Dienstag, Juni 25, 2024

Rabensteiner: Russisches Roulette

Rabensteiner

„Gegen all euer Leiden verschreibe ich euch Lachen“, sagte der französische Arzt und Humanist François Rabelais. Die wöchentliche Dosis Medizin verabreicht Fritz Rabensteiner.

Wien, 19. Februar 2022 | Werbebotschaften, insbesondere im Fernsehen, schwappen heutzutage wie ein Tsunami über uns hinweg. Und die meisten dieser Botschaften sind Müll. Und dieser Müll erzeugt augenblicklich Bilder im Kopf. Es gibt keine Chance, dem zu entrinnen. Man kann ja nicht mit Augenklappen und Ohropax durchs Leben gehen. Doch ich habe Glück. Meine Nervenzellen sind so aufgebaut, dass ich aus dieser Flut von Informationen positive Erlebnisse ziehen kann. Egal, was ich sehe, bei mir verkehrt sich die Botschaft augenblicklich in eine andere. Ich verfange nicht in der Essenz der Mitteilung, sondern sehe sofort eine neue Handlung, die sich nicht um den ursprünglichen Kern der Aussage dreht, sondern Details beleuchtet, die eigentlich gar nicht vorgesehen waren. Ich kann nicht anders, ich bin so gepolt und für die Werbeindustrie der absolute Horror. Ich sehe immer eine Abwandlung der beabsichtigten Botschaft. Ich tausche automatisch die handelnden Personen aus, ich ändere gut in böse und schön in hässlich. Der Neurologe meint, es könnte das Savant-Syndrom sein. Dieses Syndrom, auch Inselbegabung genannt, beschreibt das Phänomen, dass Menschen eine außergewöhnliche Begabung in einem speziellen Teilbereich besitzen. Meist leiden sie an einer geistigen Behinderung oder tiefgreifenden Entwicklungsstörung.

Man sieht eine Frau nach Hause fahren. Offenbar vom Einkauf. Der Beifahrersitz ist vollgepackt mit Obst und Gemüse. Mutti wirkt ein wenig gestresst. Hinten im Auto nerven die beiden Kinder. Doch dann fällt ihr Blick auf einen kleinen Pinguin, der vom Innenspiegel baumelt und sie hat eine Idee. Sie steigt aus und watschelt wie ein Pinguin ins Haus, die beiden Kinder tun es ihr gleich. So weit, so gut. Ich sehe Folgendes: Elli Köstinger setzt einer Kuh den Schlachtschussapparat an. Schnitt. Karoline Edtstadler kommt mit dem Auto vom Einkauf zurück. Im Kindersitz ist Claudia Plakolm festgeschnallt. Vom Innenspiegel baumelt ein Schnitzel.

In letzter Zeit informiert mich die Sexologin AnnMarlene Henning auffallend oft darüber, dass es neben der Vagisan-Feuchtcreme nunmehr auch Vagisan-Zäpfchen gibt, die, und so werden sie von ihr angepriesen, schwupps eingeführt sind und daraufhin ihre segensreiche Wirkung entfalten. Kurz darauf empfiehlt mir ein älterer Herr das Mittel Neradin, das aus einem schlaffen Männerkörper eine Sexmaschine macht. Und damit nicht genug, empfange ich abschließend die Botschaft einer jungen Frau, dass sich der Stuhlgang mit Dulcolax wunderbar planen lässt. Falls es schnell gehen müsse, wären deren Zäpfchen die optimale Lösung. Ich sehe Folgendes: Die Familie Putz macht sich bettfertig. Papa Putz hat bereits zum Abendessen eine Handvoll Neradin eingeworfen. Im Spiegelschrank des Badezimmers liegen dreierlei Zäpfchen. Vagisan für vorne, Dulcolax für hinten und das HämorrhoidenZäpfchen von Oma Putz. Auch für hinten. Plötzlich fällt das Licht im XXXLutz aus. Drei Zäpfchen in der Finsternis. Russisches Roulette im Möbelhaus. Zuerst tastet sich Mama Putz ins Badezimmer. Im Dunkeln greift sie irrtümlich nach dem Hämorrhoiden-Zäpfchen und führt es dort ein, wo es laut Beipacktext nicht hingehört. Sie wundert sich anschließend über die bescheidene Wirkung, das Piksen da unten hat auch nicht aufgehört, will aber keinen Rückzieher machen, weil Papa Putz mittlerweile zur Maschine geworden ist. Danach tappt Oma Putz ins stockdunkle Bad. Sie ertastet zwei Zäpfchen. Es sind also noch zwei Lose in der Trommel. Ein Vagisan und ein Dulcolax. Im Glauben an einen gerechten Gott wählt sie mit ruhiger Hand und versenkt das Zäpfchen dort, wo niemals die Sonne scheint. Zehn Minuten später kackt sie ins Bett.

Falls das in ihrem Kopf nicht gleich funktioniert, dann verzweifeln sie nicht. Das kann man bis zu einem gewissen Grad auch lernen. Sie müssen sich nur ein wenig zwingen. Am besten gleich heute.

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Titelbild: Othmar Wicke

Autor

  • Markus Steurer

    Hat eine Leidenschaft für Reportagen. Mit der Kamera ist er meistens dort, wo die spannendsten Geschichten geschrieben werden – draußen bei den Menschen.

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