Freitag, Juli 19, 2024

Die echten Wirtschaftsfeinde

Robert Misik erklärt in seiner wöchentlichen Kolumne, warum sich Unternehmen eigentlich konsequent gegen ÖVP und FPÖ stellen müssten.

Alle meinten, den „Barbie“-Film müsse man gesehen haben, also ging ich in den Ferien in einer norddeutschen Kleinstadt ins Blockbuster-Kino. Der „Barbie“-Film war nicht uninteressant, aber spannender war die Werbung davor. Früher verbreitete beispielsweise die Rumwerbung gute Laune, das berühmte „Bacardi-Feeling“ (coole Musik, Segeljacht, Ozean…), gewohnt ist man mittlerweile auch, dass lokale Dienstleister ihr Service oder ihre Produkte anpreisen. Doch diesmal war alles anders.

Drei große Firmen wollten nichts verkaufen, sondern die Kinogänger anwerben: Kommen sie zu uns, wir brauchen dringend Leute, bei uns können sie Karriere machen, ihre Fertigkeiten verbessern und ein lässiges Team sind wir obendrein! Ein Unternehmen warb sogar damit, dass es ganz okay sei, wenn man gerne spontan zum Surfen an die Küste wolle. Botschaft: Wir sind flexibel, bei uns können Sie sich freinehmen, wenn Sie die Lust und Laune überkommt.

Die Unternehmen sind händeringend auf der Suche nach Beschäftigten. Nach gut ausgebildeten Fachkräften sowieso. Aber man muss auch nicht gleich die Spitzenqualifikation haben: Dann lernt man eben ‚On the Job‘. Gerne werden auch Bewerber und Bewerberinnen aus dem näheren oder ferneren Ausland genommen.

Ausländer-Quälen als Programm

Aber bei uns glauben die zwei rechten Mainstream-Parteien ÖVP und FPÖ noch, sich in der Anti-Zuwanderer-Propaganda und im Ausländer-Quälen überbieten zu müssen. „Festung Europa“, plakatiert der Brüllhamster Herbert. Die ÖVP konzentriert sich auf ihre drei Lieblingsthemen. Erstens Ausländer, zweitens Ausländer, drittens Ausländer. Wer hierher kommt, soll es extra schwer haben. Zugang zur Staatsbürgerschaft, damit man sich dort, wo man lebt, auch irgendwann als angekommen empfinden kann? Nicht mit uns, sagt die ÖVP. Zugang erst ab 10 Jahren, und das auch nur für Wohlhabende. Und die werden, selbst wenn sie sich die irrwitzigen Gebühren leisten können, so lange von Pontius bis Pilatus geschickt, bis sie erschöpft in einem Winkel des Magistrats in sich zusammensinken. Man hat so viele fiese Details beschlossen in den vergangenen Jahren, dass die Einbürgerungsbehörden zwangsläufig in die Knie gehen. Wenn Du bei jedem Betroffenen dreißig Urkunden beglaubigen, tausend Papiere nachfordern, die Grammatikkenntnisse inspizieren musst, kommen die Bürokraten mit der Bürokratie nicht mehr nach. Hat einer endlich das letzte Dokument zusammen, ist das erste schon wieder am Ende seiner Gültigkeitsphase.

Das ist alles so mies, fies, gemein und respektlos den Leuten gegenüber, die sich anstrengen, oft durchbeißen und überanpassen und einfach ein bisschen Wohlstand erarbeiten wollen. Und erst recht gegenüber Kindern, die hier aufwachsen, und die dauernd gesagt bekommen, dass sie hier nicht hergehören. Kurzum, ich halte das auch aus Wertegründen für verwerflich. Also moralisch verkommen. Aber man muss ja nicht mit der Moral kommen, ÖVP und FPÖ brüsten sich ja gerne mit der Mitteilung, dass sie Gegner von Moral sind. Komischerweise schmücken sie sich noch damit. Früher hätte man moralische Verkommenheit ja nicht vor sich hergetragen, aber bitte, wir leben nun einmal in seltsamen Zeiten. Eine Zweiklassen-Gesellschaft ist selbst für jene nicht bequem, die in dieser zur ersten Klasse gehören.

Meloni holt jetzt 450.000 Immigranten

Aber lassen wir das mit der Moral beiseite. Nein, all das ist auch wirtschaftlich völlig aberwitzig.

