Dienstag, Juli 23, 2024

Wer wird der Erdoğan-Kontrahent?

Das Wahlbündnis der türkischen Opposition trifft sich am Donnerstag, um sich nach langen Verhandlungen auf einen gemeinsamen Präsidentschaftskandidaten zu einigen. Alle Augen richten sich auf den CHP-Parteivorsitzenden Kılıçdaroğlu.

Wien/Ankara | Das türkische oppositionelle Wahlbündnis „Millet İttifakı“ (Bündnis der Nation), auch bekannt als „Altılı Masa“ (Tisch der Sechs), wird am Donnerstag in Ankara auf Einladung der Saadet Partisi (Glückseligkeitspartei) zusammenkommen, um einen Kandidaten für die Präsidentschaftswahlen festzulegen. Es wird allgemein erwartet, dass der CHP-Parteivorsitzende Kemal Kılıçdaroğlu intern nominiert werden wird. Die öffentliche Bekanntmachung des Kandidaten steht aber noch nicht fest.

Kılıçdaroğlus Kandidatur ist noch nicht fix

Meral Akşener, die Vorsitzende der rechtsnationalen İyi Parti (Gute Partei), möchte immer noch alternative Kandidaten besprechen, wie etwa den Bürgermeister von Ankara Mansur Yavaş (ehemalig MHP, jetzt CHP) oder den Bürgermeister von İstanbul Ekrem İmamoğlu (CHP), dem wegen eines politisch motivierten Verfahrens ein Politikverbot droht.

HDP signalisiert Verzicht auf eigenen Kandidaten

Die drittgrößte Partei der Türkei HDP (Demokratische Partei der Völker) führt ein eigenes Wahlbündnis an, die „Allianz für Arbeit und Freiheit“. Die HDP hat signalisiert keinen eigenen Präsidentschaftskandidaten aufzustellen, außer für den Fall das Yavaş kandidieren sollte. Der populäre Yavaş ist nämlich durch seine Vergangenheit in der rechtsextremen MHP für viele Linke nicht wählbar.

Akşeners Blockade gegen Kılıçdaroğlu

Akşener (ehemalig MHP) versucht ihre anhaltenden Vorbehalte gegenüber Kılıçdaroğlu damit zu erklären, dass die graue Eminenz der CHP noch nie Wahlen gewonnen und keine Regierungserfahrung habe. Tatsächlich dürfte ein anderer Grund vorwiegen, den die faschistoide ehemalig erste Innenministerin nicht offen auszusprechen wagt: Kılıçdaroğlu ist nämlich Alevit und Kurde, was er nicht an die große Glocke hängt, da dies konservative sunnitische Wählerschaft verprellen könnte.

Kılıçdaroğlu stammt aus dem kurdisch geprägten Dersim/Tunceli. Tunceli ist eine mehrheitlich alevitische Provinz der Türkei. 1937/38 kam es zum Dersim-Aufstand, auch aufgrund der rassistischen Politik der Türkisierung, im Rahmen des Umsiedlungsgesetz (İskân Kanunu) von 1934. Bei diesem letzten großen Kurdenaufstand wurden schätzungsweise über 10.000 Menschen getötet, hauptsächlich Zaza, eine alevitisch kurdische Bevölkerungsgruppe. Eines der Adoptivkinder Atatürks, die „erste Kampfpilotin der Welt“, Sabiha Gökçen, nach der auch ein Flughafen in İstanbul benannt ist, flog damals während der Militäroperation Tunceli („Bronzene Faust“) gegen den Dersim-Aufstand ihre ersten Einsätze. Erst 2011 erkannte die türkische Regierung das Massaker an und gestand fast 14.000 Todesopfer ein.

Titelbild: ADEM ALTAN / AFP / picturedesk.com

Autor

  • Gabriel Hartmann

    Reporter für türkisch-österreichische Gschichten. Beobachtet die Entwicklungen und den Wahlkampf in der Türkei. Dil kılıçtan keskindir.

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