Dienstag, Februar 7, 2023
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Auswärtsspiel: Friede den Wohnzimmern

Auswärtsspiel:

Premiere für die Fußball-Kolumne des “ballesterer” auf ZackZack! Im Zentrum der kommenden Wochen steht die Fußball-WM in Katar. Den Anfang macht die stellvertretende Chefredakteurin Nicole Selmer, die für uns aus Katar berichten wird. Heute: über Moralurteile und Krieg den Palästen.

Nicole Selmer

Wien, 29. Oktober 2022 | Am 20. November geht sie los, diese Fußball-Weltmeisterschaft in Katar. Vergeben von 22 Funktionären der FIFA, von denen die meisten inzwischen suspendiert, angeklagt oder in Haft sind. Ausgerichtet von einem Land, das weder demokratische Wahlen noch rechtsstaatliche Strukturen oder Meinungsfreiheit kennt, in dem Frauen ohne Genehmigung eines Mannes nicht studieren oder reisen dürfen, migrantische Arbeiterinnen und Arbeiter ausgebeutet werden und Homosexualität unter Strafe steht.

Darüber müssen wir informieren, reden und streiten – mit dem Ziel, Veränderungen zu erreichen. Bevor die WM beginnt, während sie läuft und danach. Das ist wichtig für die weitere Entwicklung des Fußballs und das, was autoritäre Staaten und korrumpierbare Funktionäre mit dem größten Sport der Welt anstellen.

Boykott oder Verfolgen?

Nicht weiter reden und streiten sollten wir darüber, wer die WM-Spiele schaut und wer nicht. Ich kann diejenigen verstehen, die sich angesichts der Umstände dieses Turniers keine Sekunde davon anschauen wollen. Und ich kann diejenigen verstehen, die sich in den kommenden düsteren und kalten Wochen über ein bisschen Ablenkung freuen und auf großen Fußball hoffen. Beides okay. Sparen wir uns die moralischen Urteile für die wichtigen Dinge.

Moderner Fußball, die Macht der FIFA, universelle Menschenrechte und anständige Arbeitsbedingungen – das sind alles gesellschaftspolitische Fragen, die auf genau dieser Ebene zu lösen sind und nicht individuell mit der Fernbedienung. Mit dem Wettbewerb darüber, wer die wenigsten WM-Minuten sieht, und einer Beschämung jener, die dennoch schauen, kommen wir nicht weiter. Friede den Wohnzimmern, Krieg den Palästen!

________________________

“Auswärtsspiel” ist die Kolumne des “ballesterer” für ZackZack.

Nicole Selmer ist stellvertretende Chefredakteurin des Fußballmagazins “ballesterer”, dessen WM-Ausgabe ab 4. November im Handel ist. Sie wird das Turnier in Katar verfolgen.

Titelbild: Montage ZackZack/Wiener Sportclub

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19 Kommentare

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GAF
30. 10. 2022 4:39

Ist es der “antifaschistischen” Redaktion von ZZ und dem Herausgeber eigentlich klar, dass sie mit einer eigenen Kolumne zur Fussball-WM die herrschenden Diktatoren in Katar unterstützen ???

Cartman
29. 10. 2022 17:53

*boykottiert den Ball mit Verfolgungswahn*

GAF
29. 10. 2022 15:59

Umweltmässig eine Katastrophe und eine Frechheit, was da an Gas und Energie versaut wird, alleine durch die mit Gas heruntergekühlten Fussballstadien (!). Hier wären Aktionen von Fridays ff oder extinction rebels etc. sehr angebracht. Statt in Museen.

Franz Stephan H.
29. 10. 2022 20:46
Antworte auf  GAF

Na dann los, probieren sie’s doch…Von der Couch aus, lässt sich’s leicht klug reden…

Cartman
29. 10. 2022 21:02
Antworte auf  Franz Stephan H.

Manche Menschen hinterlassen einen tiefen Eindruck aber nur, wenn sie auf einer Couch gesessen sind. Die Couch als Symbol eines modernen Beichtstuhl ist auch nicht völlig unvorteilhaft. “Hier wären” ist doch ohnehin schon recht diplomatisch formuliert, oder? Aber vielleicht, wenn sie sich zusammenschließen, würde eventuell eine Bewegung daraus entstehen….

Danielle Durand
29. 10. 2022 22:35
Antworte auf  Cartman

In dem Fall war “wäre” aber schon die Unmöglichkeitsform, denn extinction Rebellion oder f4f sind doch keine Exportgüter sondern stützen sich auf lokale Bewegungen und warum es solche in Qatar nicht gibt erraten wir spielend.
Der Appell von GAF war unter diesem Licht betrachtet doch etwas eigen.

