Montag, Juli 22, 2024

Aufwachen: Nie wieder Inhalt!

Der Journalismus der Oligarchie führt zur Bildung eines Protestlagers, meint unser Kolumnist Daniel Wisser.

Wien, 14. Jänner 2023 | Ein KI-Writer, also eine Software, die behauptet mittels künstlicher Intelligenz Texte verfassen zu können, wirbt mit dem Slogan: Never write content again! Verführerisch für einen Schriftsteller: Ich werde nicht arbeitslos, muss aber nie wieder arbeiten. Sofort besorge ich das Ding. Es schreibt zum Beispiel: KI-Schreibassistenten können die Effizienz eines Texters steigern, indem sie ihn bei der Erstellung von Inhalten oder der Beseitigung von Schreibblockaden unterstützen.

Betrachtet man die sogenannten »wissenschaftlichen« Arbeiten von Christine Aschbacher und Karl Nehammer, dann ist von einer Schreibblockade keine Spur. Ebenso findet man keine Wissenschaft darin. Man sieht sofort, dass ihnen diese Arbeit völlig egal war. Sie wollten einen Abschluss und einen Titel. Damit diskreditieren sie wissenschaftliches Arbeiten und alle, die ernsthaft wissenschaftlich arbeiten.

Etwas Gutes finden, wo nichts Gutes ist

Im Journalismus ist es nicht anders. Journalist*innen geraten heute stark unter Druck. Medienhäuser geraten unter Druck und geben ihn an die Journalist*innen weiter, statt sie zu schützen. Journalist*innen müssen, wenn sie einen SPÖ-Politiker in einer Länge von 163 Zeichen zitiert haben, auch einen ÖVP-Politiker in einer Länge von mindestens 163 Zeichen zitieren, sonst läutet das Telefon beim Chefredakteur. Beständig müssen sie etwas Gutes finden, wo nichts Gutes ist, um ausgewogen zu erscheinen. Beständig müssen sie über Dinge schreiben, die aufregen, Kontroversen anzetteln, viele Postings und damit Werbung bringen.

Dennoch braucht guter Journalismus nicht nur ein Thema, sondern auch eine dialektische Auseinandersetzung damit. Und: Journalist*innen müssen den Mut haben, die Wahrheit zu sagen. Dadurch werden sie angreifbar. Dafür werden sie – mitunter auch unfair – attackiert. Ihre Haltung ist eine Form von Verzicht. Wer Boulevardjournalist*innen, die es mit weniger Arbeit zu mehr Geld und größerer Bekanntheit bringen, ihren Status neidet, ist auf dem falschen Weg. Denn Boulevardjournalist*innen diskreditieren den Journalismus, indem sie Auftragsschreiberei betreiben. In der Schriftstellerei ist es nicht anders. Ernsthaften Schriftsteller*innen geht es um die Sache. Ihre Kraft kommt aus der Begeisterung für das, was sie tun, und aus ihrer Beharrung auf dem, was sie tun.

Auslagerung des Inhalts

Allzu sehr hat man leider das Gefühl, das viele Journalist*innen diese Kraft nicht aufbringen. Wenn Oscar Bronner dieser Tage darüber spricht, was seine Ideen bei der Gründung von profil und Der Standard waren, wird einem schmerzhaft bewusst, dass wir schon bessere Zeiten erlebt haben. Ja, profil und Standard waren ein Segen! Ende der Achtziger atmete Österreich auf: Da wurden viele SPÖ-Skandale aufgedeckt, da widmete man sich anlässlich der Wahl Kurt Waldheims endlich der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit, da gab es zum ersten Mal Medien, in denen konservative, progressive und liberale Autoren nebeneinander publizierten. Doch das war vor 30 Jahren!

