Mittwoch, Juli 24, 2024

Der Feind meines Feindes

Angesichts der Gewaltspiralen an den Kriegsschauplätzen der Welt, ist der Westen zum Umdenken aufgerufen. Das Bewusstsein und die Rezepte dafür gibt es. Jetzt brauchen wir eine politische Kraft, die sie vertritt.

Wie sich der Kolonialismus in der Unterhaltungsindustrie der westlichen Welt fortsetzt, zeigt der Film Gandhi (1982) von Richard Attenborough. Er erzählt die Geschichte von Mohandas Karamchand Gandhi, der im Film von Ken Kingsley dargestellt wird. Der Film versucht eine sehr komplexe Geschichte, die Geschichte des indischen Unabhängigkeitskampfs zu einem Kinowohlfühlerlebnis zu machen.

Dabei bleiben freilich auch wichtige Aspekte der Geschichte ausgespart oder nur am Rande erwähnt. Etwa, dass es nicht nur einen Gandhi gab, der den Kampf um seine Heimat mit Gewaltlosigkeit gewinnen wollte, sondern auch andere Freiheitskämpfer, die es für geboten hielten, mit allen Mittel gegen die Kolonialmacht zu kämpfen. Einer davon war Subhas Chandra Bose.

Der Zweck und die Mittel

Anton Pelinka hat ein Buch über Bose geschrieben, das trotz der zwanzig Jahre, die es auf dem Buckel hat, wirklich lesenswert ist. Es versucht den Spagat, das moderne Indien aus dem Freiheitskampf zu erklären. Doch auch, wenn man nur an der Geschichte von Subhas Chandra Bose interessiert ist, wird man nicht enttäuscht. Das Wesentliche an seiner Idee des Unabhängigkeitskampfes war, dass für ihn der Zweck die Mittel heiligte. Der Feind meines Feindes ist mein Freund, war sein Wahlspruch. Und das hieß: Hitler und Mussolini sind Indiens Verbündete im Kampf gegen die Briten.

Der Feind meines Feindes ist mein Freund – an keinem anderen Beispiel als Bose könnte man besser zeigen, wie falsch dieser Grundsatz ist. Nachdem er nach Berlin reisen durfte und dort für kurze Zeit die erste Radiostation eines freien Indien betrieb, bemerkte Bose bald, dass die Nazis nicht daran interessiert waren, dass Indien seinen Kolonialherren abschüttelte. Noch schlimmer: Hitler, der Bose trotz dessen Drängens niemals empfangen hat, sagte zu Goebbels, es wäre ihm viel lieber, dass die Engländer noch tausend Jahre in Indien regierten, als dass die Inder selbst einen einzigen Tag ihr eigenes Land regierten.

Der falsche Umkehrschluss

Leider ist der Grundsatz Der Feind meines Feindes ist mein Freund aber damals nicht aufgegeben worden. Im Gegenteil: Er wurde zum Motto einer weltbestimmenden Form des Postkolonialismus – des kalten Krieges. Ein Blick nach Afghanistan genügt und wir sehen die fatalen Früchte des falschen Umkehrschlusses. Die Macht der Taliban begann mit einem wesentlichen politischen Fehltritt: Ronald Reagans Waffenlieferungen und seiner verheerenden Außenpolitik. Die Taliban waren die Feinde der UdSSR – das hat Reagan genügt.

Und wohin wir uns auch wenden: Dasselbe Prinzip wütet auf dem gesamten Erdball, seine Gewaltspiralen haben Kriege entfacht, Diktaturen und Terrorismus geschaffen und die Probleme, die es mit sich bringt, sind global. Flucht und Migration sind eine Folge davon; das hat man in Westeuropa seltsamerweise erst vor ein paar Jahren begriffen. Doch es gibt kaum Einsicht, das Übel an der Wurzel zu packen. Stattdessen versucht man sich durch das Bauen von Zäunen selbst zu beruhigen, versucht am Billiardengeschäft des Waffenhandels mitzuverdienen, träumt davon, dass die Zugehörigkeit zur NATO Sicherheit bringen wird. Eine sichere Festung, die auf den Leichen jener, die in Unsicherheit, in Todesgefahr leben, errichtet werden soll.

