Freitag, Juli 19, 2024

„Alle Journalisten sind korrupt.“

Es gibt einen Raum, in dem die Demokratie zu Hause ist: der „öffentliche Raum“. Dort treffen sich alle, die etwas zu sagen oder zu schreiben haben. Es gibt kaum einen EU-Staat, in dem der öffentliche Raum so verwahrlost ist wie bei uns.

Wien, 16. April 2023  Der traurige Zustand unseres öffentlichen Raums hat eine Vorgeschichte: Früher, als die Zeiten noch gut und nicht alt waren, gab es viele Zeitungen, die Geld verdienten, weil sie Hunderttausende gedruckte Exemplare und millionenteure Inserate verkauften. Die Verlage verdienten gut, manche waren sogar ein bisschen reich.

Dann folgten drei Schläge: Der Werbemarkt brach ein; die „neuen“ Medien begannen, die alten zu verdrängen; und der doppelte Angriff der russischen Armee und der Energiespekulanten trieb die Preise für Strom und Papier in unerträgliche Höhen.

Papiertiger

Der erste Angriff machte aus gesunden Verlagen Patienten, die plötzlich an Fördertröpfen hingen. Der zweite nimmt ihnen Lese- und damit Lebensraum. Der dritte zwingt erstmals Platzhirschen auf die Knie.

Die Platzhirschen sind Papiertiger. Seit Jahren wissen sie, dass sie aus der analogen Papierwelt raus und in die digitale Welt hinein müssen. Die ersten Kündigungswellen bei „Kurier“ und „Kleine Zeitung“ sind wahrscheinlich das Vorspiel zur Existenzkrise der österreichischen Medien. Fritz Hausjell von “Reporter ohne Grenzen” berichtet, dass gerade weitere 100 Kündigungen bei der “Wiener Zeitung” dazukommen.

Von der New York Times bis zu Spiegel und Handelsblatt haben einige Medien die digitale Transformation geschafft. Andere stehen mitten in dem Überlebenskampf, an dessen Ende es wenige Überlebende geben wird. Wie es heute aussieht, wird kaum ein Medium in Österreich zur Gruppe der digitalen Gewinner gehören. Aber in Österreich droht nicht nur der Untergang einiger Zeitungen, sondern der Zerfall des öffentlichen Raums.

„Alle korrupt“

Das hat zwei Gründe. Der erste heißt „Korruption“. Wie über politische Parteien davor spricht sich jetzt auch über Medien herum, dass sie käuflich sind. Von Wien bis in die Bundesländer gibt ein käuflicher Boulevard die Richtung an. Wer zahlt, wird hochgeschrieben, wer am meisten zahlt, schwimmt ganz nach oben, dorthin, wo die Inseratentöpfe warten.

Wenn dann wieder eine Grasser- oder Kurz-Blase platzt, schlüpfen Herausgeber und Chefredakteure in ihre Paraderolle: die Überraschten. Nie hätten sie sich das gedacht, was sie alle längst hätten sehen und riechen können. Die Methoden von Grasser und Kurz waren schon in der Zeit ihres Aufstiegs kein großes Geheimnis. Aber wenn die Nasen mit Inseraten verstopft sind, leidet der journalistische Geruchssinn, so einfach ist das.

Jetzt, nach den Chats von Fellner, Dichand, Salomon, Grasl, Nowak, Budin und vielen anderen, wächst eine neue Überzeugung: Nicht nur die Politiker, auch die Journalisten sind korrupt. Wie in allen Volksmeinungen gibt es keine Unterscheidung. Das Urteil gilt für alle.

Von „Kurier“ zu Breitbart

Das führt zum zweiten Grund. Wenn man korrupten Politikern und korrupten Journalisten nicht mehr glaubt, dann holt man sich seine Informationen aus anderen, „alternativen“ Quellen. Wenn der öffentliche Raum schäbig wird, wandert das Publikum ab, immer öfter in die Echokammern der Alpen-Breitbärte in „Exxpress“ oder anderen Fake-Plattformen.

Trump-Propagandist Steve Bannon hat das Rezept beschrieben: „Flood the zone with shit“. Genau das ist passiert. Jahrzehntelang sind über Regierungsinserate und Presseförderungen Hunderte Millionen Steuergelder in die Produktion von „Shit“ gepumpt worden. 700.000 Euro für „Exxpress“ und Millionen für „oe24“ waren es erst kürzlich unter Türkis-Grün. Jetzt sind mit den Schmid-Chats die ersten Shitrohre geplatzt, und es stinkt.

Aber was passiert? Aufarbeitung? Rücktritte? Nichts. Ein „Kurier“-Geschäftsführer jammert über teures Papier und verliert kein Wort darüber, dass der Umbau der alten Qualitätszeitung zu einem Instrument der Regierungspropaganda den Kern der eigenen Marke irreparabel beschädigt hat.

Stützmauern

Wie soll es weitergehen? Spitzen der siechenden Branche glauben nach wie vor, dass sie es sich mit der Politik richten können. Ein Beispiel: Das hochwertige Digital-Angebot von „orf.at“ soll drastisch eingeschränkt werden. Wenn es die ORF-Nachrichten nicht mehr gratis im Netz gibt, hofft man, dass die Konsumenten Digital-Abos der Tageszeitungen kaufen. Aber ein anderes Resultat scheint wahrscheinlicher: Wenn es „orf.at“ nicht mehr gibt, werden andere, „alternative“ gratis-Angebote im Netz genützt. Damit verschwindet ein weiteres seriöses Massenmedium und damit eine weitere Stützmauer des öffentlichen Raums.

Mit dem öffentlichen Raum ist ein ganzes System in Gefahr. Bisher hat dieser Raum garantiert, dass es einen Ort gibt, an dem Menschen über dasselbe reden, streiten und sich Meinungen bilden. Im öffentlichen Raum gelten Regeln wie die Verpflichtung, nur über Tatsachen zu berichten und sie penibel zu überprüfen. Wenn sich alle auf die saubere Produktion von Nachrichten verlassen können, entsteht das Grundvertrauen, auf dem Debatten und Auseinandersetzungen zu politischen Lösungen führen können.

Wenn es das nicht mehr gibt, zerfällt mit dem öffentlichen Raum die Demokratie. Dann ist der Weg für das Regime, das Sebastian Kurz anstrebte und Herbert Kickl schaffen könnte, frei.

ZackZack

Dieser Befund war für uns der Hauptgrund, vor vier Jahren „ZackZack“ zu gründen. Wir wollten zeigen, dass ein „anständiger“ digitaler Boulevard möglich ist: ausschließlich den Tatsachen und einer klaren Haltung verpflichtet. In den knapp vier Jahren haben wir gezeigt, dass das geht: mit weit über 200.000 Leserinnen im Monat und mit einem Anteil von fast 30 Prozent, die als politische Präferenz „FPÖ“ angeben. Am Boulevard erreicht man Protestwähler, Menschen, die unzufrieden sind und das Vertrauen in traditionelle Parteien und Medien verloren haben.

Ich bin nach wie vor dafür, um diese Menschen zu kämpfen. Wenn das daran scheitert, dass von ÖVP und Grünen „Exxpress“ statt ZackZack gefördert wird, und wenn uns nach vier spannenden Jahren das Geld zum Weitermachen fehlt, dann ist das schade.

Bis Ende Juni haben wir noch Zeit.

Autor

  • Peter Pilz

    Peter Pilz ist Herausgeber von ZackZack.

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