Spätestens die Ära Kurz setzte dieser Liberalisierung ein jähes Ende. In der Privatisierungswelle der Achtziger- und Neunzigerjahre wurden Banken privatisiert; allerdings hauptsächlich rote Banken. Die schwarzen Banken blieben. Auf ähnliche Weise gab die Sozialdemokratie ihre Medien auf, die ÖVP nicht. Als Sebastian Kurz begann, sich die Chefredaktionen gefügig zu machen, hatte er leichtes Spiel. Ein paar Medien musste umgedreht werden; das ging mit offenen und verdeckten Geldflüssen. Und schon waren die Politikseiten fast aller Blätter an die ÖVP ausgelagert. Man musste sich nicht mehr um den Inhalt kümmern. Never write content again!

Irgendwo zwischen Salomon-Kurier und Fellners Österreich

Bei mir schrillen die Alarmglocken, wenn ich das Gefühl habe, dass diese Auslagerung nun auch Qualitätsmedien betrifft. Beim allzu bereitwilligen Aufgreifen des sogenannten Asylthemas und zum Teil fragwürdigen Artikeln darüber wurde mir immer schon mulmig. Am 11. Jänner 2023 aber las ich András Szigetvaris Die Erfolge der ÖVP im Standard. Hier ist die Auslagerung schon erfolgt. Nicht künstliche Intelligenz, sondern die natürliche Intelligenz der ÖVP-Zentrale muss diesen Artikel generiert haben.

Den Thesen dieses sogenannten Kommentars wird keine einzige Antithese entgegengestellt. Zum Höhepunkt kommt Szigetvari mit: »Aber die Volkspartei zeigt ihren Kerngruppen gerade auf eindrucksvolle Art und Weise auf, warum sie gut damit fahren, wenn die ÖVP in der Regierung sitzt. Das wird bei der Mobilisierung im Wahljahr nützen.« Das ist Werbung! Hier befinden wir uns irgendwo zwischen Salomon-Kurier und Fellners Österreich.

Propaganda statt Journalismus

Ein solcher Artikel ist nicht nur des Standard unwürdig, er ist des Journalismus unwürdig. Um die Wahlwerbung und den selbstverfassten Erfolgsbilanzen einer Partei abzuschreiben, brauche ich keinen Journalisten, ja nicht einmal einen KI-Writer. Ähnlich ergeht es mir bei manchen Medien, die wie der FALTER dieser Tage in höchster Quantität SPÖ-Bashing betreiben und das alleine schon für Berichterstattung halten. Sie fühlen sich dabei vielleicht einer der beiden Regierungsparteien verpflichtet. Nun, dass die Regierung die Opposition nicht mag, beruhigt mich eigentlich. Es zeigt, dass zumindest der demokratische Wettbewerb funktioniert.

Worüber sich Medien bei einseitiger Berichterstattung allerdings im Klaren sein müssen: Sie vergraulen damit nicht den politischen Gegner, sondern die treue Leserschaft, die ernsthafte und kritische Berichterstattung haben will. Gegen diese Erosion des Journalismus zugunsten von Propaganda braucht es Protest: Und da darf sich dann niemand wundern, dass Progressive und Rechte sind in dieser Angelegenheit zusammenfinden, wenn es keine andere Chance mehr gibt.

Der große Irrtum

Das ist ja schließlich auch der große Irrtum beim ORF, wo ÖVP-Wahlkämpfende wie Vera Rußwurm oder bei politischen Veranstaltungen Auftretende wie Claudia Reiterer eigene Sendungen haben, während man Redakteur*innen verbieten will, persönliche politische Ansichten zu äußern: Mit der Umwandlung in einen Regierungsfunk treibt man progressiv Denkende, die bisher mehrheitlich für die GIS und für ein öffentlich-rechtliches Medium waren, langsam aber sicher in das Lager der GIS-Gegner, das ursprünglich ein rechtes Lager ist.

Und es seien auch die Medieninhaber davor gewarnt, zu jubilieren, wenn sie zu einem Großteil von der Regierung abhängig sind. Wie viel traditionelle Medien der Regierung wert sind, hat sie gerade an der Wiener Zeitung demonstriert: nämlich gar nichts.

Titelbild: ZackZack/Miriam Mone

Autor

  • Daniel Wisser

    Daniel Wisser ist preisgekrönter Autor von Romanen und Kurzgeschichten. Scharf und genau beschreibt er, wie ein Land das Gleichgewicht verliert.

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