Sonntag, Mai 19, 2024

Ausgerechnet: Armut und Bildung werden in Österreich vererbt

Im reichen Österreich gibt es immer noch Kinderarmut. Die Zahlen sprechen für sich: Jedes fünfte Kind in Österreich ist armutsgefährdet. Das Paket der Regierung ist ein kleiner Schritt, es fehlt noch so einiges, meint Sophie Achleitner vom Momentum Institut.

Wien | Dass es in einem reichen Land wie Österreich nach wie vor Kinderarmut gibt, davor verschließen so manche ihre Augen. Man wisse von keinem Kind, das in Österreich hungern muss. Ein Blick auf die Zahlen und die unangenehme Realität lässt sich nicht länger leugnen: Jedes fünfte Kind in Österreich ist armutsgefährdet. Armutsgefährdet sind sie deshalb, da sie in einem armutsgefährdeten Haushalt leben, weil also ihre Eltern oder Erziehungsberechtigten schon arm sind oder ein Armutsrisiko besteht. 

Das von der Bundesregierung kürzlich geschnürte Paket zur Bekämpfung von Kinderarmut soll nun hunderttausende Menschen im Land mit zusätzlich 60 Euro im Monat unterstützen – pro Kind, teilweise auch pro Erwachsenen in der Familie. Für alle Leute mit wenig Geld zählt zwar jeder Euro. Müssen sie doch in Zeiten der Teuerung jeden Euro zwei- oder gar dreimal umdrehen, bevor sie sich trauen, ihn auszugeben. Sechzig davon sind also nicht nichts. Doch Alleinerzieher:innen mit wenig Geld müssen alleine durch die Teuerung dieses Jahr 180 Euro im Jahr mehr ausgeben, um ihren bescheidenen Lebensstandard zu halten.

Die zusätzlichen 60 Euro monatlich werden also nicht ausreichen, um die Armut in Österreich zu beenden. 2022 waren rund 1,3 Millionen Menschen armutsgefährdet. Tatsächlich hebt das Paket nur rund 54.000 Menschen über die Armutsgefährdungsschwelle. Nur jedes neunte Kind, das in einer armutsgefährdeten Familie mit sehr wenig Geld aufwachsen muss, wird damit aus der Armut entkommen.

Und wie schafft es der Rest aus der Armut? Die Chancen stehen gut, dass ihnen erzählt wird, sie können alles schaffen, solange sie auch hart genug dafür arbeiten. So erzählte der Bundeskanzler in seiner Rede zur Nation stolz, dass ‘Arbeit vor Armut schützt’. So umfassend hält diese Aussage in Österreich nicht: Knapp 330.000 Menschen leben trotz ihres bezahlten Arbeitsplatzes unter der Armutsgefährdungsschwelle, die in Österreich bei knapp 1.400 Euro netto pro Monat für eine alleinstehende Person liegt. Aber selbst wenn Arbeit immer vor Armut schützen würde, gibt es immer noch Menschen, die keiner Erwerbsarbeit nachgehen können oder dürfen – Kinder zum Beispiel. 

Was der Status der Eltern bedeutet

Für Kinder und Jugendliche lautet die Botschaft stattdessen: „Mit einer (Aus-)Bildung in Österreich kannst du den sozialen Aufstieg schaffen, wenn du dich nur anstrengst“. Und tatsächlich gibt es vereinzelt Leute, bei denen das geklappt hat. Nur: Statistisch besonders wahrscheinlich ist es nicht. Im Gegenteil. Wer als Kind liebender Eltern geboren wird, die aber keine gute Ausbildung genießen durften, der bleibt auch dort, schafft es mit großer Wahrscheinlichkeit nie nach ganz oben. 

Dass die „Aufstiegs-Erzählung“ falsch ist, lässt sich auch mit Zahlen belegen. Welcher Bildungsgrad einmal erreicht und welches Einkommen später erzielt wird, bestimmt in Österreich die soziale Herkunft und Bildung der Eltern. Kinder starten mit ungleichen finanziellen und sozialen Voraussetzungen in die Schule. Die Einkommensunterschiede der Eltern auszugleichen, darauf ist das österreichische Schulsystem aber nicht ausgelegt. Die Statistik Austria zeigt in ihrer Publikation “Bildung in Zahlen” weiters: Fast die Hälfte der AHS-Schüler:innen haben Eltern mit einer Hochschulbildung. In einer Neuen Mittelschule (NMS) sind es nur 13 Prozent, in Berufsschulen liegt der Eltern-Akademiker:innenanteil sogar nur bei etwa 7 Prozent. Umgekehrt haben nur 6 Prozent der Eltern von Kindern in der AHS maximal die Pflichtschule abgeschlossen. Auch wer studiert hängt von der Bildung der Eltern ab. Mehr als ein Viertel der neuzugelassenen Studierenden an öffentlichen Universitäten haben hochschulgebildete Eltern. Umgekehrt sind es nur 3 von 100 Studierenden, deren Eltern maximal einen Pflichtschulabschluss haben.

