Freitag, Februar 23, 2024

Neues Buch soll aufrütteln: »Es war wir gegen eine Gesellschaft, die uns nicht will«

Neues Buch soll aufrütteln

Im ZackZack-Interview erzählt der deutsche Journalist Olivier David von seinem Buch-Debüt, dem Aufwachsen in Armut und erklärt, warum Armut psychisch krank machen kann.

Wien, 04. Februar 2022 | Wem in Österreich im Monat weniger als 1328 Euro zum Leben bleiben gilt als arm, in Deutschland sind es 1173 Euro. Auch der 33-jährige Journalist Olivier David hat Erfahrungen aus erster Hand. Sein Vater dealte, seine Mutter war psychisch krank. Eine Zeit lang lebte er selbst mit einer Depression, seit er ein Kind ist hat er ADHS. Mit seinem ersten Buch „Keine Aufstiegsgeschichte. Warum Armut psychisch krank macht“ will er aufrütteln. Denn wer in Armut lebt, ist anfälliger für psychische Krankheiten, heißt es auch in einer Studie des Robert Koch Instituts.

ZackZack: Die Buchhandlungen sind voll von Aufstiegsgeschichten und dazugehörigen Ratgebern. Warum ist es Ihnen wichtig, eine Geschichte zu erzählen, die keine Aufstiegsgeschichte ist?

Olivier David: Diese Erzählung, dass es jeder schaffen kann, der sich anstrengt und das Leistung belohnt wird, entspricht nicht der Realität. Wir stellen immer nur die in den Mittelpunkt, die es geschafft haben, aber niemand erklärt, warum es andere nicht schaffen. Ich will dem etwas entgegensetzen. Denn das hat oft nichts damit zu tun wie sehr man sich anstrengt, sondern damit wie unsere Gesellschaft funktioniert.

Wir stellen immer nur die in den Mittelpunkt, die es geschafft haben, aber niemand erklärt, warum es andere nicht schaffen. Ich will dem etwas entgegensetzen.

ZZ: In Ihrem Buch geht es um Ihr Aufwachsen in Armut. Wie verbinden Sie Ihre Erfahrungen mit gesellschaftlichen Zusammenhängen?

David: Ich bin kein Wissenschaftler, aber ich sehe mir an, wie meine psychischen Themen mit der Art zusammenhängen, wie ich aufgewachsen bin.  Wo gab es Anhaltspunkte in meinem Lebenslauf, anhand derer ich nachvollziehen kann, dass meine Chancen kleiner waren als die von anderen? Was hat die fehlende soziale Teilhabe mit mir gemacht? Mir ist auch wichtig, mit meiner Geschichte zu verdeutlichen, dass arme Menschen nicht eher (psychisch) krank werden, weil sie schwächer sind.

ZZ: Auch Studien belegen, dass armutsbetroffene Menschen deutlich häufiger von psychischen Krankheiten betroffen sind. Warum ist das so?

David: Die Lebensläufe von Armutsbetroffenen sind sehr individuell. Aber es gibt bestimmte Faktoren, die es wahrscheinlicher machen, psychisch krank zu werden. Ihr Leben ist viel stressiger und damit ist die Chance höher, mit diesem Stress nicht klarzukommen und krank zu werden. Steigende Mieten sind ein Thema, arme Menschen haben meist Berufe, die psychisch und körperlich sehr stressig sind. Viele haben keine Ersparnisse. Wenn etwas kaputt geht, ist man geliefert. Wir mussten einmal mehrere Wochen ins Waschcenter, weil die Waschmaschine kaputt war. Vor allem als alleinerziehende Mutter bedeutet das massiv mehr Stress.

ZZ: An einer Stelle schreiben Sie „Das Geld war knapp aber unsere Armut war subtiler. Das meiste davon spielte sich im eigenen Kopf ab.“ Was kann man sich darunter vorstellen?

David: Meine Geschichte ist keine krasse Armutsgeschichte, ich musste zum Beispiel nie hungern. Aber Armut sorgt für soziale Isolation, dabei spielt Scham eine große Rolle. Als Kind brauchte ich gar nicht fragen, ob ich auf den Jahrmarkt gehen kann, weil kein Geld da war. Ich habe damals gedacht, ich finde den Jahrmarkt doof. Aber im Nachhinein weiß ich, dass es nur keinen Sinn machte, Sachen haben zu wollen, die man nicht haben kann. Die psychische Krankheit meiner Mutter sorgte zusätzlich für den Rückzug der Familie. Es war wir gegen die Welt, gegen eine Gesellschaft, die uns nicht will.

Die psychische Krankheit meiner Mutter sorgte zusätzlich für den Rückzug der Familie. Es war wir gegen die Welt, gegen eine Gesellschaft, die uns nicht will.

ZZ: Wie hat sich Ihr Denken über Armut im Laufe Ihres Lebens verändert?

David: Ich habe erst gemerkt, dass ich aus anderen Verhältnissen komme, als ich bei Klassenkameraden zu Besuch war. Wenn du plötzlich in einer Küche stehst, die so groß ist wie deine halbe Wohnung, ist das ein komisches Gefühl. Mit 30 stand mir zum ersten Mal genug Wissen zur Verfügung, um zu erkennen, dass ich 95 Prozent meines Lebens in Armut verbracht habe und mich selbst zu verorten ist nach wie vor ein laufender Prozess. Ich habe mich erst mit Mitte 20 politisiert und darüber zum Journalismus gefunden, auch wenn ich vorher schon einen Kompass für soziale Ungerechtigkeit hatte. Die Chance, dass ich auch in Zukunft prekär leben werde, ist sehr hoch.

