Samstag, Juli 20, 2024

Daumen rauf oder Daumen runter

Mit seiner binären Kritik-Kultur unterscheidet die Medienlandschaft in Österreich böse Feinde und gute Helden. Ihre Helden wie Karl-Heinz Grasser, Sebastian Kurz, René Benko sind heute verurteilt, am Ende, bankrott. Mehr denn je braucht Österreich jetzt dialektische und intelligente politische Analyse statt Boulevardisierung.

Sie haben es schon wieder getan. Wer? Die Österreicherinnen und Österreicher – also: wir. Was? Wir haben schon wieder durch Bejubelung Heilige zu Lebzeiten geschaffen. Und die Heiligen haben wieder nicht gehalten, was wir uns von ihnen versprochen haben. Es ist nicht nötig, die Fälle Kurz oder Benko hier zu diskutieren. Es ist nötig, die Qualität politischer Analyse in Österreich zu diskutieren.

Die sogenannten sozialen Netzwerke haben längst eine Kritik-Kultur geschaffen, die gerade für Fußballfans ausreicht und die Ehrlichkeit, Dialektik und Wirklichkeitssinn mit ihrer binären Logik unter sich begräbt: Daumen rauf oder Daumen runter.

Schluss mit der Jubelkultur!

Daumen rauf oder Daumen runter. Unter diesem Motto laufen Berichterstattung und sogenannte Kritik in Österreich. Wo der Daumen oben ist, wird heiliggesprochen. Der Heilige kann sich leisten, was er will. Er kann morgen das Gegenteil von dem sagen, was er gestern gesagt hat. Er kann Straftaten begehen. Er kann korrupt sein. Der Heiligenschein bleibt trotzdem. Es muss endlich Schluss sein mit der Jubelkultur der Marke Heldenplatz 1938!

Am 15. Juni 2018 stand in der Kronen Zeitung:

Lieber René Benko, nun ist der Kika/Leiner Ihrer. Und damit die Insolvenz des Möbelriesen abgewendet. Und 5000 Mitarbeiter dürfen wieder hoffen. Und Sie sind mir unheimlich. Nämlich unheimlich sympathisch. Erstens Tiroler, zweitens Schulabbrecher.

Als 17-jähriger Jungspund sanierten Sie in Innsbruck verstaubte Dachböden. Und heute, mit 40, sind Sie geschätzte 3,7 Milliarden Euro schwer. Dazwischen wurden Sie rechtskräftig wegen „versuchter verbotener Intervention“, vulgo Schmiergeldzahlung, zu einem Jahr bedingter Haft verurteilt. Nebbich. Zumal heute kein Mensch mehr darüber redet.

Das ist natürlich einer der offenen Liebesbriefe von Michael Jeannée. Wir fassen zusammen: Schulabbrecher GUT, Straftäter GUT, Korruption GUT!

Der Funke

Derartiges steht in der Zeitung mit der höchsten staatlichen Förderung Österreichs. Es kommt noch schlimmer. Einst waren es nur Boulevardzeitungen, die serienmäßig Heilige produzierten. Doch inzwischen ist der Funke (oder zumindest Anteile) auf die sogenannten Qualitätsmedien übergesprungen. Warum?

Für die frühe Kronen Zeitung war Olah ein Gott, Benya und Broda waren die Verdammten. Das hat mit der Geschichte der Kronen Zeitung zu tun. Wer sie nachliest, wird das schnell verstehen. Danach entdeckte man den Populismus. Der vom Sportreporter der Arbeiterzeitung zum Hassprediger der Krone mutierte Richard Nimmerrichter und viele andere angebliche Politik-Journalisten des Blattes schwangen sich in der Zeit der Causa Waldheim und des politischen Auftretens Jörg Haiders zur Höchstform auf: Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit und Demokratiefeindlichkeit zeichneten ihre Hasstiraden aus. Ihre einzige positive Botschaft: Personenkult.

Wir können auch anders

Doch der Boulevard entdeckte bald auch die wirtschaftliche Nutzungsmöglichkeit, die die Macht des Königsmachers mit sich bringt, und verstärkte den Druck auf die Politik, ihm offen und verdeckt Geld zuzustecken – Quartal für Quartal, Jahr für Jahr. Inzwischen kommuniziert man Unzufriedenheit mit der Höhe dieser Gelder als offene Drohung direkt an die Regierung: »Wir können auch anders«.

