Dienstag, Juli 23, 2024

Sobotka und Gusenbauer: zwei Mühlsteine und eine Lösung

Wenn Babler seinen Mühlstein „Gusenbauer“ los wird, kann er zusehen, wie Sobotka seine Partei in den Abgrund zieht.

Wolfgang Sobotkas Markenzeichen war das selbstsichere Grinsen, mit dem er sich an seine Sessel geklebt hat. Seit wenigen Tagen ist es ihm vergangen. Der erfahrene ÖVP-Mann spürt, dass ihm das Wasser gerade über das markante Kinn steigt.

Sobotisierung

Wäre alles nur ein Sobotka-Problem, wüsste man in der ÖVP, wie es weitergeht. Der Nationalratspräsident würde den Klimaklebern weiter zeigen, wie man sich unablösbar anklebt und dabei jedesmal königlich amüsieren, wenn einem der Parteichef das Vertrauen aussprechen muss. Aber es geht nicht mehr um ihn.

Die ÖVP weiß, dass Sobotka am Abgrund steht. Dort wartet er als Mühlstein auf den Hals des ÖVP-Spitzenkandidaten, wer immer das wird. Also muss er weg. Aber Sobotka steht da auch vor den anderen. Wenn er stürzt, greift das Gesetz der ÖVP-Kette: Der Nächste rückt an den Abgrund nach.

Dazu kommt das Problem der weitgehenden Sobotisierung der ÖVP. Von Karner bis Mikl-Leitner und Nehammer selbst bestehen immer weitere Teile der ÖVP aus kleinen und größeren „Sobotkas“, die seinen Hass auf alles „Linke“ und seinen Hang zu politischer Korruption, Parteibuchwirtschaft und Machtmissbrauch teilen. Sobotka ist keine Randerscheinung, sondern die reinste Verkörperung des ÖVP-Wesens.

Gusenbauer

Im Gegensatz dazu scheint Alfred Gusenbauer in der SPÖ immer noch ein Einzelfall zu sein. Jahrelang hat der Alt-Juso gezeigt, was man macht, wenn man den Hals nicht voll kriegen kann: Man vergrößert ganz einfach den Hals.

Gusenbauer ist die personifizierte Gier. Er nimmt, was er bekommt und sucht sich Benkos, Haselsteiners und Unternehmen wie Novomatic, damit der Geldsegen möglichst groß wird. „News“ und „ZackZack“ haben gestern nicht zufällig gleichzeitig Dokumente des Ex-Kanzlers, der für sich das 32 Stunden-Jahr mit mehrfachem Lohnausgleich durchgesetzt haben dürfte, veröffentlicht.

Wenn Gusenbauer stürzt, rückt kein nächster Gusenbauer an den SPÖ-Abgrund. Das ist der erste große Unterschied zur ÖVP. Der zweite liegt in den Funktionen. Niemand kann den Nationalratspräsidenten absetzen. Aber Gusenbauer kann aus der SPÖ ausgeschlossen werden.

Ohne Gusenbauer gegen Sobotka

Andreas Babler wird das wollen. Aber kann er es? Ein Parteiausschlussverfahren ist gerade bei einem ehemaligen Parteivorsitzenden ein langwieriger Prozess, den niemand in der SPÖ mitten im Wahlkampf will. Babler sollte ihn abkürzen und Gusenbauer vor die Wahl stellen: „Genosse Gusenbauer, entweder du gehst oder deine Mitgliedschaft wird ruhend gestellt“.

So hat es die Wiener SPÖ beim schwer belasteten CASAG-Manager und Ex-Abgeordneten Dietmar Hoscher gehalten. So könnte Bablers SPÖ Gusenbauer loswerden.

Aber bisher ist von Babler nicht viel zu hören. Auf „Twitter“ feiert er den Sieg beim Fußball-Länderspiel und seine Erstbesteigung eines 86 Meter hohen Schornsteins. Wie einige seiner Vorgänger vermeidet auch Babler derzeit jeden Fehler – und damit die größten Chancen zum Angriff auf eine Kanzlerpartei, die auch ohne ihn am Boden liegt.

Die Chance ist nicht vorbei: Wenn Babler das Gusenbauer-Problem löst, hat seine Partei bei Sobotka freie Hand. Dann hat die ÖVP ganz alleine den schwarzen Wolfgang und damit die schlechteste Karte für 2024. Aber wenn der Ball zu lange am Elfmeter liegen bleibt, geht das Spiel ohne Tor weiter.

Titelbild: ROLAND SCHLAGER / APA / picturedesk.com, pixabay.com

Autor

  • Peter Pilz

    Peter Pilz ist Herausgeber von ZackZack.

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