Sonntag, März 3, 2024

Ausgerechnet: Keine Steuern mehr für Spekulanten?

Fällt die Kapitalertragsteuer auf Wertpapiere, profitieren private Spekulanten und superreiche Aktienverkäufer.

Marie Hasdenteufel

Wien, 17. Dezember 2022 | Eigentlich sollte in unserer Gesellschaft ja gelten: Wer mehr hat, trägt auch mehr bei zum gemeinsamen Haushalt. Wer wenig hat, muss ohnehin jeden Euro zweimal umdrehen – inmitten der größten Teuerungskrise seit Jahrzehnten erst recht – und sollte auch niedrigere Steuersätze zahlen. Die Praxis sieht in Österreich allerdings anders aus. Arbeit wird hierzulande hoch besteuert, jede Pflegerin, jeder Paketbote, jede Putzkraft zahlt rund ein Drittel ihres Einkommens an Steuern und Abgaben. Wer mehr verdient, zahlt – fairerweise – zwar auch höhere Steuern auf seine Arbeit. Ganz anders ist es aber bei jenen, die sich zurücklehnen und Geld für sich arbeiten lassen können. Sie tragen nur wenig zur gemeinsamen Kasse bei: Einkommen aus Erben ist fast völlig steuerfrei. Wer viel Geld besitzt, muss davon nichts abgeben. Großgrundbesitzer zahlen auf ihren Grund und Boden so wenig Grundsteuer, dass es im internationalen Vergleichen lächerlich peinlich ist.

Lieblingsprojekt des Finanzministers

Ausgerechnet während immer mehr Menschen nicht wissen, wie sie die nächste Mieterhöhung, die nächste Gas- oder Stromrechnung stemmen sollen, haben die Reichsten im Lande saftige Steuergeschenke wirklich nicht nötig – würde man meinen. Und dennoch bekommen sie eines nach dem anderen vom Finanzminister serviert: Von der beschlossenen Senkung der Steuern auf Unternehmensgewinne profitieren vor allem die reichsten zehn Prozent der Bevölkerung, am meisten aber die wenigen superreichen Unternehmensbesitzer im Land. Damit nicht genug, das Lieblingsprojekt des Finanzministers ist im Koalitionsvertrag verankert und wartet auf die Umsetzung: die Abschaffung der Kapitalertragssteuer für Aktionäre und Anleger, kurz Aktien-KESt. Noch schieben die Grünen die Abschaffung hinaus. Doch wie lange noch?

Nächstes Steuergeschenk

Wer bisher mit Aktien spekuliert und diese mit Gewinn verkauft hat, musste das Einkommen daraus versteuern. Der Steuersatz auf Kapitalerträge aus Wertpapieren liegt bei 27,5 Prozent und zwar unabhängig von der Höhe des Aktien-Einkommens. Aber wer, wie die meisten im Land, jeden Tag arbeiten geht und so sein Geld verdienen muss, zahlt bis zu 43 Prozent Steuern. Der Vorstoß des Finanzministers würde nun bedeuten, dass Gewinne aus Aktien- und Anteilsverkäufen nach einer gewissen Behaltefrist, also wenn die Wertpapiere zumindest eine gewisse Zeit gehalten wurde, gänzlich steuerfrei wären. Verkauft also etwa Mark Mateschitz, der Sohn von RedBull-Gründer Didi Mateschitz, seine milliardenschweren Anteile an RedBull, bezahlt er keinen Cent mehr an Kapitalertragsteuer.

Geldanlage der Reichen

Ein Blick in die Daten zeigt: Personen mit geringem Einkommen besitzen de facto keine Aktien oder Fonds, unter den Besser- und Topverdiener:innen sind es deutlich mehr. Nur jeder Hundertste mit ganz wenig Vermögen besitzt Fonds mit Aktien oder Wertpapieren. Im Fünftel der Haushalte mit den höchsten Vermögen ist es jeder Vierte. Zugute kommt die Abschaffung der Aktien-KESt also überwiegend Menschen mit hohen Einkommen und hohem Vermögen. Dazu kommt, dass gerade die Portfolios von Vermögenden deutlich mehr wert sind und ihre realisierten Kursgewinne aus den Aktienverkäufen exponentiell höher liegen.

Schrumpfende Staatskasse

Geht es nach den Wünschen des Finanzministers, dürfen sich also Reiche über ein weiteres Steuergeschenk freuen. Das wird für uns alle wieder einmal teuer: 200 bis 300 Millionen Euro kostet es unsere Staatskasse pro Jahr, wird die Steuer auf Kapitalerträge aus Wertpapieren abgeschafft. Letztes Jahr sollen es sogar über 700 Millionen gewesen sein, weil der Aktienmarkt 2021 wie eine Blase künstlich aufgebläht wurde.

