Freitag, Juli 19, 2024

Weihnachtswünsche

Alles, was man diesem Land für eine bessere Zukunft wünschen kann, ist der Mut zur Wahrheit. Denn in Österreich regiert die Fiktion und nicht die Realität.

Im Oktober war ich auf der Buchmesse in Frankfurt; ein Aufenthalt, den ich mir nur leisten konnte, weil ich in Mainz in einem Hotel abgestiegen und täglich nach Frankfurt gependelt bin. Die Zimmersuche in Frankfurt ergab, dass das billigste Einzelzimmer etwas über 400,00 Euro pro Nacht kostete. Das kann ich mir schlichtweg nicht leisten.

In Hotels bekommt man inzwischen überall dieselbe Antwort: Der Zimmerpreis variiert saisonal. Heißt auf Deutsch: Die gebotene Leistung hat einen fiktiven Wert. Zur Zeit der Buchmesse kostet dieselbe Leistung mehr. Das kann ein Autor mit seinen Lesungen und Diskussionsauftritten nicht machen. Mein Weihnachtswunsch: Ein Hotel, das fixe Preise hat.

Gegenstand der Spekulation

Es ist der Preis eines Hotelzimmers also Gegenstand der Spekulation. Kein Gegenstand der Spekulation, sondern der Verhandlung mit den Arbeitgebern, sind hingegen die Löhne der Menschen, die in diesen Hotels arbeiten. Ihnen gesteht man keine zehnprozentige Lohnsteigerung zu, während sich die Preise für Übernachtungen seit 2020 verdoppelt haben. Nun lese ich, die Lohnerhöhungen würden die Inflation anheizen. Die Menschen sollen also einen Kaufkraftverlust in Kauf nehmen und trotzdem zu Weihnachten mehr kaufen.

Schon immer waren mir jene Menschen suspekt, die in der sogenannten freien Wirtschaft etwas Vernünftiges und Regulierendes sahen. Es kann von ihnen nur zwei Arten geben: Diejenigen, die diesen Unsinn wirklich glauben. Und diejenigen, die schlichtweg eine Zwei-Klassen-Gesellschaft wollen. Mein Weihnachtswunsch: Die Ein-Klassen-Gesellschaft.

Aufrüstung

Die Heuchelei, gleichzeitlich christlich und zugleich eine Wirtschaftspartei zu sein, zeigt sich am schönsten an der Diskussion um die Geschäftsöffnungen am 8. Dezember: Mariä Weihnachtseinkauf. Was können wir an Weihnachten Tröstliches sehen? Gar nichts, wir müssen uns den Trost selbst spenden. Unsere Gesellschaft ist drauf und dran, den Unterschied zwischen den Wohlhabenden und denen, die um ihr Überleben kämpfen, täglich größer zu machen. Dieselben, die das betreiben, beklagen sich dann darüber, dass die Gesellschaft gespalten sei.

Man hat nicht begriffen (oder man will gar nicht begreifen), dass gerechte Umverteilung der Schlüssel dazu ist, auch die Belastungen der Gesellschaft zu bewältigen. Wieder und wieder muss es gesagt werden, dass die Herausforderungen der Ökologie nur über gerechte Verteilung bewältigbar sind. Indem die Regierung Aktivistinnen und Aktivisten, die auf Probleme aufmerksam machen, als Terroristen abstempelt und wenn sie selbst kritisiert wird, eine Abrüstung der Sprache fordert, zeigt sie ihre Entschlossenheit, ökologische Probleme zu ignorieren. Mein Weihnachtswunsch: Die Aufrüstung der Sprache und zwar hin zu Präzision und Schlüssigkeit.

Selbsterkenntnis

Wer zu Weihnachten am Frieden interessiert ist, muss ihn auch selbst schaffen. Menschen machen Fehler. Fehler sind menschlich. Menschlichkeit bedingt aber auch, Fehler einzugestehen und nicht im Reflex der Selbstverteidigung anderen die Schuld dafür zu geben. Dazu braucht es nicht viel Fantasie. Es wäre schon fantastisch, wenn der Erste Nationalratspräsident dieser Republik seine Lage erkennt und der Demokratie nicht weiter schadet. Er könnte sein Amt zurücklegen und damit zeigen, was er unter Verantwortung versteht.

