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Triphop-ender Schubert auf Speed

In Wien sind klassische Konzerte seit jeher Teil der Popkultur. Dass sich Mozart oder Haydn über Szenenapplaus freuen, durften war zuletzt völlig undenkbar – bis zu einer besonderen Weltpremiere im Wiener Konzerthaus.

Thomas Nasswetter

Wien, 17. September 2022 | Im 19. Jahrhundert war es der Kapellmeister, der dirigierte. Routinemäßig erstellte er eigene Kompositionen für sein Ensemble. Dann kam das Zeitalter der Star-Dirigenten. Die Maestros an den Pulten wurden zeitweise fast wie Gott verehrt. Bis auf wenige Ausnahmen komponieren diese nicht mehr, hätten es auch nicht mehr nötig, um – wie Herbert von Karajan – Porsche fahren zu können. Frauen hingegen blieben immer auf der Strecke. Es gab sie kaum, die Dirigentin, schon gar keine „Maestra“. Die Komponistin, Dirigentin, Pianistin und Sängerin Nazanin Aghakhani könnte eine solche sein. Sie war im Frühjahr bereits beim ZackZack Nachtclub zu Gast.

Rocken wie anno dazumal

Haydn, Mozart, Puccini und zwei eigene Werke, eines davon ein Premierenstück, standen am Samstag den 10. September auf dem Programm im Mozartsaal im Wiener Konzerthaus. Ganz schön mutig, sich gleich neben ein paar der Größten der Musikgeschichte zu stellen. Doch Nazanin Aghakhani kann das tun – als Komponistin und als Dirigentin. Sie ist nicht nur ein „weaner Madl“, wie sie sich gerne selbst bezeichnet, mit für Wien standesgemäßen iranischen und russischen Wurzeln.

„Das ist euer Rockkonzert!“ Ihre Aufforderung ans Publikum war eindeutig. Die Idee dahinter: Zu Zeiten von Mozart, Haydn und Co. war Szenen-Applaus üblich, ganze Sätze mussten auf Wunsch des Publikumswunsch wiederholt werden. Die Komponistin Aghakhani leitete das Iunctus Orchester als Dirigentin also in der Tradition ihrer berühmten Vorgänger.

Klassik, glücklicherweise nicht klassisch

Bei Haydns 99. Symphonie war nicht nur Wiener Charm zu spüren, sondern es schimmerte auch die von Haydn gut versteckte Melancholie des Werkes durch. In manchen Momenten blitze sogar eine wenig Carlos Kleiber durch – Respekt. Mozart hätte sich über die Darbietung seiner Haffner Symphonie gefreut, wurde der erste Satz „feurig“ und der vierte Satz wunschgemäß, wie er es einmal in einem Brief an seinen Vater formulierte, „so geschwind als es möglich ist“ dargeboten. Damit hob sich Aghakhani recht deutlich von der Welt des Dirigierens der leider viel zu oft lieb- und phantasielos dargebotenen „klassischen“ Werke ab.

Magierin am Pult

“Magu” war der Titel des Premierenstücks. Das Wort kommt aus dem Altpersischen und bedeutet Zauberer oder Magier. Die Magierin am Pult brachte dabei das Publikum dazu, im Verbund mit dem Orchester singend mit zu musizieren. Die Komposition selbst spielt mit vordergründigen musikalischen Klischees, die in einer spannenden Weise ausgereizt werden, bis ihr ursprüngliche Sinn verschwindet und etwas Neues und Berührendes übrig bleibt. Die Musik driftet dabei grob gesprochen zwischen Wiener Klassik, Impressionismus und Expressionismus. Pop- oder rockmusikalische Kolleginnen würden darüber wohl schreiben: „ein triphop-ender Schubert auf Speed“.

Titelbild: ZackZack / Thomas Nasswetter

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1 Kommentar
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Summa summarum
17. 09. 2022 11:33

Zu Haydn erlaube ich mir eine Anmerkung, da ich diese Symphonie aus der eigenen Praxis kenne: Melancholisch kann wenn überhaupt nur das Adagio gemeint sein und nicht das gesamte Werk. Carlos Kleiber bei Haydn in gewissen Momenten durchblitzen zu sehen/hören, ist unmöglich, er war ein Dirigent. Falls N.A. selbst darauf hingearbeitet hat, muss sie als schlechte Kopie fürchterlich gescheitert sein. Kleiber wie Karajan und eine Handvoll anderer Dirigenten sind unerreicht.
Zum Konzert an sich: Es tut mir leid, dass ich es verpasst habe. Mir gefällt die unkonventionelle Herangehensweise, die 9. Beethoven mit den Symphonikern – 30 Jahre oder wie lange müssen die das zu Silvester noch spielen – hängt einem ja zum Hals heraus.