Falsche Richtung

Gäbe es die Steuer nicht, würde der Regierung dieses Geld in der Teuerungskrise fehlen, um es den Menschen zu geben, die nicht mehr wissen, wie sie ihre Wohnung heizen sollen. Doch nicht nur das. Die Einnahmen fehlen dem Staat auf Jahre hinaus in der Pflege, Bildung, beim Klima. Wollen wir die Herausforderungen der nächsten Jahre stemmen, sollte es in die andere Richtung gehen: Beiträge zum gemeinsamen Staatshaushalt aus Aktienspekulation sollten steigen, höhere Aktiengewinne sogar höher besteuert werden als nur mit 27,5 Prozent. Denn unsere Arbeit ist für die Gesellschaft viel nützlicher als Aktienspekulation. Sie erschafft unseren Wohlstand, bereichert die Gesellschaft. Und nicht nur das Privatvermögen Einzelner.


Marie Hasdenteufel, aus Karlsruhe stammend, hat es nach ihrem Studium der Wirtschaftswissenschaften in Frankfurt nach Wien verschlagen. Am Momentum Institut forscht sie zur Einkommens- und Vermögensverteilung sowie zum Arbeitsmarkt. In Wien hat sie den Master in Economics an der Wirtschaftsuniversität absolviert.

Update 20.12.2022, 13:54: Der Text wurde korrigiert. Im Beispiel zu RedBull wurde das Wort „Aktien“ zu „Anteilen“ verändert, weil Red Bull als Gesellschaft mit beschränkter Haftung und nicht als Aktiengesellschaft organisiert ist.

Titelbild: ZackZack

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22 Kommentare

  1. Die “Huren der Reichen” sind also wieder voll im Geschäft …. ich hoffe, dass das auch bei den anstehenden Landtagswahlen “honoriert” wird – es sollen jene die ÖVP wählen, die von den Steuergeschenken profitieren. Alle anderen nicht …..

  2. FM Brunner als Schutzpatron für Spekulanten!

    Das hat was von “Ehrlichkeit und geradliniger ÖVP Politik”!

    PR- Oberfuzzi Fleischmann wird das den naiven Trotteln von Wählern schon als unbedingt notwendig für den Wirtschsftsstandort Österreich verkaufen!

  3. Fairerweise sollten Kapitalgewinne einfach zum Einkommen gerechnet werden. Dann zahlt ein Investor halt 50% Einkommensteuer, so wie jeder andere, der entsprechend verdient. Die KeST wäre überflüssig und man nimmt der sprichwörtlichen Oma mit ihren 4000 € am Sparbuch nicht auch noch 10 € weg.

  4. Den Weg den die Övp-Grüne Regierung einschlägt ist natürlich Unsinn und Menschenverachtend.

    Eine sinnvolle Reformierung der KeSt im Bereich der Privatveranlagung wäre schon recht gut.(Senkung mit Deckelung / Veranlagung 1 Jahr+ / Harmonisierung auf EU Ebene) Pension hat die Generation Y und Abwärts nicht zu erwarten. Daher müssen andere Vorsorgemodelle geschaffen werden.

    Wenn man junge Menschen als Wähler erreichen will sollte man hier ansetzen bzw. bei leistbarem Wohneigentum.

    • eine sinnvolle reform wäre zb sämtliche einkommen dem gleichen steuersatz zu unterlegen.
      dh auch einkünfte aus kapitalvermögen müssten mit der normalen progessiven est besteuert werden.

      warum menschen die arbeiten bis zu 50 % lst bezahlen müssen,
      geld das arbeitet jedoch nur 27,5 % ist wirklich schwer verständlich.

      und jetzt bitte nicht die köst oder ähnliches versuchen gegen zu rechnen, weil sonst müssten wir auch gleich über fällige sv-beiträge, deren höchstbemessungsgrundlage und sämtliche anderen steuerprivilegien der besitzenden diskutieren.

      • Niemand zählt 50& keiner “nur” 27,5%-wenn die Inflation über dem Ertrag liegt, ist die Inflationssteuer de facto über 100%(ohne Spekulationsfrist…)!

    • Also ich glaube nicht, dass die Grünen Wohlstandsbürger ein Interesse daran haben, ihre Kapitalmarktgewinne zu versteuern. So viel “Anstand” haben die m.M.n. nicht.

      John Wick, wenn Sie mal ein interessantes Pensionssystem ansehen wollen, dann schauen Sie nach Neuseeland. Dass wir auch nur sowas Ähnliches in unserer Besitzstandsdiktatur bekommen könnten, glaube ich nicht. Die Besitzenden werden vermutlich alles tun, um nichts abgeben zu müssen. Traurig.

  5. Die Sozialisten klagen immer, dass ein Grossteil der Bevölkerung an den Unternehmenserfolgen nicht direkt teilhaben kann. Speziell in Konjunkturzeiten, wenn die Gewinne sprudeln. Dabei sorgen die Sozialisten selbst dafür, dass das gemeine Volk keine Unternehmensbeteiligungen hält, in dem diese steuerlich möglichst unattraktiv gemacht und von ihnen schlechtgeredet werden. Es läuft offensichtlich darauf hinaus, dass der einfache Bürger vom Sozialstaat abhängig gemacht bzw. abhängig bleiben soll. Ich für meinen Teil geniesse die mit dem Aktienbesitz einhergehende finanzielle Unabhängigkeit vom Staat und fühle mich damit mehr als Teil der Wirtschaft, denn als Teil der Sozialleistungsbezieher.

