhalb eines Arbeitsmarktes, wo ihnen neben der gut berechneten Ausnutze durch massive Unterbezahlung, auch noch die letzte Würde geraubt wird, da notwendiges Empowerment völlig unberücksichtigt bleibt. Halbiert? Bei einer Hälfte die noch als produktiv eingeschätzt wird von unbeleckten AMS Kräften, setzen sie die Daumenschrauben an, indem sie drohen ihnen auch noch das letzte Hemd wegzunehmen wenn sie sich nicht dem modernen Sklavenhandel zur Verfügung stellen und der Rest fällt zur Gänze durch den Rost und muss froh sein wenn man sie neben der akuten Armut wenigstens in Ruhe lässt. Die haben dann andere Sorgen als mitzuschneiden in welcher Form die Gesellschaft ihr Urteil über sie fällt –
      in den “sozialen” Medien.

    • Hör endlich einmal auf, deine eigene Webseite hier zu bewerben. Das ist ja mehr als peinlich.

      • Was geht Sie das an?
        Andere interessiert das und er kann genauso Posten wie Sie auch.
        Sind Sie hier neu, oder haben Sie nur einen neuen Nick.

        • Klar kann er posten was er will, aber andauernd Eigenwerbung machen hier? Ich les ja hier schon länger mit und das fällt total auf, das macht ja sonst niemand. Man of the earth auch noch, ich denke, man soll in einem Forum einfach schreiben, was man denkt, aber es ist kein Mittel, auf eigene Produktionen zu verweisen. Wenn’s ein paar mal geschieht, ist es auch noch wurscht, aber jahrein, jahraus auf sich selber verweisen?

          • Jeder soll lesen was er lesen möchte.
            Und wenn’s Ihnen nicht gefällt, es zwingt Sie niemand es zu lesen.
            Außerdem, es hängt von ZackZack ab. Sprechen Sie doch mit der ZackZack Redaktion wenn es Sie stört.

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