Samstag, Mai 18, 2024

Ausgerechnet: Löhne rauf, Arbeitszeit runter

Warum sind höhere Löhne nicht nur wichtig für die Kaufkraft der Arbeitenden sondern auch für die Wirtschaft insgesamt? Und weshalb sind Einmalzahlungen so katastrophal? Das rechnet Ökonom Oliver Picek vom Momentum Institut für ZackZack vor.

Von Oliver Picek

Das jährliche Ritual zwischen den Arbeitgeber:innen und den Arbeitnehmer:innen geht so: Die Unternehmen erhöhen die Preise ein Jahr lang. Die Beschäftigten haben derweil gleich viel Geld im Börsel, müssen die gestiegenen Preise aber trotzdem zahlen. Was bleibt ihnen auch anderes übrig. Eine Arbeiterin arbeitet durch die Teuerung des letzten Jahres schon zwei ihrer zwanzig Arbeitstage im Monat gratis.

Im Herbst steigen dann die Vertreter:innen beider Seiten in den Ring: Der Kampf um die Lohnerhöhung beginnt. Um wie viel darf’s mehr sein? Die Rechnung ist denkbar einfach: Ein ganzes Jahr lang erhöhen Unternehmen die Preise, schließlich ist ja Inflation. Damit die Arbeitnerhmer:innen nicht plötzlich vor einer de facto Lohnkürzung stehen, müssen die Löhne aber zumindest um die Teuerungsrate steigen.

Das Jahr der großen Teuerung

Je höher die Preise also steigen, umso mehr müssen auch die Löhne nachziehen. Unternehmer:innen und Vermieter:innen setzten ihre Preise insgesamt im letzten Jahr kräftig hinauf, im Schnitt um über neun Prozent. Dabei stiegen die Profite oft im Gleichklang mit den Preisen. Energiekonzerne oder Banken verdienen prächtig an der Teuerung. Für die Arbeitnehmer:innen hat das vor allem eines bedeutet: Den größten Kaufkraftverlust, den es überhaupt seit Beginn der Aufzeichnungen gegeben hat. Ihre Kaufkraft ist um ein Jahrzehnt zurückkatapultiert worden, sie können sich heute nur noch so viel leisten wie damals. Dabei stellen wir heute fast doppelt so viel her wie in den 80er Jahren. Nur wird dieser Gewinn an Wohlstand nicht fair verteilt wie früher.

Bei den Lohnerhöhungen geht es aber eigentlich gar nicht nur darum, den Leuten die Inflation auszugleichen. Es geht auch darum ihnen ein Stückchen vom erwirtschafteten Wohlstands-Kuchen – den immerhin auch die Arbeitnehmer:innen erarbeitet haben – weiterzugeben. Das heißt, die Lohnerhöhung muss über der Teuerungsrate liegen, ansonsten bleibt für die Beschäftigten unterm Strich lediglich eine Null oder gar ein Minus.

Arbeitszeitverkürzung: Völlig normal eigentlich

Früher wurden Wohlstandsgewinne auch in Form von weniger Wochenarbeitsstunden oder mehr Urlaub an die Arbeitnehmer:innen weitergegeben. Bis in die 80er Jahre wurde die Arbeitszeit auch immer wieder gesenkt und der Urlaub erhöht. Im 19. Jahrhundert schufteten Arbeiter:innen 70 oder 80 Stunden in der Woche. Bis 1974 wurde die Wochenarbeitszeit schrittweise auf 40 Stunden gesenkt. Das war ein beispielloser Erfolg, der erstmals ein menschenwürdiges Berufsleben ermöglichte. Eine fünfte Urlaubswoche – ausverhandelt 1984 – war der letzte Streich dieser Erfolgsserie. Seither herrscht absoluter Stillstand. Vierzig Jahre lang ist nichts mehr passiert. Eine Arbeitszeitverkürzung sieht wahrlich anders aus. Über einer Arbeitszeitverkürzung verliert die Arbeitgeberseite bei den Lohnverhandlungen übrigens keinen Mucks, trotz der Forderung der Arbeitnehmer:innen. Sie romantisieren lieber ‘kreative Lösungen’ wie Einmalzahlungen oder Zweijahresabschlüsse.