»Wir können auch anders« – das heißt, dass die vierte Macht die erste geworden ist. »Wir können auch anders« bedeutet: Wir sind die eigentlich Regierenden. Und – leider! – haben die Qualitätsmedien von den Boulevardmedien gelernt und nicht umgekehrt. Eine gewaltige Boulevardisierungswelle hat unser Land erfasst. 2016 wurde diese Welle massiv und sie hat fast alles mit sich gerissen, was an brauchbarem Journalismus noch da war.

Oden und Lügen

Sebastian Kurz und René Benko wurden zu Wunderkindern erklärt. Die Dummheit und Kritiklosigkeit der Boulevardmedien wäre vielleicht noch angegangen, aber das Einstimmen sogenannter Qualitätsmedien in das Lobhudelkonzert war die eigentliche Schande. Ja, die gemeinten Redakteurinnen und Redakteure waren sich nicht einmal zu blöd, auch auf Twitter, wo sie »nur privat« unterwegs waren, ihre Oden auf Kurz, Blümel et alii und die Lügen von der »alternativlosen« Koalition Schwarz-Blau von 2018 zu singen und Selfies mit Regierungsmitgliedern zu posten.

Es gab eine Zeit, in der Kritik an Kurz oder Benko mit jenem Argument weggewischt wurde, das auf die Jubelnden selbst zutraf: Voreingenommenheit. Als ich 2018 auf Twitter postete, dass von Sebastian Kurz einst nichts als Gerichtsverfahren übrigbleiben würden und von René Benko nichts als Firmenpleiten, antwortete mir ein einst bedeutender ORF-Journalist ich sei »ein Kurz-Hasser und eine Fake-News-Schleuder«. Heute berichtigen bürgerliche und liberale wie Karl Schwarzenberg, Paul Lendvai, Barbara Coudenhove-Kalergi und viele andere das Bild zu meinen Gunsten. Einen »Schwindler« nannte Schwarzenberg Kurz sogar im Jahr 2022. Warum tat er das nicht schon 2017? Schon damals war alles klar.

Undemokratische Verdammungskultur

Was auf die Heiligenbildung zutrifft, trifft mit umgekehrten Vorzeichen auch auf die Verdammungskultur in diesem Land zu. Wir wissen, dass die oberste Direktive der Gerald-Fleischmann-ÖVP, die ja immer noch die größte Fraktion im Nationalrat ist und die Regierung anführt, lautet: Keine Koalition mit Sozialdemokraten!

Sebastian Kurz hat es offen ausgesprochen. Andreas Khol hat es offen ausgesprochen. Kloibmüller hat es geschrieben: »… den Sozen zeigen, wo der Hammer hängt«. Wir kennen den Sager von den »roten Gfrießern«. Die ÖVP bereitet eine Regierung mit der FPÖ vor, wie sie sie bereits in einigen Bundesländern gebildet hat, wo sie genau diese Koalition vor der Wahl dezidiert ausschloss. Aber heute geht es längst nicht mehr um die Ausgrenzung der SPÖ durch die ÖVP. Heute ist Österreich an einem Punkt, an dem klar sein muss, dass alle Demokraten, ALLE, die an die Demokratie glauben, sich zusammenschließen müssen, um die Demokratie zu erhalten. Wenn die ÖVP sich dem Konsens und dem Kompromiss weiter verschließt, bereitet sie den Boden für ein autoritäres System, das sie selbst bald pulverisieren wird. Das hat sie ja schon einmal in der Geschichte getan.

Maximal fünf Prozent

Den bildungsfeindlichen und demokratiefeindlichen Boulevardmedien geht es ausschließlich um sich selbst. Den Qualitätsmedien sollte es um Österreich gehen. Um Österreich – das demokratische Österreich – zu erhalten, brauchen wir Informationskultur, brauchen wir Kritik-Kultur, brauchen wir die Förderung von Bildung und Denken und nicht ihre Abschaffung.

Wären wir ein Land, in dem Bildung und Denken wirklich einen hohen Stellenwert hätten, würde eine Partei mit einem Spitzenkandidaten Sebastian Kurz maximal 5 Prozent aller Stimmen bekommen. Wären wir ein Land, in dem Bildung und Denken wirklich einen hohen Stellenwert hätten, würde eine Partei mit einem Spitzenkandidaten Herbert Kickl maximal 5 Prozent aller Stimmen bekommen.

Titelbild: Miriam Moné

Autor

  • Daniel Wisser

    Daniel Wisser ist preisgekrönter Autor von Romanen und Kurzgeschichten. Scharf und genau beschreibt er, wie ein Land das Gleichgewicht verliert.

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