Mittwoch, Juli 24, 2024

Gesundheitsministerium: Impfstoff um 220 Millionen Euro vernichtet

Das Gesundheitsministerium bestätigt auf ZackZack-Anfrage: Österreich „entsorgte“ 11,3 Millionen abgelaufene Covid-Impfdosen. In Zukunft droht ein weit höherer Schaden –  denn kaum jemand lässt sich noch impfen.

Die EU hat zu viel COVID-Impfstoff bestellt. Jetzt mussten die Mitgliedsstaaten hunderte Millionen abgelaufene Impfdosen entsorgen. In Österreich landeten laut Gesundheitsministerium 11,3 Millionen Impfdosen im Sondermüll.

Gesundheitsministerium um Transparenz bemüht

Wie ZackZack auf Anfrage im Gesundheitsministerium von Johannes Rauch (Grüne) erfuhr, wurden spezielle Logistikunternehmen mit der Entsorgung der Impfdosen beauftragt. Die Vernichtung der 11,3 Millionen Präparate verursachte laut Auskunft des Ministeriums Kosten in Höhe von 70.000 Euro. Aber der Schaden ist weit höher. Eine Impfdosis kostet laut übereinstimmenden Medienberichten durchschnittlich rund 20 Euro. Allein in Österreich wurde demnach Impfstoff im Wert von 220 Millionen Euro vernichtet.

Die überzogene Bestellung geht noch auf Bundeskanzler Sebastian Kurz zurück. „Alles, was wir kaufen können, kaufen wir.“ So begründete Kurz im Mai 2021 den Kauf von zusätzlichen 40 Millionen Impfdosen für die Jahre 2022 und 2023. Überschüssige Dosen könnten weiterverkauft oder gespendet werden, hieß es damals.

Wie viel die entsorgten Impfdosen selbst gekostet hatten, lässt sich nur erahnen. Denn in den veröffentlichten Verträgen zwischen Pharmaunternehmen und Europäischer Kommission werden nach wie vor die wichtigsten Informationen geschwärzt, weil zwischen EU und Pfizer zu den Preisen „Stillschweigen“ vereinbart wurde. Trotzdem kursieren ungeschwärzte Versionen im Internet.

Quelle: Europäische Kommission: ADVANCE PURCHASE AGREEMENT (“APA”)1 for the development, production, priority-purchasing options and supply of a successful COVID-19 vaccine for EU Member States

Das Gesundheitsministerium sagt dazu auf ZackZack-Anfrage: Die Preisgestaltung der COVID-19-Impfstoffe unterliegt der vertraglichen Verschwiegenheit und kann nicht ohne Zustimmung der Vertragspartner offengelegt werden. Die Bundesregierung beabsichtigt ihre Verpflichtungen einzuhalten.“

Gemeinsame Beschaffung

Die Verträge zum Kauf der Impfstoffe wurden mit Unternehmen wie BioNTech/Pfizer 2020 und 2021 geschlossen. Sie verpflichteten die europäischen Staaten zum Kauf von mehr als 1,5 Milliarden Impfdosen und zur Abnahme weiterer – nicht benötigter – Kontingente bis 2027. Im betreffenden Zeitraum gab es mit Rudi Anschober und Wolfgang Mückstein (Grüne) zwei Gesundheitsminister unter Bundeskanzler Sebastian Kurz. Sowohl das Gesundheitsministerium als auch das Bundeskanzleramt sind für die Impfstoffbeschaffung zuständig.

Das Gesundheitsministerium schreibt auf ZackZack-Anfrage zu den Bestellmengen: Die hohen Bestellmengen in den Jahren 2020 und 2021 waren großteils der weltweiten Unsicherheit über die Entwicklung der Pandemie geschuldet. Zu Beginn der Pandemie wusste niemand, welche Impfstoffe und Technologien wie gut wirken werden.“

Österreich entschied sich ursprünglich, bis 2027 weitere neun Millionen Impfdosen zu kaufen. Im Mai 2023 konnte die Kommission aufgrund der veränderten epidemischen Lage zumindest eine neue Einigung mit BioNTech/Pfizer erzielen. Der verpflichtende Kauf von Impfstoffdosen wurde dabei reduziert. Für Österreich bedeutet das laut einem Bericht von „Der Standard“ den verpflichtenden Kauf von 4,1 statt neun Millionen Impfdosen bis 2027.

Weitere Millionen Sondermüll

Auch in Zukunft wird wohl eher entsorgt als geimpft. In Österreich ist die Covid-Impfbereitschaft besonders stark zurückgegangen. Zahlen des „Europäischen Zentrums für Krankheitsprävention“ weisen für Österreich eine Impfrate von 0,7 Prozent bei der dritten Boosterimpfung aus. Sollte sich diese Zahl nicht erhöhen, müssen bis 2028 ein Großteil der 4,1 Millionen bestellten Dosen entsorgt werden.

In Anbetracht einer fehlenden Impfwerbekampagne wollte ZackZack vom Gesundheitsministerium wissen, wie der massenhaften Entsorgung von teuren Impfstoffen vorgebeugt werden soll. Man setze auf das Wissen in der Bevölkerung und Informationen auf der Website des Ministeriums: “Die Bevölkerung hat sich im Laufe der Corona-Pandemie ein breites Wissen über die Verfügbarkeit der Corona-Schutzimpfung  aufgebaut. Zusätzlich wird von Seiten des BMSGPK laufend auf die Wichtigkeit von Schutzimpfungen hingewiesen und dies auch aktiv kommuniziert.” Im Gesundheitsministerium ist man naturgemäß zuversichtlich, große Mengen der Impfstoffe auch zu verimpfen. Seit September 2023 hätte man laut Impfdaten-Dashboard über 500.000 Covid-Impfungen durchgeführt.

Will man verhindern, dass wieder Millionen an Impfdosen im Müll landen, sollte sich die Impfquote noch kräftig erhöhen.

Titelbild: APA/EXPA/JOHANN GRODER, HELMUT FOHRINGER / APA / picturedesk.com,
APA/picturedesk.com/Michael Gruber / Pexels from Pixabay

Autor

  • Daniel Pilz

    Taucht gerne in komplexere Themengebiete ein und ist trotz Philosophiestudiums nicht im Elfenbeinturm stecken geblieben.

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