Der Einserschmäh Einmalzahlung

Die Gewerkschaften lehnen Einmalzahlungen aber kategorisch ab. Und das vollkommen zu Recht. Einmalig mehr Geld, unversteuert für Arbeitgeber:innen und Arbeitnehmer:innen. Klingt im ersten Moment vielleicht verlockend. Der Teufel steckt aber im Detail: Eine Einmalzahlung bekommt man genau ein Mal, hebt aber das monatliche Gehalt nicht langfristig. Das bedeutet bei den kommenden Lohnverhandlungen im nächsten Jahr geht man wieder zurück an den Start. Die Ausgangsbasis ist das Gehalt vor der Einmalzahlung. Für die Arbeitnehmer:innen ein schlechter Deal: Sie verlieren tausende Euros ihres Lebenseinkommens. Ein Zweijahresabschluss heißt, dass die Arbeitnehmer:in die gestiegenen Preise statt bisher ‘nur’ ein Jahr ohne Teuerungsanpassung des Gehalts, ganze zwei Jahre stemmen müssen. In anderen Worten: ein fantastischer Multiplikator für den Kaufkraftverlust.

Lohnerhöhungen stärken die Wirtschaft

Was streift aktuell durch die Medien? Unternehmen seien nicht dafür zuständig, dass den Arbeitnehmer:innen die Kaufkraft nicht flöten geht. Diese Erzählung hakt aber gewaltig: Was machen Menschen mit ihren Gehältern normalerweise? Sie bezahlen damit Dinge. Sei es die Heizrechnung, Lebensmittel, Kleidung oder andere Konsumgüter und Dienstleistungen. Und wohin geht das Geld, wird ein Kauf getätigt? Zu den Unternehmen. Dort klingelt die Kasse. Für etliche Branchen sind die Konsumausgaben der Arbeitnehmer:innen die Basis fast all ihrer Umsätze. Frisst die Teuerung aber die Einkommen der Menschen auf, können sie weniger einkaufen. Die Katze beißt sich in den Schwanz. Österreich ist in die Rezession geschlittert, weil etliche Unternehmen ihre Preise über ihre gestiegenen Kosten hinaus erhöht haben. Die Teuerung drückte den Konsum nach unten. Bis heute liegt der reale Konsum pro Kopf im Land weiterhin unter dem Niveau vor der Pandemie. In normalen Zeiten können sich Konsument:innen jedes Jahr etwas mehr kaufen. Durch die Pandemie, den Ukraine-Krieg und die Inflation erleben sie mittlerweile drei verlorene Jahre.

Die Regierung hat zu spät und zu wenig mit Preisbremsen eingegriffen, um die Inflation im Zaum zu halten. Um die Rezession zu bremsen, kommt den Lohnverhandlungen nun eine bedeutende Rolle zu: Steigen die Löhne, dann wird die Hälfte dieser Erhöhung im ersten Jahr wieder ausgegeben und direkt in die Wirtschaft gepumpt. Die zweite Hälfte landet etwas später in der Wirtschaft, weil Menschen sie eine Zeit lang für größere Anschaffungen sparen. Steigen die Löhne nun nicht kräftig, wird auch die Wirtschaft weiter stottern.


Oliver Picek hat Volkswirtschaftslehre in Wien, Paris und New York studiert. Seine wissenschaftlichen Schwerpunkte liegen in der Makroökonomie, sowie Fragen zu Arbeitsmarkt, Budget und Steuern.

Titelbild: Miriam Moné

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26 Kommentare

  1. Allgemein gesagt :
    Genau an dem von den ArbeitGEBERn stark vernachlässigten Argument “Kaufkraftverlust” sieht man den Egoismus des Einzelnen.
    Die sehen, was es kostet – aber nicht, das die eigenen Mitarbeiter mal nicht das Geld haben werden, sich das zu leisten.
    Insofern kostet sinkende Nachfrage dann ja AUCH Jobs.. Oder ?