Die italienische Koalition aus Rechtsextremen und Extremrechten war ja mit denselben Parolen angetreten. Festung bauen, weniger Zuwanderung, Migration stoppen. Mittlerweile hatte die rechte Schreihälsin Giorgia Meloni ihr hartes Rendezvous mit der Realität. Es muss ein hartes Erwachen aus der Märchenwelt gewesen sein. Weil viel zu viele Arbeitskräfte in Industrie, Dienstleistung, Tourismus usw. fehlen, sollen in den kommenden drei Jahren 450.000 Menschen ins Land geholt werden und eine Arbeitsbewilligung erhalten.

Eine scharfe 180-Grad-Kehre. Statt Abschiebungen und Ausländer-Raus-Parolen gehen die römischen Koalitionäre auf Werbetour und versuchen so viele Immigranten wie möglich zum Einwandern zu überreden.

Die Nehammer-Kickl-Bagage bemüht sich dagegen weiter, Österreich möglichst unattraktiv und es den Leuten, ohne die bei uns alles zusammenbrechen würde, so schwer wie möglich zu machen. Wer hier arbeitet, in die Sozialsysteme einzahlt, den Laden am Laufen hält, soll erst nach fünf Jahren Anspruch auf die Sozialleistungen haben, die er oder sie mit seinen Beiträgen finanziert, trommelt die ÖVP; wer die Gemeindewohnungen und die geförderten Wohnungen baut, soll nicht in ihnen wohnen dürfen. Pflegepersonal oder Arbeiter, die aus Rumänien und Bulgarien hier herpendeln, wird das vorsätzlich erschwert, weil Nehammer glaubte, aus PR-Gründen den Schengen-Beitritt dieser Länder blockieren zu müssen. Die Liste des Grotesken ist endlos.

Der Mythos vom „falschen“ Einwanderer

Herbert Kickl schwadronierte Montags im ORF-Sommergespräch sogar von „Gastarbeitern“, die man temporär herholen, und wieder rauswerfen könne, wenn man sie nicht mehr brauche. Der lebt mittlerweile in einer völligen Phantasiewelt, die nicht einmal mehr mit losen Fäden mit der Realität verbunden ist.

Gerne wird von den reaktionären Schlaumeiern angemerkt, man wolle die Zuwanderung der „Falschen“ (kriminalitätsgefährdeter Burschen aus Afghanistan) stoppen, und sich „die richtigen“ Einwanderer aussuchen. Darunter versteht man wahrscheinlich perfekt englischsprechende indische Krankenschwestern mit Harvard-Abschluss und Post-Doc-Zertifikat aus Cambridge und zusätzlich mit Deutsch als siebente Fremdsprache. Vergessen wird aber gerne: Diese Leute sind überall begehrt. In ein Land, in dem im allgemeinen Diskurs der Begriff „Ausländer“ mit „soll sich schleichen“ verbunden wird, werden die nicht gerne einwandern. Da geht man doch eher wohin, wo man mit freundlicherer Aufnahme rechnen kann. Oder anders gesagt: Wer Xenophobie schürt, ist dafür verantwortlich, wenn die Oma ein Jahr auf die Operation warten muss oder keine Pfleger findet.

Und nur damit da kein Missverständnis aufkommt: Die Karikatur von den „richtigen“ und den „falschen“ Ausländern ist ja sowieso schon eine rassistische Projektion.

Das Land würde still stehen

Denn wir leisten uns ja auch den perversen Luxus, schon gut ausgebildete Fachkräfte abzuschieben, nur weil mit ihrem Aufenthaltsstatus etwas nicht stimmt oder wenn ihr Name nur irgendwie afghanisch klingt. 80 bis 90 Prozent der jungen Migranten haben Biss und wollen aus ihrem Leben etwas machen – das wird ihnen aber ordentlich ausgetrieben und sie werden in eine frustrierende Umlaufbahn und Dauerwarteschleife geschickt. Erstaunlich, wie viel Energie die dennoch haben. Ein Freund von mir, der vor zehn Jahren als unbegleiteter Flüchtling und halber Analphabet ankam und heute sein Studium fertig hat und auch die Staatsbürgerschaft, sagte einmal den Satz: „Wir waren die letzte Generation, der ihr vertraut habt.“ Damit wollte er sagen: Er hatte es noch leicht verglichen mit den Nachkommenden, weil ihm das Ankommen nicht mutwillig erschwert wurde. Unlängst las ich ein Interview mit einem ehemaligen Drogendealer, der erklärte, dass natürlich kaum jemand diesen „Job“ gerne mache. Es aber zu wenig legale Alternativen gäbe. Mittlerweile arbeitet er als Elektriker bei einer Installationsfirma und ist froh darüber, nicht mehr mit den Hasch-Sackerln im Park stehen zu müssen. Bemerkenswert, aus welchem Loch man sich rauskämpfen kann.

