Sonntag, April 21, 2024

Monster der Vergangenheit – Skylla & Charybdis

Vertreter einer Partei, die die Menschenrechte in Frage stellt, die geschaffen wurden, um einen neuen Holocaust zu verhindern, erdreisten sich beim Holocaustgedenken mitzumachen.

Julya Rabinowich

Wien, 28. Jänner 2023 | Jedes Jahr bricht am 27. Jänner eine Welle der Solidarität los, der hashtag #niemalsvergessen wird zum Trend, man hält mit ernst-traurigem Gesichtsausdruck Plakate in die Höhe, das Fotografieren an einschlägigen Orten  verzeichnet eine heftigem Anstieg. Es werden Gedenkveranstaltungen abgehalten, es werden Reden vorgetragen, Blumen abgelegt, es wird versprochen, dass niemals wieder. Es regnet schwarzweiße, herzzerreißende Bilder und Videos.

Die letzten Zeitzeugen sind – wie jedes Jahr – erneut bereit, ihr Wissen weiterzugeben und zu warnen. Durch schmerzliche Erinnerungen zu gehen. Sie sind sehr gefragte Fotomotive während dieser Tage. Sehr gefragt sind auch Selfies mit ihnen.

Braune Westen weiß waschen

Auch offen rechtsrechte Parteien werden an solchen Tagen nicht müde, sich zu beteiligen und zu beteuern. Es ist ihre Art, die braune Weste wieder weißzuwaschen. Ein aus dem Internet geladenes Foto, ein hochgehaltenes Plakat, ein Selfie: das kostet nicht viel, wenn auch es in dieser Reihenfolge schwieriger zu gestalten ist.

Vertreter einer Partei, deren Vorsitzender die Allgemeingültigkeit der Menschenrechte in Frage stellt, die in Folge des Holocaust erst geschaffen wurden, um einen neuen Holocaust zu verhindern, erdreisten sich dazu, mitzumachen beim Holocaustgedenken. Das ist eine nahtlose Fortsetzung des Bestrebens, wie bei der türkisblauen Koalition unbedingt bei Gedenkfeiern in der ersten Reihe zu stehen – auch wenn Überlebende und ihre Angehörigen sich weigerten, in einem solchen Fall an der Veranstaltung teilzunehmen.

Ein weiterer unschöner Aspekt: In Deutschland fanden Veranstalter offenbar kein passenderes Datum, als ausgerechnet am 27. Jänner gegen Israel zu demonstrieren. Viele waren es nicht, die dabei mitmachen wollten.  Aber dennoch: ein gewisses Zeichen. Man könnte schwören, dass ungefähr 363 Tage im Jahr besser geeignet dafür gewesen wären, um nicht als Holocaustrelativierer dazustehen, aber was weiß man.

Übergriffe und Schändungen

Apropos Dastehen: Bei der Rede des Bundespräsidenten blieben die blauen Abgeordneten verdächtig still, als es um autoritäre Tendenzen ging. Und ist die Brandung der konkreten Tage abgeflaut, wird sich kaum jemand noch darum reißen, zu diesem Thema lautstark zu werden. Antisemitische Übergriffe steigen. Gedenkorte, Friedhöfe werden geschändet. Die Idee hinter dem „Nie wieder“ wird angezweifelt – nicht nur von rechtsextremen Parteien.

Man will verwässern, verändern, man übt sich erneut im Entmenschlichen, man zündelt ein wenig und gießt Öl dazu. Manchmal aus politischem Kalkül, manchmal aus Dummheit, manchmal aus tiefsitzender Überzeugung. Die Monster der Vergangenheit haben Zeitmaschinen. Auch das sollte man niemals vergessen.

