Dienstag, Juni 25, 2024

Auch SPÖ gegen »Denkverbote« bei Fracking

In ihrem Plan für die heimische Industrie zeichnet SPÖ-Chefin Pamela Rendi-Wagner ein Bild des zukünftigen Industriestandorts. Auch das umstrittene Fracking könnte Teil davon sein.

 

Wien/Poysdorf, 15. November 2022 | Überraschend antwortete SPÖ-Chefin Pamela Rendi-Wagner am Montag auf die Frage, ob es im Rahmen ihres Fünf-Punkte-Plans für die Industrie auch Investitionen in klimafreundliches Fracking geben könnte: „Es darf keine Denkverbote geben, die Entscheidung sollten allerdings die Experten treffen.“

Schon wieder „Keine Denkverbote“

Mit der Forderung, über das Thema Fracking in Österreich nachzudenken und die Schiefergasförderung nicht von Haus aus auszuschließen, wiederholt Rendi-Wagner ein Plädoyer, das zuvor schon andere politische Akteure abgegeben hatten. Mit genau denselben Worten. Denn im Juli forderte bereits die WKO Steiermark „Keine Denkverbote für Öko-Fracking“, im September 2022 bekundete auch Finanzminister Magnus Brunner (ÖVP) gegen Denkverbote bei dem Thema zu sein. Abermals zwei Monate später entdeckt die SPÖ-Chefin im Austausch mit der Industriellenvereinigung plötzlich das Fracking-Potential.

Grünes Fracking

Beim Fracking versucht man, Gas oder andere Rohstoffe, das in Gestein gespeichert ist, aus den Tiefen des Erdreichs zu fördern. Dafür leitet man eine Frackingflüssigkeit in die Gesteinsschicht und bricht diese damit auf. Das Gas entweicht und kann mittels Pipelines gefördert werden. In den USA, wo vor allem in Pennsylvania massiv Fracking betrieben wurde, kommen im Rahmen des Verfahrens giftige Chemikalien zum Einsatz, die die Umwelt und die Menschen im unmittelbaren Umfeld schädigten. Fracking gilt daher als schädlich und umweltunverträglich.

Herbert Hofstätter von der Montanuniversität Leoben entwickelt deswegen seit Jahrzehnten eine Methode, um die umstrittene Fördertechnik umweltfreundlicher zu machen. Er wolle eine „Methode entwickeln, die zu 100 Prozent umweltverträglich ist“, verrät er in der “Ö1”-Sendung „Punkt eins“. Anstatt toxischer Chemikalien verwendet er Maisstärke und Kaliumkarbonat für das Fracking – beides Stoffe, die auch in Lebensmitteln vorkommen.

BMK dagegen

Nach ZackZack-Anfrage verweist das Klimaschutzministerium darauf, dass „Fracking, insbesondere mit so einem experimentellen Verfahren, aufgrund der nötigen Vorlaufzeit von mehreren Jahren zur Lösung der aktuellen Krise keinen Beitrag leisten kann.“

Expertenkritik

Sowohl Harald Rieder als auch Wolfgang Liebert von der Universität für Bodenkultur in Wien bezweifelten in besagter Ö1-Sendung die Möglichkeit eines „grünen” Frackings. Für Rieder handelte es sich dabei um eine Form des „Greenwashings“, da man nicht nur die Frackingflüssigkeit selbst, sondern auch die Kollateralschäden in Betracht ziehen muss. So führte Fracking in vielen Fällen zu starken Austritt von Methan in die Atmosphäre, außerdem könne das Trinkwasser kontaminiert werden. Das unterstrich auch Liebert, der sich dafür aussprach, man müsse die „gesamte Erdgaskette mit in den Blick nehmen“. Es gehe „nicht nur um eine technische Risikoregulierung“, so Liebert weiter.

Desweiteren sei Fracking auch nicht mit den Klimazielen der Bundesregierung vereinbar. Bis 2040 will Österreich klimaneutral sein. Mit dem Fracking unmöglich. Beide Experten sprachen sich für eine Fokussierung auf erneuerbare Energien aus.

Politische Reaktionen

Die FPÖ kann sich eine Prüfung der Möglichkeiten in Bezug auf Fracking vorstellen. „Die FPÖ spricht sich seit jeher gegen das konventionelle und vor allem umweltschädliche Fracking, wie es beispielsweise in den USA gelebt wird, aus. Wir sind aber für neue und vor allem umweltfreundliche Methoden der Energiegewinnung offen. Bio-Fracking kann in Österreich Zukunft haben“, sagt Umweltsprecher Walter Rauch von der FPÖ auf ZackZack-Anfrage.

Die NEOS, 2014 strikt gegen die Fördermethode, wollen angesichts der geänderten Umstände durch den Ukrainekrieg detailliertere Informationen haben, bevor man laut über Fracking nachdenken könne. „Wie groß sind die Vorräte? Wie rasch wären diese überhaupt verfügbar? Welche Auswirkungen hätte der Abbau auf Mensch und Umwelt? Danach lässt sich auch eine Entscheidung treffen. Vorher ist es nur Showpolitik“, so die NEOS auf ZackZack-Anfrage.

Bereits gescheitert

Sollte sich die Bundesregierung dennoch entscheiden, Fracking im Weinviertel zu betreiben, könnte sich dasselbe Szenario wie 2012 ereignen. Damals wollte die OMV Messungen und Probebohrungen durchführen, scheiterte aber am Widerstand lokaler Bürgerinitiativen in Poysdorf und Umgebung. Auch zehn Jahre später haben die Bürgerinitiativen von damals die Debatte noch lebhaft im Kopf und sitzen bereits in den Startlöchern für eine erneute Mobilisierung, wie der Vorsitzende einer der Initiativen in “Ö1” bekanntgab.

Update 13:59: Der Beitrag wurde um ein Statement aus dem BMK ergänzt.

(dp)

Titelbild: OLI SCARFF / AFP / picturedesk.com

Autor

  • DanielPilz

    Taucht gern tiefer in komplexe Themengebiete ein. Lebt trotz Philosophiestudiums nicht im Elfenbeinturm und verpasst fast kein Fußballspiel.

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