Wer hierher kommt, eine Basis-Schulausbildung hat, der oder die braucht sofort Deutschkurse, dazu eine ordentliche Basis in Mathematik, Physik und andere Qualifikationen, und den Rest bekommt man in einer guten Lehre in Unternehmen und Berufsschule sowieso.

Man gehe in einen x-beliebigen Industriebetrieb, in eine Bäckerei, in die Supermärkte, besuche einmal einen Installateur; man muss nur mit dem ärztlichen Personal in Kliniken oder mit dem Pflegepersonal zu tun haben. Oder sich einfach das Personal im Schwimmbad genauer ansehen. Es ist doch völlig klar: Ohne jene, die in den vergangenen zwanzig Jahren zugewandert sind, würde schlagartig das Land stillstehen. Machen wir uns nichts vor: Das weiß auch ein jeder. So weltfremd, das nicht zu wissen, ist ja nicht einmal der stiernackige, dickbauchige, dauerbesoffene Schreihals im FPÖ-Festzelt. Dennoch aber ändert sich jetzt etwas, und das hat mit der Demographie zu tun, mit der Verrentung der Baby-Boomer-Generation. Ab jetzt muss niemand betteln, hier arbeiten zu dürfen. Demnächst müssen die Firmen betteln, ob nicht jemand bei ihnen arbeiten will.

Was ist ihr Plan für Einwanderung?

Parteien überbieten sich bei uns mit ihren Anti-Immigrations-Vorschlägen. In Wirklichkeit sollte jede Partei im Wahlkampf gezwungen sein, ihre Pläne für die Förderung der notwendigen Zuwanderung vorzulegen. Das wäre doch mal was: Wer kein plausibles Konzept für Zuwanderung vorlegt, wird in Talk-Shows durch Sonne und Mond geschossen und mit bohrenden Fragen in die Ecke gedrängt.

Wer jetzt noch die Anti-Zuwanderungs-Ressentiments schürt, zerstört die Wirtschaft. Der ruiniert unseren Wohlstand. Sagen wir es in der Sprache, die diese Kanaillen hoffentlich verstehen: ÖVP und FPÖ sind eine Gefahr für den Wirtschaftsstandort. Sie ruinieren unsere Firmen. Sie sind Wohlstandszerstörer.

Eigentlich müssten Industriellenvereinigung, Wirtschaftskammer und sonstige Lobbygruppen alles tun, damit ÖVP und FPÖ in diesem Land keine Mehrheit mehr haben. Aus reinem wohlverstandenem Eigeninteresse. Natürlich, wir wissen schon: Die Freunderln von ÖVP und FPÖ schieben Euch unter der Hand oder sogar bei hellichtem Tage Millionen und Abermillionen Steuergeld zu, wenn sie regieren. Aber wenn sie das Land einmal ruiniert haben, wird Euch, liebe Wirtschaftstreibende, das leider auch nichts mehr helfen.

Die Wohlstandszerstörer

Vielleicht überlegt ihr Euch das einmal beizeiten, ja? Ihr habt mit Euren Spenden im Jahr 2016/17 einen jungen Lackaffen und einen Schreihals mit Eigenurin-Amulett an die Staatsspitze gepuscht. Sechs Jahre später steht das einstmals ganz respektable Land ziemlich kaputt da und ist in einer dauernden Abwärtsspirale.

Sagt selbst: Hat sich das wirklich gelohnt?

Wer sich nicht deutlich und konsequent gegen den Kickl-Nehammer-Wahnsinn stellt, braucht bitte hinterher nicht zu jammern, dass es mit dem Land bergab geht.

Titelbild: Thomas König / ZackZack

Autor

  • Robert Misik

    Robert Misik ist einer der schärfsten Beobachter einer Politik, die nach links schimpft und nach rechts abrutscht.

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