Titelbild: ZackZack/Miriam Mone

Julya Rabinowich
Julya Rabinowich
Julya Rabinowich ist eine der bedeutendsten österreichischen Autorinnen. Bei uns blickt sie in die Abgründe der Republik.
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34 Kommentare

  1. Kann mir irgendwer erklären, warum man Demonstrationen gegen Israel hier erwähnt. Das hat mit diesem Thema absolut nichts zu tun.
    Israel ist ein Unrechtsstaat, der seinen Nachbarstaat widerrrechtlich annektiert hat und die Menschen dort undemokratisch und widerrechtlich drangsaliert. Israel macht genau das, woran wir an diesem Tag mit Abscheu gedenken.
    Ich verstehe nicht, warum es Menschen gibt, die dieses Land unterstützen. Gerade all jene, die das Gräuel der Nationalsozialisten verabscheuen, sollten doch hier mit gleichem Maß messen.

    • “Israel macht genau das, woran wir an diesem Tag mit Abscheu gedenken.” Genau hier ist Ihre Aussage falsch und stellt eine Verharmlosung der Greuel des nationalsozialistischen Terrors dar.

      • Nun soweit ist Israel nicht von den Nationalsozialisten entfernt. Man braucht ja nur die täglichen Gräuelnachrichten ansehen. Israel entwickelt sich zu einem faschistischen Gottesstaat, eine Entwicklung, die man bei anderen Staaten völlig zu Recht kritisiert und mit Sanktionen bekämpft.

  2. ‘Wer nicht bereit ist aus der Vergangenheit lernen zu wollen, ist dazu verdammt sie zu wiederholen.’

    Ist auch den Versäumnissen geschuldet die uns eine arrogante Politik einerseits und andererseits eine doch recht sorglose und selbstzufriedene Bevölkerung (die Bevölkerung macht es sich ohne Zweifel auf der Grundlage ausgsackelt und unterdrückt zu werden viel zu bequem und einfach und weil die Bevölkerung die Hosen vor etwas Neuem, etwas was uns nicht ständig das bereits durchlebte wieder und wieder aufs Neue durchleben lässt, gstrichen voll hat, fehlt eine evolutionäre Alternative) eingebrockt haben.
    Pech ghabt, is so, jetzt miass ma da durch, durch die Scheiße …

    #wirkriegennurwaswirverdienen

  3. Für Samui und hagerhard:
    RÜCKBLICK
    Historikerberichte von SPÖ und ÖVP: Braune Spuren auf rot-schwarzem Gewand
    Nicht nur in der FPÖ dockten nach dem Zweiten Weltkrieg ehemalige Nazis an. Die ersten Historikerberichte gab es erst viel später – den Anfang machte die SPÖ
    (Quelle: Standard)

      • Das weiß er doch eh. Was glauben sie warum er versucht die anderen Parteien anzupatzen? Weil er glaubt die Bräune der FPÖ würde dadurch weniger auffallen.

    • Ja, nur sind bei der SPÖ und der ÖVP die “ehemaligen” ausgestorben und bei der FPÖ feiern sie fröhliche Wiederauferstehung. Tja hilft alles nichts, die FPÖ ist braun bis ins Mark, da können sie Dreck auf die anderen Parteien werfen so viel sie wollen.

  4. Und laut ÖRR in Deutschland hat die Rote Armee Fraktion Ausschwitz befreit!
    (Übrigens sagte dies die Frau des Herrn Lindner FDP)

    • Mag schon sein, die FPÖ in Österreich ist trotzdem eine rechtsradikale populistische Partei die Hetze betreibt.

  5. Natürlich ist es ein Skandal u ein schweres Vergehen, allein schon wenn man die Menschenrechte in Frage stellt.
    Noch wichtiger aber wäre es, wenn die Menschenrechte in Österreich wieder gelten u funktionieren würden.
    Als nur einem Beispiel von zahlreichen weiteren, darf ich dazu den Massnahmenvollzug wieder anführen, wo diese Menschenrechtsverletzungen über viele Jahre hinweg schon i Parlament bereits ganz klar festgestellt wurden.

