Mittwoch, Juni 19, 2024

Zensur gebiert Monster – Skylla & Charybdis

Skylla & Charybdis

Julya Rabinowich in der heutigen Kolumne über Krieg, Propaganda und das Überleben der Menschheit. 

Julya Rabinowich

Wien, 12. März 2022 | Die Welt, wie wir sie kannten, existiert nicht mehr. Das, was überwunden schien: es ist wieder da. Krieg. Atombedrohung. Propaganda, die Kriegsverbrechen übertünchen soll. Die Abkehr von Demokratie. Während Führer Putin im Bunker Befehle erteilt, riskieren Menschen in Russland ihr Leben, um gegen seinen Krieg zu demonstrieren. Sie sind in der Minderheit.

Ich weiß, dass es Angst macht, die Wahrheit zu sehen. Sie auszusprechen. Sie zu fühlen. Vor allem dann, wenn diese Wahrheit als Gefahr betrachtet wird: von denen, die glauben, ihre eigene Wahrheit gepachtet zu haben, und von denen, die spüren und wissen, dass diese eigene Wahrheit eine ureigentliche Lüge ist. Aber eine Lüge, der zu widersprechen das Leben kosten kann, die Freiheit.

Russland trennt sich gerade ab vom Rest der Welt. Wird abgetrennt. Abgeschnitten wie ein Stück Fleisch: von Informationsfreiheit, von Demonstrationsfreiheit, von Entscheidungsfreiheit. Wir kennen das, es war vor nicht allzu langer Zeit schon einmal so, und wir dachten, das würde niemals wiederkehren.

Es steht alles auf dem Spiel

Hätte mir jemand vor 6 Jahren gesagt, die UdSSR könnte wieder auferstehen, ich hätte ungläubig den Kopf geschüttelt. Vor zwei Jahren dann nicht mehr. Und trotz aller Zeichen an der Wand schien dieser letzte Schritt dennoch unreal, unmöglich. Wir sehen: jetzt ist nichts unmöglich. Die Bilder der Stadtgerippe: wir kennen auch diese. Zerrissene Körper. Zerrissene Leben. Zerrissene Länder.

Kyiw darf nicht Grosny werden. Russland nicht die UdSSR. Zensur gebiert Monster, und Monster haben die unangenehme Eigenart, unberechenbar zu werden. Es steht alles auf dem Spiel, auch das Überleben der Menschheit. Ich weiß, dass früher ein Witz ausreichte, um im Straflager zu verschwinden. Ich bin gesegnet durch späte Geburt, mich betraf das alles nicht mehr. Ich lebe nicht in Russland, ich kann schreiben und sagen, was ich denke, ohne dass man mir dafür meine Freiheit nehmen will.

Menschen, die in Russland leben, haben derzeit diesen Luxus nicht. Das ist mir schmerzlich bewusst. Ich habe kein Recht, etwas so Schwerwiegendes zu verlangen. Und doch wird das Schicksal der Welt auch davon abhängen, wie diese Menschen reagieren. Wem und was sie glauben. Was sie bereit sind zu hinterfragen. Ich bitte Sie inständig: hinterfragen Sie.

Titelbild: APA Picturedesk

Autor

  • Stefanie Marek

    Redakteurin für Chronik und Leben. Kulturaffin und geschichtenverliebt. Spricht für ZackZack mit spannenden Menschen und berichtet am liebsten aus Gerichtssälen.

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