Die Ergebnisse der Statistik Austria zeigen auch: Bildung ermöglicht Chancen am Arbeitsmarkt und kann das Risiko der Armutsgefährdung reduzieren. Personen mit maximal Pflichtschulabschluss haben ein höheres Risiko erwerbsarbeitslos zu sein, der Einstieg in den Arbeitsmarkt dauert länger und sie sind stärker gefährdet in Armut abzurutschen. Dieses Risiko sinkt mit einem höheren Bildungsabschluss.

Mehr Chancengerechtigkeit durch eine Gesamtschule

Eine Gesamtschule bzw. eine längere gemeinsame Schulzeit ist eine Lösung, um der Bildungsvererbung entgegenzuwirken. Das österreichische Schulsystem ist enorm differenziert. Bereits im Alter von 10 Jahren müssen sich Kinder für eine weitere Schulform entscheiden. Im „Eliteprogramm Gymnasium“ sind vor allem Kinder ohne Migrationsgeschichte, mit deutscher Umgangssprache und mit hochschulgebildeten Eltern unter sich. Das bestimmt auch den zukünftigen Bildungsweg: Von 100 Akademiker:innen-Kindern werden einmal 81 die Matura machen, 67 von ihnen beginnen später ein Bachelorstudium. 

In anderen Ländern dauert die gemeinsame Schulzeit deutlich länger. Den sozialen Aufstieg zu schaffen, einen höheren Bildungsabschluss als die Eltern zu erreichen und dadurch weniger häufig armutsgefährdet zu sein bzw. höhere Einkommen zu erzielen – all das ist wesentlich einfacher in den anderen Ländern. Das österreichische Bildungswesen kann diese Chancengerechtigkeit nur äußerst begrenzt bieten – der Kontostand der Eltern und ihr sozialer Status bestimmen nach wie vor die Zukunft ihrer Kinder in Österreich. 

Sophie Achleitner ist die Gender- und Bildungsexpertin am Momentum Institut. Sie absolvierte nach dem Bachelorstudium der Volkswirtschaftslehre an der WU Wien ihren Master in Policy Economics in den Niederlanden.

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3 Kommentare

  1. Was im Artikel beschrieben wird, ist weltweit so. Und es ist seit langem nicht nur bekannt, sondern seit den frühen Arbeiten von Bourdieu und Passeron auch wissenschaftlich belegt worden. Das ist jetzt schon ca 60 Jahre her.

    • Der Artikel bezieht sich ganz ausdrücklich auf Österreich sowie Bourdieu seinerzeit auf Frankreich. Diese Ihre Behauptung, daß das im Artikel beschriebene weltweit so sei, und die der Relativierung des festgestellten dienen soll, ist daher nicht belegt und ebenso wenig nachvollziehbar.

  2. Dieser Beitrag bestätigt meiner Meinung nach das totale Versagen der SPÖ als sozial hauptverantwortliche Partei in diesem Land die letzten 30 Jahre über.

    Wenn man als Soziale Partei in unserem Land diese fundamentale Verantwortung trägt und nicht kundtut, dass man nun dieser Verantwortung nicht mehr zu 100 Prozent nachkommen will und wird, sondern auch noch das totale Gegenteil verkündet, dann trägt man eine massive Verantwortung für Vieles was in diesen 30 Jahren deshalb passiert ist und vermutlich auch für viele Zerwürfnisse bis hin zu Menschenleben und vor allem Kinderschädigungen.

    Diese nicht aufgearbeitete Verantwortung ist meiner Meinung nach wenn sie einmal aufgearbeitet werden wird, kaum noch von einer Partei zu tragen und hat mächtige auch historische Bedeutung und vermutlich kaum mehr vorstellbare Schädigungen an unseren Einwohnern ebenfalls mitzuveranworten!

    Der erste soziale Kanzler in unserem Land der diese neue poltische Vorgangsweise und Veränderung ganz bewußt begonnen und eingeleitete hat, wird noch immer als ein ganz großer Sozialist gesehen. Leider kann ich das nicht!

    Da die FPÖ hier aber nicht zu 100 Prozent in diese Lücke getreten ist, sondern nur teilweise diesen Vorgang für sich ausgenutzt hat wurde diese damit mitverantwortlich!
    Noch stärker würde ich hier die Grünen sehen, welche auch noch selber aktuell in Regierungsverantwortung kamen, in dieser Lückenverantwortung sehen, zumal sie aktuell am Abschlachtvorgang unsere letzten sozialen Standards auch noch massgeblich beteiligt sind und vermutlich auch noch wegen der Coronaunzulänglichkeiten bald mächtig zur Verantwortung gezogen werden

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