Zuletzt bearbeitet 3 Monate zuvor von Danielle Durand
GAF
30. 10. 2022 2:27
Antworte auf  Danielle Durand

Man oder frau versteht halt oft das nicht, was nicht verstanden werden will. Hier … heisst nicht, dass man dort hinfliegen (sic) soll um zu protestieren. Gegen die extreme Energieverschwendung und Umweltverschmutzung durch diese Fussball.WM kann man auch zuhause protestieren. Die Friedensbewegung hat ja auch nicht in Vietnam gegen den Krieg dort protestiert oder ? Fluglinien von Katar haben hierzulande Büros, warum sichnicht dort ankleben oder Sugo draufwerfen, oder den Managern dort etc. oder vor Reisebüros, die dorthin Reisen verkaufen, und und und

Kritiker123
29. 10. 2022 14:15

Es wird wie immer sein:

Die Fussballfans werden sich die WM trotz aller berechtigten Einwände ansehen, weil sie einfach an diesem tollen Sport hängen.

Und genau damit kalkuliert die bestechliche? Fifa mit ihren zweifhaften und käuflichen Funktionären.

Denn ohne diese üblen Machenschaften wäre es kaum möglich, die WM an die milliardenschweren Araber zu vergeben. Mit absurden Terminumstellungen für eine WM im November.

Geld regiert die Fifa!!!

Error 404
29. 10. 2022 12:08

Merke: Russland Öl und Gas und Russland sind böse, Öl und Gas aus dieser Region gut? Wer definiert, was gut und was böse ist?

Samui
29. 10. 2022 18:33
Antworte auf  Error 404

Die Vernunft.

GAF
30. 10. 2022 2:32
Antworte auf  Samui

Die Vernunft ? In der Politik definiert die Vernunft, was gut und böse ist ?

GAF
29. 10. 2022 13:51
Antworte auf  Error 404

Die Falken.

GAF
29. 10. 2022 12:04

“Sparen wir uns die moralischen Urteile für die wichtigen Dinge”, werden wir belehrt. Als ob die ganzen Menschenrechtsverletzungen unwichtig wären, während der Ball rollt. Nach dem Kickturnier dürfen wir uns wieder engagieren.

hagerhard
29. 10. 2022 10:54

ich tät ja gern von mir behaupten, dass ich mir die wm aus protest nicht anschau.
aber vermutlich werd ich doch ab und zu den fernseher aufdrehen.
vielleicht mit a bissl an schlechten gewissen. beim aufdrehen zumindest.

und ich vermut, vielen wird es ähnlich ergehen wie mir.

das musterbeispiel eines dilemmas sozusagen.

Samui
29. 10. 2022 18:32
Antworte auf  hagerhard

👍

hr.lehmann
29. 10. 2022 13:56
Antworte auf  hagerhard

Da muss ich mich anschließen. Wenn man wirklich so hohe moralische Maßstäbe an sich selbst setzt dürfte man auch viele CL Partien von dubios geförderten Spitzenverreinen – speziell aus der Premier League oder Ligue 1- nicht im TV verfolgen. Es hätte mich jedoch zufrieden gestellt wenn die WM in Katar insgesamt boykotiert bzw. gecancelt worden wäre.

GAF
30. 10. 2022 2:35
Antworte auf  hr.lehmann

Sog. Sptzenklubs gehören russischen Oligarchen oder Mörder-Scheichs, wie Sie andeuten. Ist es nicht interessant, dass Menschen bereit sind, für Sanktionen zu frieren oder gar zu hungern, aber nicht, den TV beim Fussball abzudrehen ?

nikita
29. 10. 2022 14:54
Antworte auf  hr.lehmann

Boykott wird nie passieren, weder bei dieser WM noch bei einer anderen, bei Olympia (China, Russland etc.) nicht, Schirennen werden nur abgesagt wenn die Bedingungen für die Sportler nicht stimmen, Autorennen und Air Power detto. Ansonsten wird herumgejettet, koste es was es wolle. Sparen und Menschenrechte, wozu?
Moderne Gladiatorenkämpfe, Menschenmaterial gibt’s im Überfluss. Natürliche Auslese, nur die starken kommen weiter, die Feudalherren sind wieder am Werk, Geld, Geld, Geld und Gier, Sodom und Gomorrha.
Nur der Pöbel wird kalt duschen, die Ballkleider verkaufen und den Deckel beim Kochen auf den Topf tun.
Zuerst kommt das Fressen und dann die Moral. B.Brecht
PS: Ich liebe Fußball 🤷🏼‍♀️

diinzs
31. 10. 2022 8:03
Antworte auf  nikita

Ich verstehe die Überraschung, die vorgegeben wird, sowieso nicht. Nur zur Erinnerung, die Fußball-WM 1978 in Argentinien, war in einem Land, wo eine Militärdiktatur herrschte. Laut Schätzungen wurden von den Diktatoren 30.000 Menschen umgebracht. Hat auch Keinen gekratzt. Auch mich nicht, weil ich habe auch WM geschaut habe. Ich war aber noch ein Kind damals.

Wie in vielen Bereichen unseres Lebens hat sich anscheinend nicht viel verändert oder es wurde noch schlechter.

ABER, Respekt für den Kommentar von Frau Selmer. Kein Dreckschleuder-Kommentar, schon sehr erfrischend und ungewöhnlich heutzutage.

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