  2. A) Nehmen wir an die Teuerung kommt von den Energiepreisen, dann ist Ö einer Verschlechterung der Terms of Trade ausgesetzt, und zwar alle in Ö. Daher kann man die dadurch entstandene “Inflation”, eigentlich Kaufkraftverlust, nicht voll ausgleichen.”Alle” haben dies zu tragen. Andernfalls gibt es eine “Inflations”/Lohn-Spirale. Die Frage ist wieviel Lohn- / Gewinn einbusse jeder erleiden soll.
    B) Wenn man davon ausgeht, dass die hohen Energiepreise durch politische Willkür Russland gegenüber, bzw. im INteresse der USA durchgesetzt wurden, so sind beliebig hohe Lohnforderungen gerechtfertigt, um politischen Druck auf die EU auszuüben, dass es so nicht geht.

    • Welche Variante die richtige ist kann ich nicht beurteilen. Sollte A) stimmen, dann hätte die Regierung halt auch nicht die Pensionen um 9,7% erhöhen dürfen. Nicht dass ich es den Pensionisten nicht vergönnen würde, aber es sollte einleuchten, dass KV-Abschlüsse, die darunter liegen, neue Finanzierungslücken im Pensionssystem aufreißen.

      Hier zeigt sich, wie unfair und unlogisch es ist, dass Pensionen automatisch nach politischem Willen erhöht werden, während Löhne jährlich neu verhandelt werden müssen. Ich wäre durchaus dafür, dass Pensionsanpassungen jährlich zwischen Pensionistenvertretern und der Sozialversicherung ausverhandelt werden, am besten nach Abschluss der Herbstlohnrunden.

      • “Die” Pensionen haben sie ja nicht um 9,7% erhöht, sondern die kleinen Pensionen, die höheren sind gedeckelt. Ja die Inflation hat die Ungleichheiten verstärkt. Daher – sagt auch Badelt – muss man die wirtschaftlich schwächeren stärker stützen.

    • Ein fundamentaler Schlüssel wäre eine sofortige Mietpreisbremse gewesen.
      Aber diese ist nach wie vor nicht in Sicht.
      Ich glaube deshalb auch, dass sich die zentralen Politker schon lange nicht mehr ohne Leibwächter deshalb unter das Volk trauen dürfen?

  3. “Arbeitgeber:innen und den Arbeitnehmer:innen geht so: Die Unternehmen erhöhen die Preise ein Jahr lang …”
    Die Beschäftigten verlangen nach der komischen Diktion doch auch nach »Beschäftigt:innen«?
    Sollten Sie dieses komische Gendern beibehalten – ich werde solchen Unsinn nicht teilen und eben ZackZack nicht mehr lesen!

  4. Da jetzt halt Feminismus nicht sooo populär ist stelle ich die Frage erneut:
    Ist es sexistisch oder gar beleidigend wenn eine Frau als “Hure der Reichen” bezeichnet wird.
    Ich muss das unbedingt wissen.

    • In dem neuartigen Begriff “Hure der Reichen” ist mW. nicht der Bezug auf Persönlichkeit gegeben, es ging um die Einordnung einer Gesinnung/Tätigkeit?

      • Ok. Danke, weil ich halt jetzt schon glaube dass gerade progressiv-neoliberale wie Häuslreinger halt jetzt schon Geld von der Haselnuss angenommen haben. Haselnuss ist halt auch Plenko- Kumpel.
        Nicht umsonst muss er um Strabatz zittern.
        Ob Genosse Busenbrauer da nicht jetzt hakt schlank gehalten wird…

    • Vollkommen berechtigte Frage ! Auch die Genderisten&innen sind ja DIE Rosinenpicker 🙂
      Ich glaub aber, ursprünglich war es in der Mehrzahl und Genderneutral (quasi ALLE Geschlechter) gemeint.

  5. Gerade hat sich der blaue Nationalratspräsident zu Wort gemeldet, dass er hofft, dass die Lohn- und Gehaltsabschlüsse unter 10 Prozent bleiben werden?

    Warum hat sich dieser aber bisher zur noch immer nicht eingeführten Mietpreisbremse gemeldet?

    Oder auch nicht zur Merit Order und deren Auswirkungen? – Wer hat diese über welches Gesetz wann und wie begründet und überhaupt in Kraft gesetzt?
    Warum wurde diese Order nicht sofort im Zuge der Russlandsanktionen parallel ausser Kraft gesetzt?
    Warum gab und gibt es hier nur mediales und politisches Schweigen?