Jeder weiß, dass Sebastian Kurz, Wolfgang Sobotka und Christian Pilnacek in ihren Ämtern nicht für das Wohl der Republik, sondern für das Wohl ihrer Partei oder Person gehandelt haben. Dass man das nun nicht eingesteht, wird das Vertrauen der Menschen in die Politik nicht fördern. Man beklagt Vertrauensverlust? Daran sind die genannten Herren mitverantwortlich und auch ihre Mitstreiter, die zum Teil immer noch aktiv sind. Mein Weihnachtswunsch: Selbsterkenntnis.

Wahrheitsliebe

Unangreifbar wird man dann, wenn man selbstlos handelt. Man kann Elke Kahr für ihre Möbel kritisieren, oder dafür, dass sie einer Partei angehört, die das Wort Kommunismus in ihrem Namen führt. Aber für eines wird sie nicht kritisiert: für ihren Einsatz für Menschen, die Schwierigkeiten mit Mieten, ihrer Arbeit, der Arbeitslosigkeit oder andere existenzielle Probleme haben. Manche Menschen halten dieses Engagement für politisch unterstützenswert, andere nicht. An der Redlichkeit ihres Tuns aber zweifelt keiner.

Ich wünsche mir etwas: Das Gegenteil von Realitätsverweigerung. Ich habe lange nach einem Antonym für Realitätsverweigerung gesucht und keines gefunden. Ich nenne das, was ich mir Wünsche also Wahrheitsliebe. Die Leserinnen und Leser können aber dafür ihr eigenes Wort einsetzen. Ich wünsche Österreich Wahrheitsliebe. Es muss aber gar nicht Liebe sein. Schon das einfache Erkennen und Anerkennen der Wahrheit würde mir ausreichen. Doch davon sind wir weit entfernt.

Mut zur Wahrheit

Es ist schon klar: Wir Österreicher sind aufgewachsen mit der Hemmung, die Realität zu benennen. Das betrifft auch Generationen, die die übelsten Zeiten gar nicht erlebt haben und deren Ignoranz nicht aus dem Reflex der Selbstverteidigung hergeleitet werden kann. Vor einem Ländermatch der österreichischen Fußballmannschaft wird (die meisten erheben sich dabei von den Sitzen) I am from Austria gesungen. Dort heißt es in der ersten Zeile: Dei hohe Zeit ist lang vorüber. Was ist damit gemeint? Die Monarchie (also eine totalitäre Herrschaft)? Der Austrofaschismus? Die Nazizeit?

Was im Großen passiert, passiert auch im Kleinen: Vor wenigen Jahren wurden in der Presse vier Männer zu Göttern erklärt: Sebastian Kurz, René Benko, Wolfgang Sobotka und Christian Pilnacek. Wenn ich die Leistungen dieser vier Herren heute betrachte, wünsche ich mir eines: Wahrheitsliebe. Das hat nichts mit gerichtlichen Verurteilungen zu tun, sondern mit vernünftiger moralischer Einschätzung und Selbsteinschätzung. Letztere hat übrigens Heinz Christian Strache und Johann Gudenus nach der Veröffentlichung des sogenannten Ibiza-Videos zum Rücktritt bewogen. Ein Rücktritt – ein längst fälliger Rücktritt – des ersten Parlamentspräsidenten Sobotka erfolgt hingegen nicht. Österreich hat sich in diesen Personen getäuscht und sich täuschen lassen. Ob man der Realität ins Auge blickt oder nicht – sie bleibt die Realität. Unser Leben könnte besser sein, wenn wir mehr Mut hätten, diesen Blick nicht zu scheuen. Mein Weihnachtswunsch: Mut zur Wahrheit.

Titelbild: Miriam Moné

Autor

  • Daniel Wisser

    Daniel Wisser ist preisgekrönter Autor von Romanen und Kurzgeschichten. Scharf und genau beschreibt er, wie ein Land das Gleichgewicht verliert.

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