Sonntag, Juni 16, 2024

Türkei: Das sind die Gewinner des renommierten Journalismuspreises

Die Gewinner des türkischen, prestigereichen Metin-Göktepe-Journalismus-Preis stehen fest. Die Tageszeitung „Evrensel“ ehrt damit zum 26. Mal ihren getöteten Kollegen Göktepe.

Wien | Die Gewinner des diesjährigen Metin-Göktepe-Journalismus-Preises wurden bekannt gegeben. Der Preis wurde 1998 zum ersten Mal verliehen, um an den 1996 von Polizisten gelynchten “Evrensel” Reporter Metin Göktepe zu erinnern und andere Journalisten, die im Dienst ums Leben kamen, zu ehren. Die Jury möchte so junge Journalisten zu einer kritischen Berichterstattung ermutigen.

Der Preis wird in verschiedenen Kategorien verliehen und gehört zu den wichtigsten Auszeichnungen für kritischen Journalismus in der Türkei. Zu früheren Gewinnern zählen investigative Starjournalisten wie Nedim Şener, Ahmet Şık, sowie Can Dündar, Erdem Gül und Zehra Doğan.

Kategorie Print: “Die dunkle Welt hat ein Kind verschluckt”

Timur Soykan hat mit seinem am 3. Dezember 2022 in der Tageszeitung „BirGün“ veröffentlichten Artikel mit dem Titel “Die dunkle Welt hat ein Kind verschluckt” den diesjährigen Preis für Print gewonnen. Soykan deckte auf, dass Yusuf Ziya Gümüşel, der Gründer der Hiranur-Stiftung, die der İsmailağa-Sekte angehört, seine Tochter H.K.G. mit seinem 29-jährigen Schüler Kadir İstekli verheiratet hat, als sie sechs Jahre alt war, und dass H.K.G. seit ihrem sechsten Lebensjahr sexuell missbraucht wurde.

Kategorie Video: „Ohrfeige für Ferhat Encü, Behinderung von Journalisten”

Mehmet Zeki Kaya hat den Videopreis für seine Reportage gewonnen. Der Titel lautet „Ohrfeige für Ferhat Encü, Behinderung von Journalisten”, sie wurde auf “Artı TV” am 18. Dezember 2022 ausgestrahlt. In der Reportage ist zu sehen, dass ein Polizeibeamter den Istanbuler HDP-Vorsitzenden Ferhat Encü während einer Demonstration von Familien kranker Häftlinge geohrfeigt hat. Kaya, der den Vorfall gefilmt hatte, wurde festgenommen, die Polizei beschlagnahmte seine Kamera und versuchte das Filmmaterial zu löschen.

Kategorie Foto: „Wir sind auch gestorben, aber nicht begraben“

Uğur Şahin hat mit seinem Foto unter dem Titel “Wir sind auch gestorben, aber nicht begraben”, das am 18. Februar 2023 in “BirGün” veröffentlicht wurde, den diesjährigen Fotowettbewerb gewonnen. Das in Antakya aufgenommene Foto zeigt eine Momentaufnahme nach den Erdbeben vom 6. Februar, bei denen zehntausende Menschen starben und Millionen von Menschen betroffen waren.

Lokaljournalismus: Abdallar ( Angehörige der Volksgruppe Abdal)

Murat Güreş erhielt den Preis für Lokaljournalismus für seinen Artikel, der am 26. Februar 2023 in der Zeitung „Dersim“ veröffentlicht wurde, unter der Überschrift „Die Stimme aller wird gehört, aber nicht die eigene: Abdallar werden auch nach Erdbeben diskriminiert”. Der Artikel beschreibt den Kampf der Abdal, die in Parks behelfsmäßige Zelte aufstellen, um so unter schwierigen Bedingungen durchzukommen.

Jury-Sonderpreis für „Meth-Sackgasse”

In der Kategorie Videonachrichten verlieh die Jury den Sonderpreis der Jury an die Reportage mit dem Titel „Meth-Sackgasse” von dem Reporter Tunca Öğreten und den Kameramännern Murat Baykara und Ömer Çakan, die am 12. Januar 2023 auf dem Youtube-Kanal von “Voys Media” ausgestrahlt wurde. Die Reportage macht auf den weit verbreiteten Konsum von Methamphetamin (Meth) aufmerksam. Außerdem zeigt die Reportage, wie leicht und billig es zu bekommen ist, und deckt die Tatsache auf, dass die Substanz sogar in Therapiezentren verkauft wird.

Jury-Sonderpreis für verhaftete Journalisten

Die Jury beschloss in diesem Jahr zwei weitere Sonderpreise der Jury zu vergeben. Die Reporterinnen der Mezopotamya Agency und von Jin News, die letztes Jahr von willkürlichen Massenverhaftungen betroffen waren, haben einen Sonderpreis der Jury verliehen bekommen.

Die Jury beschloss außerdem der Journalisten zu gedenken, die bei dem Erdbeben ihr Leben verloren hatten, und einen Sonderpreis an den „İskenderun Ses“ Reporter Akın Bodur zu verleihen, der zu den bei dem Erdbeben verletzten Journalisten gehört. Bei dem Erdbeben vom 6. Februar kam auch Ayşe Figen Arlı, Eigentümerin und Gründerin der Zeitung „İskenderun Ses“ ums Leben.

Preisjury

Die Preise wurden von einer Jury bestehend aus den Journalisten Banu Tuna, Celal Başlangıç, Meltem Akyol, Hüseyin Aykol, Mustafa Kemal Erdemol, Nazım Alpman, Pelin Ünker, Semra Kardeşoğlu und Yücel Göktürk bestimmt. Die Preisträger erhalten ihre Auszeichnungen im Rahmen einer Zeremonie am 10. April 2023, dem Geburtstag von Metin Göktepe.

Die linke Arbeiterzeitung „Evrensel“ („Universell“) gilt als eines der letzten unabhängigen Medien der Türkei. Die Zeitung wird daher regelmäßig von staatlicher Seite gegängelt. So werden dem Medium systematisch existenzsichernde öffentliche Inserate wegen fadenscheiniger Gründe vorenthalten.

Titelbild: YASIN AKGUL / AFP / picturedesk.com

Autor

  • Gabriel Hartmann

    Reporter für türkisch-österreichische Gschichten. Beobachtet die Entwicklungen und den Wahlkampf in der Türkei. Dil kılıçtan keskindir.

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