Klar kann man aufsteigen, aber das sind individuelle Geschichten von Leuten, die es trotz eines Systems geschafft haben, das es ihnen schwer macht – nicht wegen der Logik der Wirtschaft und der Klasseninteressen, sondern trotzdem.

ZZ: Glauben Sie, man kann Armut durch einen finanziellen Aufstieg überwinden oder bleibt sie Teil des Lebens?

David: Armut prägt sehr, möglicherweise das ganze Leben. Klar kann man aufsteigen, aber das sind individuelle Geschichten von Leuten, die es trotz eines Systems geschafft haben, das es ihnen schwer macht – nicht wegen der Logik der Wirtschaft und der Klasseninteressen, sondern trotzdem.

ZZ: Was erhoffen Sie sich, dass die Lektüre Ihres Buches bei den Menschen bewirkt?

David: Ich hoffe, dass andere begreifen, dass meine Geschichte kein Einzelschicksal ist und sehen, dass sie nicht allein sind. Beim Schreiben habe ich verstanden, dass ich nicht dumm oder schwach bin, weil ich immer wieder vor denselben Problemen stehe. Die meisten, die es lesen, werden selbst keine Erfahrung mit Armut haben. Ich wünsche mir, dass das sie verstehen, was Armut bedeutet und wie sie solidarisch sein können. Arme Leute haben erst etwas davon, wenn man seine Privilegien teilt und etwas verändert.

Das Interview führte Stefanie Marek.

Titelbild: Jan Lops

Stefanie Marek
Stefanie Marek
Redakteurin für Chronik und Leben. Kulturaffin und geschichtenverliebt. Spricht für ZackZack mit spannenden Menschen und berichtet am liebsten aus Gerichtssälen.
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12 Kommentare

  1. Wer reich werden will, muss schlau und rücksichtslos sein, wobei beides in der Regel zusammen auftritt, soll heißen: Die Schläue ist das Werkzeug der Rücksichtslosigkeit und die Rücksichtslosigkeit ist die Triebkraft des Werkzeugs. Und beides steht einer besseren Gesellschaft im Wege.

  2. Der Aufstieg ist zweierlei: das Verbrechen der Aufgestiegenen und das Blendwerk für die Opfer der Aufgestiegenen. Ein Übermaß an Glück für einige Wenige auf Kosten der Vielen oder ein Mittelmaß an Glück für alle auf Kosten der Wenigen. Zwischen diesen beiden Polen hüpft die Politik.

  3. Wie wenig das peinliche thema armut auch leser von zz interessiert, sieht man an der anzahl der postings.
    Trifft zu auch für klima und tierschutz.
    Traurig.

    • Sie wissen, dass wir beide in Sachen Corona die Klingen nicht so rasch nicht kreuzen werden. Ich stehe aber der Armut alles andere als gleichgültig gegenüber, ebenso der Umweltzerstörung. Beides empört mich. Und Esoteriker bin ich auch keiner. Und mit alledem verträgt sich meine Gegnerschaft zur Zwangsimpfung sehr, sehr gut. Ich will das erwähnt haben.

  4. Und dann gehen empathielose leute immer noch mit dem neoliberaken spruch “jeder ist seines glückes schmied” hausieren. Besonders häufig sind diese sprücheklopfer unter esoterikern verbreitet. Ua, was krankheiten betrifft.
    Btw, ist nicht auch schramböck esoterikerin?

    • Jeder kann nur nach Maßgabe seiner Kräfte schmieden. Und so manches Schmieden ist nichts anderes als ein Herumschlagen auf dem Mitmenschen. Und freilich: Das Schicksal schmiedet immer mit…

  5. Das mit dem Privilegien teilen haben manche in der Regierung wohl ein wenig übertrieben. Die verschiedenen Chats zeigen, wie man nach oben kommt unter türkiser Regierung.

  6. Die Zusammenhänge zwischen Armut und Krankheit (psychisch wie körperlich) sind seit Jahrzehnten epidemiologisch erforscht und belegt. Und die Zusammenhänge ziehen sich durch bis in die aktuellen Covid-Erkrankungen. Das Risiko, an Covid schwer zu erkranen ist bei Armutsbetroffenen etwa doppelt so hoch wie bei Wohlhabenden. Vereinfacht gesagt, gibt es bei Covid 3 Hauptrisikofaktoren, die in sich zusammenhängen: Armut – Einsamkeit – starkes Übergewicht. Die Relationen zw. Armut und Schizophrenie, Depression oder Demenz sind seit langem belegt. Und was macht unsere Regierung: Sie lässt die Leute noch mehr verarmen und vereinsamen.

  7. Aaaaah! Ich hab einen Schreikrampf! Das seh ich mir an, wo es da eher eine Häufung psychischer Erkrankungen gibt. Bei den paar Prozent Einwohnern, die 70% des Gesamtvermögens besitzen, oder bei den Armutsgefährdeten!

    Ja, rüttelts mal auf! DIE ATOMKRAFT FEIERT IHR COMEBACK, POSTENSCHACHER AM VERFASSUNGSGERICHTSHOF!

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