Radikalisierung auf beiden Seiten

Längst sind wirtschaftliche Abhängigkeiten geschaffen, die nicht einfach zu entwirren sind. Längst hat man Terrorismus und Gewaltbereitschaft von erschreckendem Ausmaß geschaffen. Die Hamas ist ein gutes Beispiel dafür; sie war für rechtsextreme Parteien in Israel immer der Feind des Feindes PLO. Und man ist jahrzehntelang den falschen Weg gegangen.

Die Radikalisierung in den Palästinensergebieten war den rechten Parteien Israels nur willkommen. Sie brauchten nur mit dem Finger auf die Hamas zu zeigen um deren Gewaltbereitschaft zum Grund für die eigene Gewaltbereitschaft zu machen. Eine Spirale, deren schreckliche Auswirkungen uns in den letzten Wochen klar geworden ist. Aber konnte wirklich vorher niemand wissen, worauf die Radikalisierung hinauslaufen würde?

Von all dem nicht gewusst?

Wie die Hamas Israel nicht anerkennt, gibt es auch Siedler und politische Kräfte in Israel, die die Selbstverwaltung der Palästinenser im Gazastreifen nicht anerkennen. Die Rechtsextremen und Gewaltbereiten auf beiden Seiten brauchen einander. Den Autonomievertag von Kairo, den Arafat und Rabin unterschrieben haben, ignorieren beide.

Die österreichischen NATO-Befürworter schweigen, wenn man sie fragt, warum sie einem Militärpakt beitreten wollen, dessen Mitgliedsland Türkei ein wesentlicher Unterstützer der Hamas ist. Man erzählt uns weiter Geschichten von Sicherheit und Freiheit, von Skyshield und Sicherheitsbündnissen, ehe wir unversehens an der ständigen Radikalisierung der weltweiten Konflikte beteiligt sind. Gut, wir sind Österreicher. Wir können am Schluss zumindest sagen: Ich habe von allem nichts gewusst.

Der Fehlschluss der Frustrierten

Nun hat sich in Österreich noch ein zweiter, ebenfalls auf einem falschen Umkehrschluss fußender, politischer Strang entwickelt. Just Anhänger der FPÖ, die jahrzehntelang massiv für einen NATO-Beitritt Österreichs geworben hat, blicken nun hoffnungsvoll auf Russland und seinen Diktator Putin. Was sie sich von dieser Idolisierung erhoffen, ist unklar. Natürlich, es gibt Menschen, die sich von einem russlandfreundlichen Österreich eines erwarten: Geld. Und Geschäfte, die noch mehr Geld bringen. Aber das ist eine kleine Oberschicht. Ein Großteil der Wählerinnen und Wähler der FPÖ bekommt von ihrer Politik nichts, rein gar nichts.

Diesem Teil der persönlich und/oder politischen frustrierten FPÖ-Anhängerschaft bleibt nur ihre Grundhaltung: Sie sind dagegen. Sie sind gegen alles. Damit ist auch ein Anti-Amerikanismus verbunden, der in einzelnen Beispielen mit richtigen Argumenten daherkommen mag; denn es ist eine lange Liste der Untaten, die man den USA zur Last legen kann. Aber der Umkehrschluss, das Motto Der Feind meines Feindes ist mein Freund, ist auch hier ebenso irreführend und fatal, wie Mittäter der USA werden zu wollen.

Der Weg aus der Doppelmoral

Wir werden nur zu mehr Frieden und Gerechtigkeit beitragen können, wenn wir an den Konflikten und Kriegen nicht teilnehmen und neutral bleiben und vielleicht versuchen zu vermitteln. Wer die Radikalisierung einer oder beider Seiten befeuert, züchtet damit bereits die nächste Generation an Terroristen.

Und wir müssen uns aus dem Handel mit Unrechtsstaaten, die Kriege und Bürgerkriege führen oder Kriegsparteien und Terroristen mit Waffen beliefern, zurückziehen. Das zieht langwierige und tiefgreifende Veränderungen vor allem in unserem Konsumverhalten mit sich. Ein schwieriger und schmerzhafter Ausweg; aber einer, der aus der Doppelmoral herausführt, in der wir gefangen sind. Das ist in entwickelten Industriestaaten machbar und ihnen zumutbar. Und es muss immer einer da sein, der vorangeht. Wir brauchen eine politische Kraft, die diesen Weg vertritt.

Titelbild: Miriam Moné

Autor

  • Daniel Wisser

    Daniel Wisser ist preisgekrönter Autor von Romanen und Kurzgeschichten. Scharf und genau beschreibt er, wie ein Land das Gleichgewicht verliert.

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