    So gabe es zwischenzeitlich zwar dort Änderungen, aber wenn man genau hingeschaut hat, waren diese noch immer nicht zielführend. Damit aber ist ganz klar der Beweis der Wissentlichkeit erfüllt und müsste schon lange der Menschengerichtshof hier eingreifen bzw. eingegriffen haben.
    Aber auch dieser tolle Club für die Verbesserung d Rechtsstaats schweigt dazu weiter ohrenbetäubend, was dessen ohnehin schon schwer angekrazter Glaubwürdigkeit weiteren Schaden zufügt…

    Gerne würde ich hier aber d Gesichter dieser Menschen und deren Geschichte dazu hören

  6. Simon Wiesenthal
    Vergeßt uns nicht, und vergeßt unsere Mörder nicht. Wenn wir vergessen, dann wird es sich wiederholen. Wer die Völkermorde der Vergangenheit leugnet, legt den Weg frei für die Morde von morgen.

  7. Sollte ich jemals persönlich einen dieser Hetzer irgendwo bei einer derartigen Gedenkveranstaltung erwischen, dann werde ich den Spieß umdrehen und diesen Typen mehr als eindringlich erklären was es heißt, wenn man verfolgt wird und was die Menschenrechte für eine Bedeutung haben. Übrigens, auf Arte gibt es einige sehr interessante Dokus zum Gedenktag.

  8. Der niederträchtigste aller Schurken ist der Heuchler, der dafür sorgt, daß er in dem Augenblick, wo er sich am fiesesten benimmt, am tugendhaftesten auftritt.
    Marcus Tullius Cicero

  9. ¡No pasarán!✊
    „¡Viva el Frente Popular! ¡Viva la unión de todos los antifascistas! ¡Viva la República del pueblo! ¡Los fascistas no pasarán! ¡No pasarán!

    Dank an Julya Rabinowich für diesen Kommentar!

  10. Niemals vergessen……ein richtiger und guter Satz, wenn man sieht welchen Zuspruch Blaubraun in Österreich hat.
    @hagerhard hat es richtig geschrieben:
    ” es fing nicht mit Gaskammern an”…
    Erst der Zuspruch der Bevölkerung hat es den Nazis ermöglicht Gaskammern zu bauen.
    Ich bleib dabei: Wehret den Anfängen!

    • Zum Nachdenken. Letzte Sonntagsumfrage von Profil vom 21.1. sieht die FPÖ bei 28% und ÖVP bei 22%. Für mich persönlich ist die ÖVP vor allem seit Kurz nur mehr marginal besser als die FPÖ.

      ABER aktuell würden die beiden 50% bekommen. Keine Koalition ohne eine der beiden Parteien hätte die Mehrheit. So steht es aktuell um Ö. Ich bin fassungslos.

    • Bin voll bei Dir…. aber….Du setzt auf Intelligenz der Blauwähler?
      Da haben wir schon verloren.

      • Wir dürfen nicht vergessen, wieviele akademiker bei den nazis gerne mitmachten, mengele, etc
        Es begann schon damit, dass deutschnationalen studenten ihre jüdischen mitstudenten aus den unis warfen , vorhe haben sie sie noch verprügelt.
        Und die hetzschriften wurden auch nicht vom gemeinen volk verfasst.
        Auch der klumpfüßige hatte einen dr titel.

        • Es gibt sowas wie eine Grundintelligenz…..das kann man nicht unbedingt lernen.

        • darauf gibts nur eine – immergültige – antwort die von gerhard bronner stammt

          „es gibt drei dinge, die sich nicht vereinen lassen: intelligenz, anständigkeit und nationalsozialismus.
          man kann intelligent und nazi sein. dann ist man nicht anständig.
          man kann anständig und nazi sein. dann ist man nicht intelligent.
          und man kann anständig und intelligent sein. dann ist man kein nazi.“

          und damit das auch alle, die gemeint sind, auch wirklich verstehen übersetzt auch in meiner sprache:

          man muss schon ziemlich fetzendeppad oder besonders bösartig sein, um fpö zu wählen. in krassen fällen beides.

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