Dienstag, Juni 18, 2024

Julya Rabinowich – Skylla & Charybdis – Monstrositäten

Skylla & Charybdis

In der heutigen Kolumne von Julya Rabinowich: Monster aller Art, deren Monstrositäten und was und wer ihnen zum Opfer fällt.

Wien, 2. April 2022 | Diese Kolumne trägt zwei Monster in ihrem Namen und beschäftigt sich ab und zu mit Monstern aller Art. Gewissermaßen ist diese Kolumne eine Art Gemischtwarenhandlung für Monster. Monster sind seit der Entstehung der Welt eher keine Mangelware, manche sind sogar Ladenhüter, der Höllenhund am Eingang zum Hades zum Beispiel, der mit den drei Köpfen. Manche werfen nur Argusaugen, andere lassen gleich hunderte Köpfe nachwachsen wie die Hydra.

Manche Monster sind keine echten Monster, sondern Horror-Clowns, die eine ganze Reihe von Pressekonferenzen der letzten Zeit komponiert haben dürften: der eine lässt sich davon überraschen, dass bei Öffnung die Fallzahlen steigen, seltsamerweise auch jene des Krankenhauspersonals. Die Menschen, die dort arbeiten, mögen vielleicht Helden und Heldinnen sein, übermenschlich und achillesfersenlos sind allerdings auch sie nicht. Wer hätte nur damit rechnen können! Der andere gibt alternative Fakten ab, die Kellyanne Conway vor Neid erblassen ließen. Es liefe alles gut in Schulen. Dass 25 Prozent des Lehrpersonals krank zu Hause liegen: unerwähnt.

Andere machen den Scheichs eine Aufwartung, es wird ja nicht jeden Tag geköpft. Manchmal halt 81 auf einen Streich, aber das muss man ja nicht so streng sehen. Ist jemand, der 81 Köpfungen am Tag durchführen lässt, ein Monster? Manche Monster sitzen ab und an in Wüstenerdlöchern oder verstecken sich in unterirdischen Bunkern im Ural. Manche haben es nicht nötig, sich zu verstecken, sie malen sich das Gesicht orange wie einen Pavianpo und suchen damit die Öffentlichkeit heim. Manche Monster scheinen liebenswürdig, ihre betenden Hände verdecken, was unter ihren Ordensgewändern versteckt wird, und die Kinder, die ihnen zum Fraß vorgeworfen werden, damit das Monster Stillschweigen bewahrt, schweigen meistens ebenfalls sehr lange, um dann Jahre später der Lüge geziehen zu werden. Weil: Hätten sie doch früher gesprochen. Wer lange schweigt, wird nur geschätzt, wenn er ein vertuschter Täter ist.

Manche Monster sind nur zu solchen geworden, weil auf ihren Tischen Monströses bewilligt wurde. Sie geben sich unbeteiligt, und doch sind ihre Stempel und Unterschriften exakt das, was das Schreckliche ins Rollen gebracht hat. Die russischen Soldaten, die gerade in der Ukraine zwischen Vernichten und Vernichtetwerden hin- und herpendeln sind zu Monstern gemacht worden, die meisten, ohne gefragt worden zu sein. Ja: Das größte Monster von allen ist der Krieg, der den Alltag zu Unkenntlichkeit verwischt, das, was bekannt war, zu fremden Ruinen. Das, was ganz war, zu verstümmelten Körpern. Wer den Krieg vor seinen Karren spannt, wird einen Höllenritt antreten, einen Höllenritt, den Zerberus beim Eingang zum Hades nicht stoppen wird wollen. Der, der du hier eintrittst, lasse alle Hoffnung fahren.

Der Krieg ist ein Moloch, der Häuser, Dörfer, Städte verschlingt und blanke Knochen und blutiges Metall ausspeit. Dieser Moloch tobt wieder, mitten in Europa. Als er weiter weg tobte, schien er weniger schrecklich, der Mensch findet schneller Mitgefühl für Bekanntes. Über all den Monstrositäten vor unserer Haustüre dürfen wir nicht vergessen, dass derselbe Moloch in etwas entfernteren Gebieten ebenfalls wütet: Die zerborstenen Fenster der Schulen, die einstürzenden Wände der Krankenhäuser, das Schweigen über den Staubwolken sind überall gleich furchtbar. Der Strom der Fliehenden besteht überall aus gleichermaßen Verzweifelten, die nur eines im Sinne haben: ihr und das Leben ihrer Liebsten zu retten. Sie in unterschiedlich gute Menschen zu unterteilen, von denen manche mehr verdient haben, gerettet zu werden als andere, ist eine Monstrosität, die sich nicht von anderen Monstrositäten unterscheidet. Mensch ist Mensch. Und Mensch bleiben ist nicht immer leicht.

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