    • Die wirtschaftlich stärksten Jahre waren jene nach dem WK II bis 1980. Unternehmensgewinnen wurden bis zu 90%. Das ist der sichere Weg, dass das Geld auch reinvestiert wird. 90% von 700.000 tun weniger weh als 90% von 70 Millionen.

      Seither sind Gewinnsteuern massiv runtergefahren, das Hortgeld hat im selben Maße zugenommen, Akkumulation auf immer weniger mit immer mehr.

      Es is einfach Lüge, wenn behauptet wird, Unternehmer investieren dann. Nein, das tun sie nur dann, wenn ihnen die Steuerlast zu hoch ist. Ansonsten lassen sie sich Schiffe um 100e Millionen bauen, die dann unproduktiv in der Karibik rumstehen.

      • IInvestitionen erfolgen prinzipiell aus den versteuerten Erträgen. Erst durch die Abschreibung der Investition auf die betriebliche Nutzungsdauer entstehen steuerlich wirksame Kosten. Eine Möglichkeit Investitionen zu stimulieren wären auch, investierte Gewinne steuerfrei zu stellen bzw. Investitionsfreibeträge zu gewähren oder Investitionsprämien auszuzahlen, oder auch die Abschreibungsdauer zu verkürzen – wird teilweise eh schon gemacht.
        In der globalisierten Welt ist es jedoch schon ziemlich einfach geworden, auf Unternehmensstandorte mit günstigeren Steuern, besseren Investitionsförderungen und vor allem niedrigeren Lohnkosten auszuweichen. Die Sozialstaaten, die andauernd höhere Abgaben fordern, werden genau deshalb früher oder später auf dem Trockenen sitzen. Aber das erklär mal einem sozialistischen Politiker mit einem Wahrnehmungshorizont bis maximal zur nächsten Wahl.

  6. Die Einnahmen fehlen dem Staat auf Jahre hinaus in der Pflege, Bildung, beim Klima.
    Sorry- aber genau Pflege, Bildung: Warum hat man dann seit langem einen Lehrermangel, einen Pflegekräftemangel usw? Das bisher vorhandene Geld aus der Steuer fließt ganz wo anders hin!
    (in Wien z.B. weiterhin in PCR Tests)
    Und wo es noch hinfließt ist jedem bekannt!

    • die fehlen zusätzlich zu den über 4.000.000.000 Euro, die für die Coronatests versch… wurden und zu dem Zehnfachen davon, das den “genehmen” Unternehmen in der angeblichen Coronakrise in den Arsch geblasen wurde.

  7. Naja, solange die SPÖ da nicht mit vernünftigen Lösungen dagegen arbeitet und sich fürchtete von einer Eintagsfliege angehustet zu werden, wird die FPÖ zurecht im Aufwind davon fliegen. Die gutmeinenden Woken und Bessermenschen mitsamt Pam-Joy können sich schon mal auf die 1920er einstellen.

  8. Eigentlich geht es um die Wiedereinführung der Spekulationsfrist;
    Derzeit wird der facto die Inflation besteuert-als “Einkommen”!
    Und die 27,5 gelten ab dem 1.€ Schonvermögen, Freibetrag für “kleine Sparer” gibt’s nur in Deutschland,GB,CS….

  9. Wenn unserem Finanzminster bestimmte Menschen in diesem Land nicht mehr gewogen wären, wäre alles wohl sehr rasch und endgültig vorbei…

  10. er hat betriebswirtschaftslehre und rechtswissenschaften studiert. als ehemaliger trainee in der industriellenvereinigung und politischer direktor des ÖVP-wirtschaftsbundes ist sein strikt wirtschafts- und industriefreundlicher kurs mehr als erwartbar.

    die rede ist von unserem finanzminister magnus brunner. immer adrett gekleidet, freundlich lächelnd und wohlformulierend.

    brunner nennt die frage nach vermögensbezogenen steuern eine „phantomdiskussion“ und hält die dimension erwartbarer erträge für „bescheiden“.

    er hält diese beträge offensichtlich für so bescheiden, dass er sie in zukunft noch bescheidener gestalten möchte. er plant die abschaffung der kapitalertragssteuer (KESt) auf wertpapiere. eine alte forderung der finanzindustrie. dabei geht’s so ungefähr um durchschnittlich 200 bis 300 millionen euro pro jahr (im jahr 2021 waren es allerdings über 700 mio) an steuersenkung für aktienbesitzer.

    https://www.hagerhard.at/echt-rot/2022/10/der-wolf-im-schafspelz/

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