    • Was ich noch vergessen habe als weiteren Inflationstreiber zu erwähnen, sind nur beispielsweise die viel zu viel bestellten Impfstoffe.
      (Heute wurde nämlich auch bekannt, dass noch weitere 20 Mio Impfstoffe mehr bestellt wurden, als bisher bekannt. – Das sollen zusätzlich zu den 3 Stichen für jeden Österreicher weitere 7!!!! Stiche sein!!!! – Man muss sich das einmal vorstellen, wenn man drei Impfungen hinter sich hat und dann alle halbe Jahre einen weiteren Stich erhält, dann würde das mindestens 3,5 bis 4 Jahre gereicht haben und das auch noch mit der Annahme von 100 Prozent Verimpfung!!
      Es sind nun aber schon viele Mio wegen ihrer Haltbarkeit abgelaufen???? – Aber noch immer keine Anklage in Sicht????)

      Jeder der seine Wohnung aktuell wegen dieser Menschenfressenden Inflation verliert, muss von allein diesen hier Verantwortlichen dafür entschädigt werden!!!!!

      • Ja richtig.
        Und obwohl sich das noch nie in einer derartigen Form seit dem zweiten Weltkrieg abgespielt hat, bleibt der “Frosch” auch weiterhin sitzen.
        Es schaut aber plötzlich so aus, als ob man diesen nun wirklich zum springen mit allen Mitteln animieren will?

  6. Diese Einmalzahlungen sind bei dieser Turboinflation weit über 6 Prozent und damit mit einer dynamischen Zinseszinseffektauswirkungen, für mich bereits ein unfassbarer Affront an die Menschen in diesem Land und mit dem dringenden Verdacht einer Grund- und Menschenrechtsverletzung verbunden
    Bitte einmal in dieser Turboinflationsgesamtzeit vor allem die Grundnahrungsmittel mit Ländern wie der Schweiz oder Spanien zu vergleichen. Hier müssen doch auch schon lange Wettbewerbschädigungen und Standortschädigungen virolent sein und auch noch dynamisch weit in die Zukunft noch hineinwirken.
    Von Anfang an habe ich gerade auf dieses Effekte gerade in Österreich hingewiesen, aber sind diese trotzdem auch weiter kein wirkliches Thema. Gerade heute hat der ORF bei der Mittagszib eine Statistik hergezeigt, wo es so ausschaut, als ob sich nun eh alles wieder in Richtigung Normlität einpendeln würde? – Eine andere Statistik mit einem Vergleich zu einer Ausgangslage mit sagen wir 100 in diesem Zeitraum gegenüber der Schweiz und Spanien, mit einem weiteren Ausblick daraus ableitend, wäre wenigstens eine seriöse Nachrichtensenden gewesen? – Aber dann wäre wohl auch der unfassbare Skandal endlich dadurch so richtig aufgepappt?
    – Für mich eine schwere Manipulation. Auch war es für mich zu beobachten, wie der Nachrichtensprecher hier maximal sachlich dazu vorgetrag, ganz entgegen, der sonstigen ständigen Emotionalitäten vor allem in der ZIB 1, meist aller Nachrichtensprecher dort…

  7. Ich denke die aktuelle Situation demonstriert gerade, dass es eben nicht immer angenehm ist, wenn der Markt “sich selbst reguliert” und Markteingriffe schon sinnvoll sein können.

    Lohnverhandlungen sind streng genommen auch nichts anderes als Prozesse der Preisbildung in einem freien Markt. Da kann es auch schon mal vorkommen, dass Verhandlungen härter werden, wenn beide Seiten zu weit auseinander liegen. Durch frühzeitige Markteingriffe in Form von Preisbremsen hätte man das abmildern können.

    • Brisant für Österreich ist allerdings, daß Unternehmen im Staatsbesitz von den Bürgern subventioniert sind, und so wie die Arbeitnehmer vom Gewinn ausgeschlossen sind! Der Staat kassiert die Dividenden und fertigt die Bürger mit Almosen ab! Gleichzeitig sichern diese Almosen die Übergewinne dieser Unternehmen. Österreichs Kanzler ist auf Grund seiner Untätigkeit, in den „Markt“ einzugreifen zum größten Preistreiber mutiert.

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