Mittwoch, Juli 24, 2024

Working poor: Sollen sich doch einfach weiterbilden! 

Der angekündigte Ausbau der Kinderbetreuung wird das Thema Frauenarmut und “working poor” nicht beseitigen. Dafür bräuchte es tiefergehende Ansätze, so Daniela Brodesser in ihrer wöchentlichen Kolumne.

Mein Zugang zum Thema “working poor” und Frauenarmut ist ein höchst persönlicher. Teilzeitarbeit, mehrfach geringfügige Beschäftigung – der typische Weg in die Erwerbsarmut. In Österreich arbeitet ca. die Hälfte der Frauen Teilzeit, größtenteils weil die Vereinbarkeit zwischen Kinderbetreuung und Job nicht gegeben ist. Aber, so wie ich früher auch, nehmen viele die Folgen dieser prekären Beschäftigung nicht oder zu wenig wahr. Sie entscheiden sich oftmals für das traditionelle Familienbild, Vater arbeitet Vollzeit, Mutter teilt sich auf zwischen Job und unbezahlter Carearbeit. Vor allem im ländlichen Bereich ist das noch immer das vorherrschende Modell. Doch welche Konsequenzen es für die Frauen hat, sei es bei Trennung oder im Alter, das wird weder regelmäßig thematisiert, noch wahrgenommen. 

Wer zu wenig verdient muss doch nur einen besseren Job suchen, oder? 

Und wenn doch – welches Bild haben wir bei dem Begriff “working poor” im Kopf? Das ist eine der grundlegendsten Fragen, die wir uns stellen müssen, um in eine sachliche Diskussion eintreten zu können. 

Natürlich, je besser der Abschluss desto geringer die Chance, in Erwerbsarmut zu gelangen. Hilfsarbeiter*innen und ungelernte Kräfte ohne ausreichende Ausbildung werden es schwerer haben einen gutbezahlten Job zu finden. Doch fragen wir uns auch weshalb diese Menschen keine Ausbildung absolvieren konnten? Oft nicht mal einen Pflichtschulabschluss haben? Was waren die Gründe dafür? Spoiler: in den meisten Fällen ein Aufwachsen in Kinderarmut. Wer immer schon mit finanzieller Not konfrontiert ist, kann in der Regel nicht einmal daran denken, eine langjährige Ausbildung zu absolvieren.

Erwerbsarmut findet sich vor allem in den immer gleichen Branchen: Gastronomie, Handel sowie im Gesundheits- und Sozialwesen. Und wir sollten viel mehr darüber sprechen, weshalb diese Branchen viele Menschen als working poor zurücklassen, anstatt Betroffenen immer wieder vorzuwerfen, sie müssten sich doch nur mehr anstrengen! Die Leistungen derjenigen, die in dieser Branche arbeiten, stehen in keinem Verhältnis zur Bezahlung.

Löst der Ausbau der Kinderbetreuung alle Probleme? 

Dass Kinder zu haben in Österreich noch immer ein Armutsrisiko bedeuten kann, vor allem für Frauen, ist traurig wie beschämend zugleich. Wer nicht ins traditionelle Rollenbild passt, wer sich trennt, wer krank wird, oder wer nicht in Altersarmut landen möchte, hat in diesem Land noch immer mit viel zu großen Hürden zu kämpfen. Höchste Zeit im Jahr 2023 anzukommen und dafür zu sorgen, dass Frauen, unabhängig vom Familienstand und unabhängig vom familiären Umfeld, ausreichend Betreuungsmöglichkeiten finden, um finanziell unabhängig zu sein.

Es sei denn man möchte das gar nicht, wie die ÖVP seit Langem beweist. Dann verhindert und verzögert man den großflächigen Ausbau der Kinderbetreuung oder stellt dafür wesentlich weniger Mittel zur Verfügung, als notwendig wären. Der nun angekündigte Ausbau der Kinderbetreuung wird nicht ausreichen.

Werden wir durch diesen Ausbau den Großteil der Armutsgefährdung verhindern können? Nein! Denn dafür müsste man sich erstens den Niedriglohnsektor genauer anschauen. Solange es Vollzeitjobs gibt, mit denen man gerade einmal so an der Armutsgrenze verdient, bei denen man, sollte man den Job verlieren, sofort weit in die Armut abrutscht, solange werden wir Armut nie in den Griff bekommen. Den Menschen zu sagen „dann macht eine bessere Ausbildung” oder „sucht euch einen besser bezahlten Job”,  mag in Einzefällen gelingen. In der Realität stellt sich dann die Frage, wer euch eure Bestellungen vor die Haustür liefert, wer euch im Café bedient, wer euch die Haare schneidet und wer die schmutzigen Gänge öffentlicher Gebäude reinigt. 

Gefangen in unseren Köpfen!

Zweitens müsste sich auch unsere Einstellung grundlegend ändern. Wer heute am Land die eigenen Kinder den ganzen Tag in Betreuung gibt, oder wer bereits früh wieder zu arbeiten beginnt, bekommt nicht selten den Stempel der Rabenmutter aufgedrückt. 

Wir sollen einerseits genug arbeiten und verdienen, um keineswegs von Sozialleistungen abhängig sein, aber andererseits doch bitte lange genug bei den Kleinen zuhause bleiben. In unseren Köpfen ist Kinderbetreuung noch immer gleichgesetzt mit Aufbewahrungsstätte, mit Abschieben. Mütter haben zuhause zu bleiben. Solange wir dieses Mindset nicht überdenken, werden insbesondere Frauen weiterhin armutsgefährdet sein.

Wer glaubt ich würde übertreiben: egal ob Schule oder Ärzte, auch bei uns gehen alle davon aus, dass ich jederzeit erreichbar bin und Termine wahrnehme, wenn‘s um die Kinder geht. Es wird keine Rücksicht darauf genommen, ob ich Zeit habe. Die habe ich mir zu nehmen. Weil…weil ich die Mutter bin. Weil die Mutter immer verfügbar sein muss. Ich kann zehnmal betonen, sich bitte auch einmal an den Vater zu wenden, es wird seit Jahren schlichtweg ignoriert. Als Mutter hab‘ ich mein Erwerbsleben den Kindern unterzuordnen, während Väter dafür gelobt werden, wenn sie regelmäßig zu Gesprächen erscheinen. 

Es braucht also nicht nur den Ausbau der Betreuung und ein Bekämpfen von Niedrigstlohnjobs, sondern auch eine Veränderung in unserem Denken. Denn, egal wie man es macht als Frau, man macht es falsch. Ordnest du dein Leben nach den Kindern, so wie es bei mir war, dann landest du in Armut, wenn ein Kind schwer krank sein sollte. Natürlich dein Fehler.

Arbeitest du dann aber Vollzeit und mehr, weil, wie in meinem Fall, selbständig, dann bist du eine Rabenmutter und machst folglich alles falsch. Für mich persönlich inzwischen egal, ich muss es niemandem mehr recht machen, das Alter hab‘ ich schon überschritten. Doch solange wir keine ernsthafte Kursänderung vornehmen um working poor wirklich zu verhindern, gehört Armut genauso zu Österreich wie das Schnitzel.

Titelbild: Christopher Glanzl

Autor

  • Daniela Brodesser

    Daniela Brodesser macht als Autorin den Teufelskreis der Armut sichtbar und engagiert sich persönlich gegen armutsbedingte Ausgrenzung und Verzweiflung.

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